Jonathan Watts sammelt die Lehrbücher ein, die Schüler am Ende der Lektion zurückgelassen haben. «Teenager hören nur sehr selektiv zu, vor allem Jungs», sagt er schmunzelnd. Watts unterrichtet Geografie an einer Sekundarschule im Norden Londons und liebt seinen Job «meistens», wie er sagt.

Der 29-Jährige ist seit drei Jahren Lehrer und gestikuliert lebhaft, wenn er die Vorzüge beschreibt: «Es gibt nichts Tolleres, als diesen Moment mitzuerleben, wenn das Licht aufgeht bei einem Schüler», schwärmt er. «Zu wissen, dass man bei diesem Eureka-Moment eine entscheidende Rolle gespielt hat, erfüllt einen mit einer besonderen Art von Befriedigung.»

Trotzdem zählt Watts die Tage bis zu den Osterferien: «Die ganze Bürokratie, der konstante Druck, gewisse Ziele zu erreichen, der Eindruck, dass man ständig von irgendeiner Seite beobachtet und bewertet wird – es wird manchmal einfach zu viel.» Oft fühle er sich ausgelaugt während Lektionen, «wo ich eigentlich 100 Prozent für die Kids da sein will. Ich merke, dass die Ansprüche an mich ausserhalb der Schulstunden am grössten sind.»

Flexiblere Arbeitsmodelle in der Schweiz

Auch Catherine Bruce (52) sieht die Arbeitsfreude in den englischen Staatsschulen in Gefahr: «Es ist ein konstanter Balanceakt», sagt die Primarlehrerin. «Das Arbeitspensum scheint nur noch zu wachsen. Ich beobachte, wie junge, enthusiastische Lehrerinnen und Lehrer dazu aufgemuntert werden, sich schnell auszubrennen.» Bruce unterrichtet seit 20 Jahren im Westen Londons und muss am Freitag nach Arbeitsschluss oft ein Taxi bestellen, um all die Schulhefte nach Hause zu bugsieren, die noch korrigiert werden müssen.

Der englische Erziehungsminister Damian Hinds (49) zeigt Verständnis für die Kritik, die auch von den grossen Gewerkschaften des Erziehungsbereichs geübt wird: «Jeder soll sich sehr klar darüber sein, wie schwer Lehrer arbeiten», liess er in einem kürzlichen Presseinterview verlauten. Hinds kann sich allerdings keine Allgemeinplätze erlauben, das Problem der Überlastung im Lehrberuf drückt sich in zunehmend unbequemen Statistiken aus: 40 Prozent von befragten Lehrkräften sagten kürzlich in einer Umfrage, dass sie über 21 Stunden pro Woche zu Hause arbeiten, um mit den Anforderungen ihres Mandats mitzuhalten. In London verlassen knapp 35 Prozent der neuen Lehrerinnen und Lehrer den Beruf in den ersten vier Jahren.

Die Zahl von Sekundarschülern wird laut Prognosen um 20 Prozent anwachsen im nächsten Jahrzehnt – was einer Lehrkraft-Abwanderungsrate von 10 Prozent gegenübersteht. Damian Hinds sieht Handlungsbedarf: Er will einen Schwerpunkt darauf legen, das schiere Datenvolumen zu reduzieren, das in Schulen tagtäglich angehäuft wird.

«Ich bin nicht Lehrer geworden, um routinemässig Tabellen auszufüllen», merkt da auch Jonathan Watts an. Ausserdem verspricht der Politiker Hilfe bei der Erstellung von Unterrichtsplänen, wo er «grosses Potenzial» erkennt, Ressourcen zusammenzulegen. Gewerkschaftsboss Kevin Courtney, der die National Education Union anführt, sagt über den Erziehungsminister: «Er hat angefangen, zuzuhören, und das freut uns natürlich. Aber die Arbeit ist noch lange nicht erledigt. Die Anstellungskrise ist enorm.» Hinds sieht die Lösung in Arbeitsmodellen wie Jobsharing und vermehrten Teilzeitanstellungen.

«Ich baue einen Tag ab im nächsten Schuljahr», sagt Catherine Bruce, «aber ich weiss, dass mein Schulleiter kein grosser Fan von Teilzeitstellen ist.» Dem Erziehungsminister schwebt eine «kulturelle Verlagerung in den Köpfen» vor. Er appelliert an die Primar- und Sekundarschulen, mehr Flexibilität zu zeigen, wenn es um die Festlegung von Arbeitsstunden und Präsenzzeiten geht.

«In diesem Punkt gibt es bei uns kein Entwicklungspotenzial», tönt es hingegen aus der Dienststelle Volksschulbildung in Luzern und dessen Leiter Charles Vincent (63): «In unseren Schulen arbeiten sehr viele Lehrpersonen in Teilzeit, gut 80 Prozent.»

