Kurz vor dem Armenier-Jahrestag heute Freitag hat die türkische Regierung versucht, den Rufen nach Anerkennung des Völkermordes den Wind aus den Segeln zu nehmen: Premier Ahmet Davutoglu erinnerte ausdrücklich an das Leid der Armenier, warnte aber vor einer einseitigen Verurteilung seines Landes.

Davutoglu betonte mit Blick auf den von der Türkei abgelehnten Begriff des Völkermords, es sei rechtlich und moralisch problematisch, die gesamte Schuld der türkischen Nation aufzubürden und alles auf ein Wort zu reduzieren. Der Premier verwies zudem auf eine Gedenkzeremonie im armenischen Patriarchat in Istanbul heute Freitag.

Seitenhieb auf Deutschland

Regierungssprecher Bülent Arinc sagte, 1915 habe es zwar eine «Tragödie» gegeben, doch die Türken hätten «nicht wissentlich, vorsätzlich und absichtlich einen Völkermord begangen». Die Welt wisse sehr genau, wer Völkermorde begangen habe, fügte Arinc hinzu. Einige Medien legten dies als Seitenhieb auf Deutschland aus.

Doch auch in der Türkei vertritt eine ganze Riege von Historikern die Auffassung, dass die Massaker an den Armeniern sehr wohl Teil eines staatlich sanktionierten Plans waren. Einer von ihnen ist Mehmet Polatel, der an der privaten Koc-Universität in Istanbul tätig ist und die Enteignung armenischen Besitzes während der Vertreibung erforscht.

Detailliert schildert Polatel in seinen Büchern und Artikeln, wie der Besitz der Armenier ab 1915 planmässig enteignet und verteilt wurde. Versorgt wurden damit zunächst muslimische Flüchtlinge vom Balkan und aus dem Kaukasus sowie die osmanische Staatskasse. Ein Teil des erbeuteten Reichtums wurde gezielt muslimischen Unternehmern zur Verfügung gestellt, um eine türkifizierte, nationale Wirtschaft zu schaffen. Die «systematische Kontrolle» des Staates über die Enteignung der Armenier belege, dass es sich bei ihrer Deportation keineswegs um eine vorübergehende Umsiedlung gehandelt habe.

Grundlage der Wirtschaft

Auch der Historiker Ugur Ümit Üngör, der die Türkifizierung von Anatolien zulasten der alteingesessenen Minderheiten erforscht, betont die wirtschaftliche Bedeutung der Enteignungen während der Armenier-Massaker. Die heute so erfolgreiche türkische Volkswirtschaft sei auf dem enteigneten Besitz der Armenier aufgebaut, sagt Üngör: «Das ist die Grundlage der türkischen Wirtschaft. Die Enteignung der Armenier war eine der grössten Umverteilungen von Eigentum in der neueren Geschichte.»

Anders als der türkische Staat schrecken diese türkischen Wissenschafter vor schmerzhaften Erkenntnissen nicht zurück. Der junge Politikwissenschafter Ümit Kurt weist auf die Parallelen zum deutschen Nationalsozialismus hin: «Man kann einen ganz klaren Vergleich ziehen zwischen der Arisierung jüdischen Eigentums durch das Nazi-Regime und der Türkifizierung und Enteignung armenischen Besitzes. Es gibt beträchtliche Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten zwischen den beiden Prozessen.»

Auch der Frage nach der Rolle der modernen Türkischen Republik und ihres Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk geht der junge türkische Wissenschafter nicht aus dem Weg: «Hinter der Türkifizierung armenischen Besitzes stand ein riesiges, enormes Rechtsgefüge, das von der Türkischen Republik und Atatürk übernommen worden ist. Diese ganzen Gesetze und Vorschriften sind von der Republik übernommen und aktualisiert worden.»