Das Ergebnis war so unerwartet wie spektakulär. Indiens Premierminister Narendra Modi ist in einer sechswöchigen Marathonwahl nicht nur wiedergewählt worden, sondern konnte seine absolute Mehrheit im Parlament sogar noch ausbauen. Seine Partei BJP eroberte 303 der 545 Sitze des Abgeordnetenhauses, elf mehr als bei der Wahl 2014.

Der Verkündung dieses Resultats am Donnerstag in Neu-Delhi war ein Kraftakt vorausgegangen. Vom 11. April bis zum 19. Mai hatten mehr als 600 Millionen Inder in über einer Million Wahllokalen von den Hängen des Himalajas bis zu den tropischen Inseln in der Andamanensee ihre Stimme abgegeben. Die Wahlbeteiligung lag bei 67 Prozent, die höchste, die Indien je verzeichnet hat. Zum ersten Mal nahmen genauso viele Frauen wie Männer an der Wahl teil.

100'000 Kilometer zurückgelegt

Die Kongress-Partei, deren Vertreter Indien 1947 in die Unabhängigkeit führten und die die Politik des Landes über Jahrzehnte dominierte, konnte der BJP entgegen der Prognosen von Analysten nicht gefährlich werden. Rahul Gandhi, Spross der berühmtesten Politdynastie des Subkontinents und Spitzenkandidat der 1885 gegründeten Kongress-Partei, der «Kong», erlebte im Gegenteil eine krachende Niederlage, als er den Sitz für den Wahlkreis Amethi, den seine Familie über Generationen innehatte, verlor. Nur weil er sicherheitshalber auch in einem anderen Wahlkreis angetreten war, wird künftig überhaupt noch ein Gandhi in der Lok Sabha, dem indischen Parlament, sitzen.

Modi, der stets als «Mann des Volkes» auftritt, hatte im Wahlkampf keine Mühen gescheut, das Wahlvolk zu treffen. Er legte dazu etwa 100'000 Kilometer zurück und trat auf 142 Kundgebungen auf. Immer wieder erzählte er dabei die Geschichte, die ihn zur Identifikationsfigur der Massen macht: dass er eben nicht aus der Elite stammt, sondern im Gegenteil der Sohn eines aus einer niedrigen Kaste stammenden Teeverkäufers ist. Dass seine Kindheit in einer Kleinstadt im Gliedstaat Gujarat von Armut und Diskriminierung geprägt war. Und dass er als junger Mann erkannt hat, dass es seine Mission ist, Indien den Indern zurückzugeben. Die hinduistische Kultur des Landes drohe verwässert zu werden, warnt Modi gern. Wer sein Vaterland liebe, wähle deshalb BJP. Er und seine Partei würden dafür sorgen, dass das wahre Indien wieder zu seiner alten Grösse aufsteigen werde.

Arbeitslosigkeit auf Jahrzehntehoch

Modi spielt virtuos auf der Klaviatur des Nationalismus. Die patriotische Inbrunst, die der 68-Jährige dabei an den Tag legt, hat viele Inder vergessen lassen, dass er in seiner erste Amtszeit trotz bequemer Mehrheit viele seiner Versprechungen nicht wahr machte. Die Arbeitslosigkeit stieg auf den höchsten Stand seit Jahrzehnten. Die Einkommen in der Landwirtschaft, von der etwa die Hälfte der Inder leben, brachen ein. Die gross angekündigte Vereinheitlichung der Umsatzsteuer erwies sich als fehlerbehaftet. Eine plötzliche Entwertung aller Geldscheine tat wenig, um wie versprochen der Korruption Einhalt zu gebieten, sondern bereitete der breiten Bevölkerung über Monate schwerwiegende Probleme. Die zunehmende Hinduisierung der Gesellschaft in den ersten fünf Modi-Jahren hat ein Klima der Intoleranz geschaffen, in dem sich viele indische Muslime und Christen – zusammengenommen mehr als 210 Millionen Bürger – nicht mehr sicher fühlen.

Analysten im In- und Ausland hatten geglaubt, dass die Wähler Modi all diese Versäumnisse und Probleme in Rechnung stellen würden. Doch erwies sich diese Prognose als falsch. Statt sich von Modi abzuwenden, glaubten viele Inder seinem Argument, dass es eben länger als nur fünf Jahre dauere, die Folgen von «60 Jahren Misswirtschaft» der Kongress-Partei zu beheben. Zugute kam Modi zudem ein Vorfall im indischen besetzten Teil von Kaschmir. Dort hatte ein Selbstmordattentäter im Februar 40 indische Soldaten getötet. Neu-Delhi antwortete darauf, indem es mutmassliche Terroristenstellungen auf pakistanischem Gebiet bombardierte. Die Konfrontation wurde in Indien enthusiastisch gefeiert und katapultierte Modis Zustimmungswerte in neue Höhen. Die Inszenierung des Premiers als Kriegsherr war so erfolgreich, dass selbst viele politische Gegner für ihn stimmten. Laut einer Umfrage des Centers for the Study of Developing Societies (CSDS), einer in Delhi ansässigen Denkfabrik, hätte ein Drittel der BJP-Wähler eine andere Partei unterstützt, wenn statt Modi ein anderer Kandidat für die Rechtsnationalen angetreten wäre.

Aus dem Handelsstreit Profit schlagen

Die grösste Herausforderung für die neue Regierung wird es nun sein, die privaten Investitionen wieder anzukurbeln und das Konsumklima zu verbessern. Rund 1,4 Billionen US-Dollar will Modi in der kommenden Legislaturperiode in die Infrastruktur investieren. Das Einkommen der Bauern soll sich bis 2022 verdoppeln. Weltweit wurde die Wahl in Indien mit grösster Aufmerksamkeit verfolgt.

Dass das Land nach den jüngsten Berechnungen bereits in wenigen Jahren mit einer Bevölkerung von 1,4 Milliarden die weltweit grösste Nation sein wird, macht den Subkontinent politisch wie wirtschaftlich relevant. Beobachter debattieren nun, wie sich der vom Wahlergebnis gestärkte Modi gegenüber Indiens Erzfeind Pakistan und dem Rivalen China positionieren wird. Während die einen hoffen, dass Modi aus einer Position der Stärke heraus die Annäherung an Pakistan wagen könnte, prognostizieren die anderen für die kommenden Monate neue Scharmützel zwischen den Atommächten.

Pakistans Premier Imran Khan signalisierte nach der Wahl Entgegenkommen, indem er Modi zu seinem Sieg gratulierte. Er freue sich darauf, mit Modi «für Frieden, Fortschritt und Wohlstand in der Region» zu arbeiten, so Khan auf Twitter. Indiens Beziehung zu China war in Modis erster Amtszeit ebenfalls von Spannungen um umstrittenes Territorium überschattet. Ob sich die Lage entspannen wird, ist fraglich. Analysten glauben, dass Indien versuchen könnte, aus dem Fahrt aufnehmenden Handelskrieg zwischen Peking und Washington Profit zu schlagen und China Aufträge abzujagen.