Ein Geschenk des Himmels? Oder eine zusätzliche Kunstintervention am Malecón, der weltbekannten Meerespromenade? Eigentlich beides: Auf zwei Paletten stapeln grosse Schachteln mit Aufschrift «All Natural Premium Chicken», «Product of USA», «Keep frozen at –18 °C or below». Es ist Dienstagnachmittag. Die Sonne scheint auf das gefrorene Pouletfleisch. Daneben wird die Menschenschlange immer länger. Alle wollen und brauchen «Pollo»!

Als Touristin bekommt man den Mangel an Proteinen erst mit der Zeit mit. Ob in Hotels, Restaurants oder an Airbnb-Orten: Es gibt Ei, Poulet, Schwein, eventuell Languste oder Garnelen, manchmal sogar zwei Joghurtsorten.

Dann wundert man sich aber immer mehr, weshalb sich so viele Kubaner und Kubanerinnen vor diesen panamerikanischen Läden mit den eher langweiligen Angeboten versammeln: am frühen Mittwochmorgen in Baracoa im Westen, am späten Freitagabend in Ciego de Avila in der Mitte des Eilandes. «Poulet ist eingetroffen!», erfährt man von jungen Leuten.

Selbstironie als Überlebensstrategie

Sogar in Viñales soll Mangel herrschen. Dabei hat der Touristenort die wohl höchste Dichte an Hähnen. Und auf den Feldern, die wie lebendige Gemälde aus früheren Zeiten aussehen, laufen Hühner mit Küken hinter Ochsengespannen her. Hoffentlich picken sie keine der kostbaren Tabakpflanzensamen auf. Mangel?

Eine Einheimische sagt, man sehe zwar überall Federvieh, aber dieses sei dünn. Es gebe zu wenig nahrhaftes Futter. Immerhin kann die Frau für ihr Airbnb-Business bei einem Bauernhof genügend Eier organisieren. Sie bräuchte dringend Speiseöl, lacht sie auf. Nur Rum und Tukola sind immer erhältlich, meistens auch Minze und Limonen für Mojitos. Ein findiger und mutiger Kubaner hat für den derzeitigen Zustand einen Twitteracount eingerichtet.

Auf #LaColaChallenge werden Bilder und Kommentare platziert wie: «60 Jahre später und mehr vom selben Elend. Heute einfach inklusive Spott von den sozialen Medien.» Hunderte von Menschen drängten sich bei Carlos III, um Poulet zu kaufen, schreibt ein anderer. Fast zeitgleich erscheint der Newsletter von Marathonfitness aus Deutschland: «Kennst Du die 120 besten Eiweissquellen?»

Im Internet treffen Welten aufeinander. Und die Kubaner sind so gut informiert wie möglich. Bei einem Aufenthalt im Jahr 2001 konnten fast nur Ausländer in grossen Hotels das Internet nutzen. Und man überlegte sich die Formulierung der Mails genau. Seit einigen Monaten können sich Kubaner mobil ins Internet einloggen. Vor allem an öffentlichen Wifi-Plätzen. Eine Stunde kostet einen Franken. Je mehr Handys im Spiel sind, desto langsamer ist die Verbindung.

Eine gut vernetzte Frau witzelt: «Die häufigsten Fragen derzeit in Havanna? Was kochen wir heute, hat es Eier, wo könnte es Eier haben, gibt es Poulet, vielleicht sogar aus Kuba?» Nahrungsmittelbeschaffung als Vollzeitbeschäftigung. Sie führt uns kurz durch Habana Centro. Dort herrscht am Morgen reges Treiben. Und hinter den bröckelnden Fassaden können sich Überraschungen auftun.

Zunächst aber das Einkaufszentrum «Epoca» an der Avenida de Italia (Galiano): Im Untergeschoss herrscht vor den Gittern dichtes Gedränge. Doch eine Stunde warten auf Poulet, das von irgendwo eingeflogen worden ist? Unsere Jägerin weiss noch andere Möglichkeiten. Mitten auf dem Trottoir teilen Frauen eine Schachtel gefrorenes Fleisch auf. Daneben laufen Leute mit goldenem Öl ohne Etikett herum. Soja oder Sonnenblume: egal!

Um die Ecke tippen Verkäufer eines panamerikanischen Ladens mit Fleischangeboten auf Mobiltelefonen herum. Die Ladentür ist offen, kein einziges Produkt in den Kühlschränken. Stromausfall! Auch bei zwei Metzgereien etwas weiter. Eine schöne Verkäuferin stiert ins Leere. Was soll man sagen?

In der Schweiz gibt’s Poulet in Hülle und Fülle. Aus tierfreundlicher Haltung manchmal zu unglaublich günstigen 5 Franken das Kilo. Auf Kuba kostet ein Kilo aus irgendwelcher Produktion 1,80 CUC (1,8 Franken) – und für 2,5 CUC wäre es vielleicht «hinter der Schlange» zu haben.

