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Katars Strassen sind leer: Besuch in einem Land, das aus Erdgas gebaut wird

Das reiche Katar wird von seinen Nachbarstaaten noch immer boykottiert. 2022 soll hier die Fussball-WM stattfinden. Kommt das gut? Ein Augenschein in einer künstlichen Welt

Gäbe es die Autos nicht, man könnte meinen, Doha sei eine Geisterstadt. Auf den Trottoirs flanieren keine Fussgänger, die Velostreifen werden nicht befahren. Nur die schnellen Sportwagen und die grossen Geländefahrzeuge verraten, dass hier Menschen leben – und dass sie überdurchschnittlich reich sein müssen. Jemand muss ja hinter den Lenkrädern sitzen und die Autos durch die Mittagshitze über den flimmernden Teer steuern. 38 Grad, und es wird noch heisser. Die Temperatur kann hier die 50-Grad-Marke knacken. Das Leben findet in klimatisierten Innenräumen statt.

Zum Beispiel in der Villaggio Mall, einem in venezianischem Stil gehaltenen Einkaufszentrum. Das Laternenlicht vermittelt eine sommerliche Abendstimmung, den aufgepinselten Himmel zieren weisse Schäfchenwolken, und über den Geschäften kleben Tapeten mit farbigen Häuserfassaden. Echt hingegen ist der Kanal, der sich durchs Gebäude zieht und auf dem Gondoliere ihre Boote stilsicher stehend rudern. Echt ist auch das Eisfeld, auf dem Kinder ihre Runden drehen. Schnell vergisst man, dass draussen die Hitze die Stadt zu erdrücken scheint.

Doha, die Hauptstadt des kleinen Golfstaats Katar, ist eine durch und durch artifizielle Metropole. Gäbe es die riesigen Erdgasreserven nicht, die das Land reich machten, wäre hier nichts als Wüste. So aber türmen die Wolkenkratzer und erstrecken sich die Shoppingmalls mit ihren künstlichen, klimatisierten Scheinwelten. In ihnen pulsiert das Leben derzeit aber nicht wie sonst. Und wenn die Nacht einbricht und die Luft ein bisschen abkühlt, füllt sich der Marktplatz nicht wie früher. Die Touristen aus Saudi-Arabien fehlen.

Vom grossen nördlichen Nachbarn ist Doha leicht mit dem Auto zu erreichen. Die Saudis kommen sonst hierher, um sich der in der Heimat verbotenen Seite des Lebens hinzugeben: Kinos, Bars, Bowlingcenters – all das gibt es hier. Und auch Alkohol bekommt man. Zwar nicht auf der Strasse, aber in den westlichen und asiatischen Hotels, dort wo in den Skybars und Clubs am Abend die Metropole im Takt der urbanen Elektrobeats tanzt.

40'000 deutsche Kühe

Das Fernbleiben der Touristen aus Saudi-Arabien hat politische Gründe. Seit dem 5. Juni setzen die Nachbarstaaten Katar mit Sanktionen unter Druck. Saudi-Arabien und seine Verbündeten Ägypten, Bahrain und die Vereinigten Arabischen Emirate werfen dem kleinen Golfstaat vor, die als terroristisch geltende Organisation der Muslim-Brüder zu unterstützen. Ausserdem fordern sie die Schliessung des Fernsehsenders Al Jazeera, der aus Doha kritisch über die Nachbarstaaten berichtet. Und sie stören sich an den guten Beziehungen Katars zum Iran, mit dem das Land über gemeinsame Erdgasreserven verfügt. Als Folge sind die Grenzen für Personen und Güter weitgehend geschlossen.

Das Problem mit den Lebensmitteln bekam Katar, das 90 Prozent seiner Nahrung importiert, schnell in den Griff. Die Handelsbeziehungen zu anderen Staaten wurden rasch intensiviert – und in wenigen Tagen 40 000 Kühe aus Deutschland eingeflogen. Doch die fehlenden saudischen Touristen bereiten dem Land Sorgen. Darauf angesprochen schnaubt Thomas Fehlbier laut auf. «Eine Katastrophe ist das», sagt der erfahrene deutsche Hoteldirektor, der nach Doha gekommen ist, um für die Katari ein neues Luxusresort zu etablieren. In den Sommermonaten würden die Saudis 50 Prozent seiner Gäste ausmachen. «Die sind jetzt weg», klagt er. Er versuche die Einbussen mit europäischen Gästen und Russen zu kompensieren. Doch die ziehe es nach Dubai oder gleich auf die Malediven. Hingegen verzeichnet er mehr einheimische Gäste.

Die Regierung hat dazu aufgerufen, diesen Sommer im Inland Ferien zu machen. Und die Menschen folgen dem Willen des Emirs Tamim bin Hamad Al Thani. Als Zeichen der Solidarität prangt nun sein Konterfei – das bis zur Unkenntlichkeit stilisiert ist und an einen Verschnitt aus Che Guevara und Bollywood-Star erinnert – in Übergrösse an Hochhäusern, auf Plakaten an Marktständen und auf Aufklebern an den Autos. Diese Art der Verehrung sei neu, erklärt ein junger Katari, in traditioneller weisser Robe gekleidet. «Der Emir ist noch jung, er braucht unsere Unterstützung», sagt er.

