US-Wahlen

«Ich habe gewählt – es war eine Zumutung»: So erlebte unser Korrespondent die Erfüllung seiner Bürgerpflicht

Drei Stunden stand CH-Media-Korrespondent Renzo Ruf in Alexandria in der Warteschlange. Dann ging alles plötzlich ganz schnell.

Drei Stunden stand CH-Media-Korrespondent Renzo Ruf in Alexandria in der Warteschlange. Dann ging alles plötzlich ganz schnell.

So viele Amerikaner wie noch nie nutzen dieses Jahr die Möglichkeit des «early voting». Das braucht viel Geduld – und sehr viel Nerven, wie unser Korrespondent aus eigener Erfahrung weiss.

Noch nie war das Interesse an einer amerikanischen Wahl derart gross: 34 Millionen Amerikanerinnen und Amerikaner haben zwei Wochen vor dem eigentlichen Wahltag am 3. November bereits abgestimmt. Unser Korrespondent wagte den Selbstversuch und reihte sich am Montag an seinem Wohnort Alexandria (Virginia) in die Schlange vor einem Wahllokal ein.

12.59 Uhr: Fehlstart. Ich habe meinen Fahrausweis zu Hause vergessen und muss umkehren. Der Staat Virginia ist in diesem Punkt strikt: Wer keine offizielle Identitätskarte vorweisen kann, der darf nicht abstimmen.

13.10 Uhr: Das Wahllokal ist seit zehn Minuten geöffnet. Ich reihe mich in die 400 Meter lange Schlange ein. Eine Minute später bin ich schon nicht mehr der Letzte. Ein Mann baut sich hinter mir auf dem Trottoir auf, in sicherer Distanz.

13.15 Uhr: Ein alter Mann mit Krücke humpelt an mir vorbei auf dem Weg ans Ende der Warteschlage. Ich biete ihm meinen Platz an. Er nimmt mein Angebot dankend an. Für mich heisst das: Zurück an den Start.

Direkt an der dichtbefahrenen Strasse stehen sich die wahlwilligen Amerikaner die Beine in den Bauch.

Direkt an der dichtbefahrenen Strasse stehen sich die wahlwilligen Amerikaner die Beine in den Bauch.

14.06 Uhr: Ein junger Wähler hat sein Portemonnaie im Auto vergessen. Kein Problem, sagt die Frau, die hinter ihm steht. Er rennt über die Hauptstrasse. Zwei Minuten später ist der Mann zurück und reiht sich an seinem alten Platz ein. Niemand protestiert. Die Amerikaner sind geübte Schlange-Steher. Und sehr gut organisiert.

14.34 Uhr: Plötzlich habe ich Hunger. Ich stehe an der Einfahrt zweier Restaurants, eines für Thai-Spezialitäten, das andere für peruanisches Poulet. Es riecht nach frittierter Nudelsuppe.

14.38 Uhr: Ein «Ice Cream Truck» fährt vorbei, hält aber nicht an. Was ist bloss aus den amerikanischen Unternehmensgeist geworden?

14.56 Uhr: «Das Ende ist absehbar», sagt die Frau vor mir. Ich lache und sage, sie sei eine Optimistin. Aber sie hat recht: Wir befinden uns nun auf dem Parkplatz des Verwaltungsgebäudes, das provisorisch als Wahllokal dient. Der Komplex hat auch ein Recycling-Container für Glas, der nach dem Wochenende eifrig benutzt wird. Es stinkt nach Wein und abgestandenem Bier.

Nase zu und durch: Die Weg zur Urne führt direkt an einer stinkenden Altglassammelstelle vorbei.

Nase zu und durch: Die Weg zur Urne führt direkt an einer stinkenden Altglassammelstelle vorbei.

15.09 Uhr: Eine Vertreterin der Demokraten spricht uns Mut zu. Sie sagt, dass die Wartezeit in der vorigen Woche sechs Stunden betragen habe. «Im Vergleich dazu sind sie schnell unterwegs.»

15.35 Uhr: Nun stehe ich vor dem Tisch der Republikaner. Die Stimmung ist etwas gedämpft: Seit 20 Jahren ist der Verwaltungsbezirk Fairfax County eine Hochburg der Demokraten. Zwei Offizielle debattieren über die Zulässigkeit von Wahlwerbung. «Ist es wirklich erlaubt, ein Plakat derart nahe am Eingang aufzuhängen?», fragt eine Frau.

15.37 Uhr: Endlich bin ich im Verwaltungsgebäude. Eine Mitarbeiterin begrüsst uns und bedankt sich für unsere Geduld. Dann erklärt sie die Prozedur – die vor allem dann kompliziert ist, wenn man bereits einen Stimmzettel für die briefliche Stimmabgabe bestellt hat. Habe ich nicht. Ich schaue mir deshalb die Ausstellungsgegenstände des Ortsmuseums an.

15.56 Uhr: Eine ältere Dame kontrolliert meinen Fahrausweis und sieht nach, ob ich ein registrierter Wähler bin. Auch in Virginia gilt: Wer an der Wahl teilnehmen will, muss seinen Namen rechtzeitig ins Stimmregister eintragen lassen. Die Frau gibt mir meinen Stimmzettel.

So sieht er aus, der begehrte Stimmzettel. Nur noch ausfüllen und in die Maschine füttern, dann wars das.

So sieht er aus, der begehrte Stimmzettel. Nur noch ausfüllen und in die Maschine füttern, dann wars das.

16.00 Uhr: Dann geht alles ganz schnell. Ich fülle das Formular aus, wähle einen Präsidenten, einen Senator und einen Abgeordneten für das Repräsentantenhaus. Dann füttere ich den Stimmzettel in eine Wahlmaschine. Fertig!

16.02 Uhr: Auf dem Weg zum Auto treffe ich den humpelnden Mann wieder, dem ich meinen Platz in der Schlange überlassen hatte. «Hat sich das Warten gelohnt?», frage ich. Er grinst und sagt: «Das werden wir am 3. November sehen.»

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