Die «Sponsoren» liefern nicht mehr

Doch Pollo, Pollo, Pollo?! Für was steht dieses Wort eigentlich? Im Mai hat Handelsministerin Betsy Díaz verkündet: «Poulet, Reis, Eier, Bohnen, Wurst, Seife, Waschmittel und Zahnpasta dürften nur noch in festgelegten Mengen gekauft werden.» Wie kann es zu einer solchen Versorgungskrise kommen, in einem Land mit gutem Bildungsniveau? Das US-Handelsembargo? Druck der Vereinigten Staaten an andere Länder, nicht nach Kuba zu liefern? Die Nähe zu Venezuela und Nicolás Maduro?

Lange Zeit tauschten die zwei Länder Erdöl gegen Dienste entsandter Ärzte aus. Inzwischen kann Venezuela nur noch die Hälfte liefern, also 50000 Barrel pro Tag. So bleibt für Kuba kein Überschuss, der auf dem Weltmarkt verkauft werden könnte.

Seit 2013 sind 20000 Ärzte und Pfleger nach Brasilien entsendet worden. Auch diese Einkommensquelle versiegt: Gemäss DPA zahlte die brasilianische Regierung pro Monat pro Arzt rund 3500 Dollar, diese bekamen aber nur 900 Dollar, der Rest ging an die kubanische Regierung. Brasilien unter dem ultrarechten Präsidenten Jair Bolsonaro hatte keine Lust mehr, indirekt ein kommunistisches Land zu unterstützen, und wollte die Mediziner direkt zahlen.

Inzwischen zog Kuba seine Landsleute ab. Von immer mehr Ländern blieben Lieferungen aus, weil Kuba nicht bezahlen könne, munkelt man. Man könne auch nicht mehr sagen, auf der Insel gebe es keine Hühner, weil der Hurrikan alle nach Haiti gewirbelt habe. Es gebe keine Ausrede: Die mangelnde Liquidität und Produktivität hänge mit dem kommunistischen System zusammen. 60 Jahre habe Kuba dieses mit «Sponsoren» aufrechterhalten können. In den letzten Jahren seien einflussreiche linke Regierungen rechts geworden.

Zu Kubas Haupteinnahmen gehören Tourismus, Überweisungen durch Exilkubaner oder eben Ärztedienstleistungen. Bis zu 80 Prozent der Nahrungsmittel müssen/müssten importiert werden. Gleichzeitig bleibt über die Hälfte der Äcker unbestellt. Dabei ist Kuba ein äusserst fruchtbares Land. Man schlägt quasi einen Stecken in die Erde und daraus wächst ein Baum. Überall spriessen solche Stecken. Auch entlang leerer Felder.

Es gibt aber zu wenig Anreize, selber zu produzieren. Vor allem jüngere Generationen wollen sich nicht in der Landwirtschaft abrackern. Arbeiten für den Staat ist derzeit keine Perspektive. Die ganze Ausbildung, um als Ingenieur oder Agronom 40 CUC im Monat zu verdienen? Oder als findiger Landwirt die artenreiche Ernte zu einem grossen Teil vom Staat abholen zu lassen, um damit das System zu alimentieren? Lieber ernten als säen, noch lieber die Ware in Havanna an Touristen verkaufen. Das gibt schnell mal über 40 CUC.

Kommt Hilfe aus China?

Die schlauen Kubaner machen ihren Weg. Pro Jahr darf jeder Bürger 125 Kilo Ware importieren. 125 Kilo irgendwelcher Ware – zollfrei! Klimaanlage, Werkzeugkoffer, Flüssigseife, trendige «Supreme»-Kleider etc. Was auf Kuba kaum erhältlich ist, wartet in Mexiko oder Panama in Mengen auf. Und jene, die nicht selber fliegen können, finden bestimmt einen Geschäftspartner. Fragt sich, wie lange Kubas neuer Präsident Miguel Díaz-Canel sich diesen Markt entgehen lassen will.

Der Elektroingenieur stammt aus der Provinz Villa Clara und zeigt sich volksnah. Man sagt ihm nach, dass er das Land öffne und Reformen durchziehe, ohne laut darüber zu reden. Das mobile Internet für alle, die es bezahlen können, hat er im Dezember freigegeben. So plötzlich sollte es nun mit der Produktion im Inland gehen. Die Wirtschaftspolitik müsse sich endlich an den Regeln der Wirtschaft orientieren, findet ein kubanischer Zeitgenosse, die Produkte könnten dann immer noch ideologisch verteilt werden. So würde man sich von Abhängigkeiten befreien.

Neben Zucker auch Proteine: Man wüsste wie. Die Produktion für den Tourismus funktioniert. Irgendwie lassen sich bestimmt zusätzliche Futterpflanzen organisieren. Scheinbar unter Druck verlautet die staatliche Website «Cubadebate» am 27. Mai, eine Art Hightech-Hühnerfarmen würden bei Pinar del Río und Camagüey errichtet, und bis Ende Jahr sollten zwei «Geflügel-Projekte» mit ausländischer Beteiligung unterzeichnet werden. Ist China im Spiel? Das eingangs erwähnte «Product of USA» soll via Mexiko übers Meer nach Havanna gekommen sein. Zusätzlich steht «Halal» darauf. Kuba bleibt spannend.