Analyse

In Mali ist die Musik verstummt

Kämpfer der Gruppe Ansar Dine

Kämpfer der Gruppe Ansar Dine

Seien wir ehrlich: Mali macht normalerweise nur selten internationale Schlagzeilen - zumindest bis vor einem Jahr war es so. Vorher erfuhren die Leserinnen und Leser der «Nordwestschweiz» nur selten vom westafrikanischen Land.

2009 bewegte etwa das Schicksal von Werner Greiner, der sich über ein halbes Jahr in den Händen von Kaida-Terroristen in der Wüste befand. Erfreulicher sind hingegen gelegentliche Artikel über Konzerte von malischen Musikern in der Schweiz.

Zeugnis einer reichen Kultur

Und tatsächlich: Auch wenn Mali eines der ärmsten Länder auf der Welt ist, so ist die dortige Musik Zeugnis einer reichen Kultur. Khaira Arby etwa ist eine der berühmtesten Musikerinnen Afrikas. Sie gibt überall auf der Welt Konzerte - einzig in ihrer Heimatstadt Timbuktu kann sie nicht mehr auftreten, seit religiöse Extremisten im Norden Malis im letzten Sommer Scharia-Recht ausgerufen haben. Die Dschihadisten brachen in ihre Wohnung ein und zerstörten ihre Instrumente.

Quelle: youtube/afropopstar

Timbuktu diva Khaira Arby : desert blues

Ihre Stimme sei eine Gefahr für den Islam, erklärten die Islamisten ihren Nachbarn (obwohl eines ihrer populärsten Lieder Allah lobpreist). In einem Interview mit der «Washington Post» sagte die malische Künstlerin im Dezember traurig, sie habe Timbuktu verlassen müssen, weil die Islamisten damit gedroht hätten, ihr die Zunge abzutrennen. Hunderte von Musikern flohen in den Süden oder ins Ausland. Im Norden wird seither nicht mehr gesungen. Die Musik ist über Nacht verstummt. Der moderate Islam wurde von einer ultrakonservativen Variante wie in Afghanistan oder Somalia ersetzt.

2012 überstürzten sich die Ereignisse, entsprechend berichteten die «Nordwestschweiz»-Korrespondenten Stefan Brändle und Ralph Schulze nun regelmässig über das Land. Im Kern ringen in Mali seit fast einem Jahr zwei Welten miteinander: Auf der einen Seite die Zukunft, das moderne Mali mit seiner vibrierenden Musik und dem jährlichen Musikfestival in Timbuktu, wo schon Robert Plant und U2 aufgetreten sind, das aber 2013 erstmals nicht mehr stattfinden kann.

Auf der anderen Seite die Vergangenheit, die steinzeitlichen Vorstellungen der islamischen Gotteskrieger, die weltweit die Musik und alle modernen Erscheinungen ausrotten möchten, und die mit ihrer verdrehten und destruktiven Vision vom Islam den Alltag in Mali für die Menschen zu einem Albtraum gemacht haben. Die radikale Trennung der Geschlechter, die Verbannung der Musik, die brutale Interpretation der Scharia, welche die Dschihadisten in Nord-Mali einführten und im ganzen Land verankern wollen, wird den Menschen im Norden Malis mit unbeschreiblicher Brutalität aufgezwungen.

Mudschaheddin im Teenageralter

Ein versierter Kenner Malis, der Journalist Andy Morgan (der auch die Tuareg-Popgitarristen Tinariwen als Manager betreut), hat versucht, etwas Licht in die komplexen Verstrickungen von lokalen, regionalen, persönlichen und tribalen Rankünen unter den Islamisten im Norden zu bringen. In einem Blog-Eintrag erklärte er, wer alles an den Kämpfen gegen die malische Regierung und Frankreich mitwirkt. Offenbar kämpften bei der überraschenden Offensive in Konna letzte Woche zahlreiche Söldner aus Nigeria, Guinea, Senegal und der Elfenbeinküste mit. Viele Mudschaheddin seien noch im Teenageralter, also Kindersoldaten.

Morgan glaubt, dass die Konna-Offensive von Ansar-as-Sunna durchgeführt wurde, einer erst gerade gegründeten Jugendlichen-Brigade aus der Region Gao. Im Norden gibt es unzählige militante Gruppen mit legendären Anführern, neben dem Tuareg-Rebellen Iyad Ag Ghali von Ansar Dine etwa, den alten Wüstenfuchs Moktar Belmoktar (Spitzname «Mr. Marlboro»), den Kaida-Chef Yahya Abou el-Haman oder den notorischen Drogenbaron Sultan Ould Badi mit seiner Miliz aus Arabern aus Gao, der seine Schmuggelnetzwerke durch die Wüste bewahren möchte. Die Liste könnte weitergeführt werden: Ein gewisser «Abdullah aus Benin» befehligt eine weitere Miliz und hat Verbindungen zu den Boko-Haram-Islamisten in Nord-Nigeria. Oder Omar ould Hamaha, der «Rotbart», herrscht im Norden von Timbuktu mit seiner Miliz aus arabischen Berbern.

Keine homogene Gruppe von Islamisten

Diese unvollständige Listemacht klar: Es gibt im Norden Malis keine homogene Gruppe von Islamisten. Unter den Dschihadisten in Mali gibt es wichtige Differenzen, die einzelnen Akteure verfolgen zum Teil ganz andere Ziele. Klar ist nur: Die französische Militärintervention wird es Islamisten aller Art leicht machen, neue Kämpfer für die verschiedenen Milizen zu rekrutieren. Präsident François Hollande hat entschieden, auf der Seite des modernen Mali einzugreifen und den Maliern im Kampf gegen die Rückkehr in die Steinzeit zu helfen - trotz der Risiken von terroristischen Vergeltungsanschlägen in Paris. Es bleibt zu hoffen, dass es der von Frankreich angeführten Koalition gelingt, die Dschihadisten im Norden Malis auszuschalten und dem westafrikanischen Land die Musik und Lebensfreude zurückzubringen.

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