Es gebe auch im Kanton Luzern gewisse Anzeichen einer Personalverknappung, vor allem auf der Primarstufe und in ländlichen Gebieten. Vincent aber ist von der Attraktivität des Lehrberufs in seinem Einzugsgebiet nach wie vor überzeugt: «Lehrpersonen, welche Fragen zur Unterrichtsführung haben, oder solche, die Probleme mit einzelnen Lernenden haben, können Unterstützung durch qualifizierte Beraterinnen und Berater holen», führt er als Beispiel aus.

Die Ansprüche der Wirtschaft steigen

In London ist das anders, wie Geografielehrer Jonathan Watts sagt: «An der Frontlinie fühlt man sich oft allein gelassen, und ich wünsche mir definitiv mehr Unterstützung. Kolleginnen und Kollegen helfen, aber von der Schulleitung kommen oft nur nette Worte, wo es offen gesagt Taten braucht.»

Auch in der Ostschweiz ist man sich den wachsenden Herausforderungen im Schulzimmer bewusst. Alexander Kummer (53), Leiter des Amtes für Volksschule des Kantons St. Gallen, nennt den «Umgang mit der Heterogenität in der Klasse und den Leistungsunterschieden» als Hauptgrund, warum das Stressniveau für Lehrerinnen und Lehrer zunimmt.

Ausserdem gebe es seitens der Wirtschaft steigende Anforderungen an die Volksschule und damit die Pädagogen: «Gleichzeitig sollen die Kinder auch Kinder bleiben dürfen. Der Umgang mit dieser Gratwanderung ist anspruchsvoll.» Der zukünftige Bedarf an Lehrkräften sollte im Kanton St. Gallen gedeckt werden können, meint Kummer zuversichtlich.

Damian Hinds, seit 15 Monaten im Amt als Staatssekretär für Erziehung in England, gibt sich gerne als progressiver Anpacker. Seine Jobsharing-Initiative präsentiert er mit einer Euphorie, wie man sie im Kabinett von Theresa May derzeit kaum wahrnimmt.» Mir schwebt eine Art Partnervermittlung vor – eine Plattform, auf der sich Lehrerinnen und Lehrer treffen können, die ähnliche Vorstellungen von Stellenteilung haben», beantwortete er die entsprechende Frage während einer Medienorientierung.

Hinds wäre nicht der erste Amtsinhaber, der ein politisches Ei des Kolumbus propagiert, welches bei genauerem Hinsehen wenig praktische Substanz mit sich bringt. Das Erziehungswesen in England scheint sich dauernd neu zu erfinden, was die Arbeit im Schulzimmer laut den befragten Lehrkräften nicht unbedingt einfacher macht.» Wenn es die Politiker ernst meinen mit einer Verbesserung unserer Arbeitsbedingungen, sollten sie mehr Vertrauen in uns als Experten haben», kommentiert Primarlehrerin Catherine Bruce: «Neue Initiativen bedeuten oft mehr Belastung.»

Keine Jobsharing-Pläne in Luzern

Watts kann der Jobsharing-Idee durchaus eine positive Seite abgewinnen: «Wenn die Idee ernst gemeint ist – und bei Politikern weiss man ja nie – könnte dies Leute anziehen, die gerne unterrichten, aber nicht gleich ihr ganzes Leben aufgeben wollen.» Er finde die Idee «prüfenswert», aber wartet auf konkrete Schritte in Richtung Befreiung der Lehrer von ihrem «monströsen» Arbeitspensum: «Die Krise findet jetzt statt, und im englischen Sprachgebrauch sagt man, dass Leute ihre Wahl mit den Füssen treffen.»

Übersetzung: Aus dem Lehrberuf austreten. «Ich könnte eine ganze Reihe von administrativen Aufgaben aufzählen, die einfach zum Beruf gehören», kommentiert Kummer in St. Gallen. «Ich unterstütze aber sehr, dass alles, was nicht unbedingt nötig ist, in diesem Bereich kritisch geprüft und wenn möglich entschlackt wird.»

In Luzern existieren laut Charles Vincent keine Zahlen zur Stellenteilung und offenbar auch keine Pläne: «Wir kennen nur die Anzahl der Lehrpersonen in Teilpensum, und das ist aktuell ein grosser Teil. Aber das sind nicht eigentliche Jobsharing-Lösungen.» Anders sieht es in St Gallen aus: «Jobsharing ist neben Teilzeitanstellungen längst die Regel», sagt Alexander Kummer.

«Dies macht einen der Anreize für den Lehrberuf aus.» Sein englischer Amtskollege indessen verspricht eine «baldige technologische Lösung», um kompatible Lehrkräfte zusammenzuführen. Catherine Bruce kann sich ein Grinsen nicht verkneifen, wenn sie sich vorstellt, wie sich Leute auf einer Internetplattform Botschaften zusenden, um das Potenzial einer möglichen – professionellen – Partnerschaft abzutasten: «Das tönt mir zu sehr nach Onlinedating und einsamen Herzen. Wobei als Lehrerin kommt man sich oft so vor, als wäre man ganz alleine auf der Welt.»