Coronakrise

Italien brodelt: Gewaltausbruch in Neapel wegen Ausgangssperre

Schwere Ausschreitungen in Neapel: Links- und Rechtsradikale kapern gemeinsam mit der Mafia die Anti-Corona-Proteste.

Schwere Ausschreitungen in Neapel: Links- und Rechtsradikale kapern gemeinsam mit der Mafia die Anti-Corona-Proteste.

Am Wochenende ist es in Neapel zu aggressiven Protesten gekommen. Die Situation am Fuss des Vesuvs ist explosiv - aber nicht nur dort.

Statt menschenleerer Strassen wie von Regionalpräsident Vincenzo De Luca angeordnet, erlebte Neapel in der Nacht auf Samstag die schwersten Ausschreitungen, die Italien seit Ausbruch der Coronapandemie erlebt hat: Hunderte vorwiegend jugendliche Demonstranten lieferten den Sicherheitskräften in der Altstadt stundenlange Strassenschlachten.

Anlass der Revolte war die am Freitagabend von De Luca in Kraft gesetzte abendliche Ausgangssperre in der ganzen Region Kampanien. Sowohl links- als auch rechtsradikale Demonstranten zündeten Knallkörper und Rauchpetarden, mehrere Polizisten wurden verletzt, es kam zu unzähligen Sachbeschädigungen.

An den Protesten hatten sich offenbar auch Bandenmitglieder verschiedener Camorra-Clans beteiligt: Dutzende vermummte Mafiosi rasten laut Polizeiberichten auf Scootern ins Stadtzentrum und griffen Beamte an. Der Präsident der parlamentarischen Antimafia-Kommission, Nicola Morra, sprach am Sonntag von einer «gekonnten Regie» durch die Camorra, die keine Gelegenheit auslasse, das politische System zu destabilisieren.

Proteste auch in Italiens Hauptstadt Rom

Am Samstag und am Sonntag ist es in Neapel zu weiteren Demonstrationen gekommen - und die Protestwelle ist auch bereits nach Rom übergeschwappt: Auch in der Hauptstadt ist es am Samstag zu Demonstrationen mit Ausschreitungen gekommen. Wie in Neapel hatten auch in Rom zunächst Gewerbetreibende friedlich gegen die abendliche Ausgangssperre demonstriert - und auch ihr Protest ist von links- und rechtsextremen Gruppierungen zum Anlass für Randale geworden.

Die Besitzer von Bars, Trattorien, kleinen Läden und Geschäften fühlen sich durch die geplanten neuen Anti-Covid-Massnahmen in ihrer Existenz bedroht. Die Stimmung ist gereizt - für den sozialdemokratischen Ex-Innenminister Marco Minniti befindet sich das Land «nahe an der Alarmstufe rot», wie er in der Römer Zeitung «La Repubblica» betonte.

Die überwiegende Mehrheit der Italiener hat die von der Regierung verfügten Restriktionen immer diszipliniert mitgetragen - die über 30000 Toten vom Frühling sind nicht vergessen. Doch angesichts eklatanter behördlicher Versäumnisse lässt die Geduld allmählich nach. Ein anschauliches Beispiel ist die süditalienische Region Kampanien mit ihrem Hauptort Neapel: Obwohl seit Beginn der Epidemie acht Monate vergangen sind, verfügt die Region mit 6,3 Millionen Einwohnern nur gerade über 110 Intensivbetten, die medizinische Grundversorgung ist schlecht wie eh und je.

Regierung verhängt einen «Feierabend-Lockdown»

Kampaniens Regionalpräsident Vincenzo De Luca hat in den letzten Monaten wenig unternommen, um dies zu ändern. «Das wahre Problem ist der katastrophale Zustand unseres Gesundheitswesens», betont denn auch Neapels Stadtpräsident Luigi De Magistris.

Den Vorwurf, die ruhige Zeit nach dem Lockdown ungenügend genutzt zu haben, um das Gesundheitswesen fit für die zweite Infektionswelle zu machen, muss sich auch die nationale Regierung von Giuseppe Conte gefallen lassen. Zwar wurde die Zahl der Intensivbetten landesweit von 3900 auf 6500 erhöht - doch sie werden laut Experten spätestens Mitte November alle belegt sein: Seit Anfang Oktober verdoppelt sich die Zahl der Neuinfizierten jede Woche, am Freitag ist in Italien erstmals die Schwelle von 20'000 Neuinfektionen gestreift worden.

Doch nun hält die Regierung von Giuseppe Conte, der bei der ersten Welle im Frühling rigoros durchgegriffen hatte und in der zweiten Welle bisher auffallend zurückhaltend geblieben ist, dagegen: Am Sonntag hat die Regierung eine Art «Feierabend-Lockdown» verfügt: Restaurants, Bars und Geschäfte bleiben künftig ab 18 Uhr geschlossen. Theater, Kinos, Fitness-Center und Spielsalons müssen ebenfalls schliessen. Auch die sozialen Kontakte sollen eingeschränkt werden. Die Massnahmen sollen zunächst für einen Monat gelten.

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