Tamim übernahm 2013 als 33-Jähriger die Regierungsgeschäfte von seinem Vater und sorgte bald dafür, dass seinem kleinen Land grosse internationale Reputation zuteilwird. Katar verfügt über eine der besten Fluggesellschaften, einen der modernsten Flughäfen, eines der exquisitesten arabischen Museen, erbaut vom Grand-Louvre-Architekten Ieoh Ming Pei, und einen Fussballklub, dem zugetraut wird, die Champions League zu gewinnen. 2011 kaufte eine katarische Investorengruppe Paris Saint-Germain. Seit diesem Jahr spielt dort auch der brasilianische Superstar Neymar unter katarischem Einfluss. Für 222 Millionen Franken Ablösesumme wechselte er von Barcelona nach Paris.

88 Prozent Ausländer

Wie viel die Katari die Fussballweltmeisterschaften gekostet hat, ist hingegen nicht bekannt. Doch kaum jemand zweifelt daran, dass viel Geld geflossen ist, damit der wichtigste Sportanlass 2022 in der Wüste stattfindet. Die WM stellt Katar vor ein paar Herausforderungen und den Weltfussballverband Fifa vor grössere Probleme. Irgendwann haben die Funktionäre eingesehen, dass man zwar Stadien auf annehmbare Temperaturen abkühlen kann – in jeder Spielstätte wird exakt 23 Grad Celsius herrschen –, nicht aber ein ganzes Land. Seit 2015 steht deshalb fest, dass die WM 2022 zum ersten Mal im Winter stattfinden wird.

Derweil baut Katar die Spielstätten. Bereits fertig ist das frisch renovierte Khalifa-Stadion, das sich nur einen Steinwurf vom erwähnten Einkaufszentrum Villaggio befindet. Neben der Sportstätte macht sich ein fast ebenso grosses Gebäude breit: die Aspire Academy. Darin werden die katarischen Fussballprofis von morgen respektive 2022 ausgebildet. Derzeit sucht das Land die Talente für das WM-Team aus und trimmt sie auf Höchstform, damit das Heimturnier nicht zum sportlichen Desaster wird.

Das ist kein einfaches Unterfangen, denn die Auswahl an jungen Männern ist äusserst begrenzt. 2,7 Millionen Menschen leben in Katar, doch nur rund 320 000 sind Katari. 88 Prozent sind Ausländer. Seit 2004 hat sich die Bevölkerung durch die Zuwanderung der Gastarbeiter verdreifacht. Viele von ihnen stammen aus Nepal; sie bauen die Stadien, die Hotels und die U-Bahn-Linien, die für den Grossanlass gebraucht werden. Dass bis 2022 alles fertig sein wird, daran zweifelt niemand.

Katar kann grosse Projekte schnell auf die Beine stellen. Das bewies das Land etwa mit der künstlichen Insel The Pearl. Vor fünf Jahren war hier, etwa 100 Meter von der Küste Dohas entfernt, nur Wasser, jetzt stehen da sieben Wolkenkratzer mit Luxusapartments. Gekostet hat das umgerechnet 1,4 Milliarden Franken. Verglichen mit Schweizer Bauprojekten ein Schnäppchen. Möglich wird das nur, weil den Gastarbeitern mickrige Löhne bezahlt werden. Etwa 500 Franken verdient ein Bauarbeiter. Immerhin ist die Unterkunft inbegriffen – in einem Massenschlag. Amnesty International kritisiert das als «moderne Sklaverei».

Nur wenig besser haben es die Taxifahrer. Sie verdienen etwa 600 Franken in einem Land, das nur unwesentlich billiger ist als die Schweiz. Einer von ihnen ist Dennis. Er stammt aus den Philippinen. Seit fünf Jahren ist er in Doha. Das Geld, das er verdiene, schicke er seiner Familie, erzählt der Vater von fünf Kindern. Seine jüngste Tochter, die siebenmonatige Joyce, hat er noch nie gesehen. Nur alle zwei Jahre kann er sich einen Flug nach Hause leisten.

Das Problem mit dem Alkohol

Katar ist das reichste Land der Welt. Das BIP pro Person beträgt unschlagbare 128 000 Dollar. Steuern müssen hier keine bezahlt werden. Auch das Gesundheitssystem ist für die Katari umsonst. Wer heiratet, dem schenkt der Staat ein Stück Lan, ein Haus gibts obendrauf. Möglich ist dies nur dank den Billigarbeitern und dem im Übermass zur Verfügung stehende Erdgas. Es wird einerseits in verflüssigter Form mit Riesentankern gewinnbringend exportiert und sorgt andererseits für günstige Energie im eigenen Land. Das ist auch nötig, um eine Wüste in eine lebensfreundliche Zone zu verwandeln – und hat den Nebeneffekt, dass Katar das Land mit dem höchsten CO2-Ausstoss pro Kopf ist.

Längst lebt Katar nicht mehr vom Öl und Erdgas allein. Sondern auch von klugen Geldanlagen in westliche Firmen. Auch die Fussball-WM wird als Investment gesehen, das letztlich dem Land und seinem Image zugutekommen soll.

Ein Problem ist derzeit aber ungelöst. Der Alkohol. Der zum Event – von einem Bierbrauer gesponsert – dazugehört wie der Ball, mit dem gekickt wird. In den westlichen Hotels in Doha gibt es zwar Bier und Wein. Doch auf der Strasse ist Alkohol strikt verboten. Eine Horde betrunkener Fussballfans mutet hier so fremd und beängstigend an wie Schweizern ein Aufmarsch von Burkaträgerinnen. Doch der Emir gibt sich in solchen Dingen mindestens so opportunistisch wie Schweizer Mitteparteien, die um einen Kompromiss bemüht sind. Es ist also auch dafür eine Lösung absehbar.

Der Artikel entstand in Zusammenarbeit mit Qatar Airways.

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