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Kleine Stadt, ganz gross: So feiert Wilmington Joe Biden – ein Augenschein vor Ort

Neue US-Präsident Joe Biden: "Ich werde das Land einen!"

Neue US-Präsident Joe Biden: "Ich werde das Land einen!"

Der gewählte US-Präsident Joe Biden versprach in seiner Siegesrede am Samstagabend, dass er das Land einen und nicht spalten wird. Er bat Trumps Anhänger, ihm eine Chance zu geben, um für ein besseres Amerika zu arbeiten.

Am Samstag hat der designierte Präsident Amerikas in seiner Heimatstadt Wilmington seinen Wahlsieg gefeiert. Aufgrund der Coronapandemie war die Zahl der Zuhörer stark beschränkt. Ausserhalb des Sicherheitsperimeter feierten aber Tausende von Anhängern Joe Biden, den berühmtesten Sohn Delawares.

Auf diese Rede hat Kelly Calahan lange gewartet. Die gesamte vergangene Woche verbrachte die 43-Jährige tagsüber auf einem Parkplatz im Stadtteil Riverfront, einem Vergnügungsviertel am Christina River in Wilmington (Delaware). Dort, zwischen Hotels, Restaurants und einer Mehrzweckhalle befand sich in der heissen Phase des Wahlkampfes das inoffizielle Hauptquartier von Joe Biden. Und dort wollte der demokratische Präsidentschaftskandidat seinen Sieg gegen Kontrahent Donald Trump feiern, sobald die Wahlexperten ihn zum Gewinner ausriefen. An diesem historischen Moment wollte Calahan unbedingt teilhaben. Deshalb fuhr sie jeden Tag auf den Parkplatz, um im Fall der Fälle einen Blick auf den künftigen Präsidenten Amerikas zu erhaschen, den in Wilmington alle «Joe» nennen. Dies dauerte zwar «etwas länger als geplant», weil sich die Auszählung der Stimmen verzögerte, aber sie habe jede Minute genossen, sagt Callahan. «Denn schliesslich haben wir gewonnen!»

Kelly Calahan vor ihrem verzierten Auto an der Biden-Wahlfeier in Wilmington.

Kelly Calahan vor ihrem verzierten Auto an der Biden-Wahlfeier in Wilmington.

Tausende von Menschen haben es Callahan an diesem frischen Herbstabend nachgetan und sich in Wilmington versammelt. Direkt zu sehen bekommen sie den designierten Präsidenten und seine Stellvertreterin Kamala Harris zwar nicht; der Bereich, in dem die beiden Demokraten ihren Sieg feiern, ist vom Secret Service abgesperrt worden. Zutritt erhalten nur geladene Gäste und etwa 350 Fahrzeuge – selbst auf dem Höhepunkt seiner politischen Karriere will Biden kein Risiko eingehen.

Von der Coronapandemie lassen sich die stolzen Anhänger Bidens aber nicht abschrecken. Etwa 200 Meter entfernt, auf der anderen Seite eines Sicherheitszauns, feiern sie ein Fest, für das man keine Einladung besitzen muss. Kaila Washington ist hier, zusammen mit ihrer Mutter. Die 16-Jährige sagt, sie sei «hocherfreut» über den Wahlsieg von Bidens und habe unbedingt mit Gleichgesinnten feiern wollen. «Die Stimmung ist einfach wahnsinnig gut», sagt sie.

Gekommen ist auch Ben, 33 Jahre alt, der in einem Vorort von Philadelphia (Pennsylvania) wohnt, seinen Nachnamen aber nicht nennen will. Ben sagt, er sei glücklich über den Sieg des Demokraten, und er freue sich darauf, dass «der jetzige Bewohner» des Weissen Hauses sich bald aus dem Staub machen müsse. Gefragt, welches Gefühl denn überwiege, sagt er diplomatisch: «Es ging darum, Trump loszuwerden.»

Andere Feiernde machen aus ihrem Herzen keine Mördergrube. Sie fluchen über Trump, bezeichnen ihn als Faschisten, oder zerbrechen sich den Kopf darüber, ob er freiwillig das Weisse Haus verlassen werde. Die Meinungen sind in dieser Frage geteilt. Letztlich aber werde Joe Biden ab dem 20. Januar 2021, kurz nach Mittag, der Hausherr sein, sagt ein junger Mann. «Dann kann er den Secret Service darum bitten, Trump wegen unbefugten Betretens des Weissen Hauses zu entfernen.»

Auffallend ist, wie viele Familien an die Riverfront gekommen sind. Die Nagys aus Baltimore (Maryland) zum Beispiel. Vater Travis, Mutter Sarah und Sohn David, der noch nicht im Schulalter ist. Er sagt, zur Freude seiner Eltern: «Ich bin glücklich, dass Trump verloren hat.» Die Menschenmassen, die sich spontan auf dem Parkplatz versammelt haben, verursachen den Nagys aber Bauchweh, obwohl fast alle Feiernde eine Gesichtsmaske tragen. Sarah Nagy sagt, dass sie wohl umkehren würden, wenn sie kein ruhiges Plätzchen fänden. Die Reise aus Baltimore, eine Autostunde entfernt, habe sich aber dennoch gelohnt.

Und so feiern sie Joe Biden, geboren in Scranton (Pennsylvania), aufgewachsen in Wilmington und bald wieder Bewohner von Washington, wie schon während seiner Zeit als Vizepräsident von 2009 bis 2017. Die Stimmung ist ausgelassen, die Feierlichkeiten überborden aber nicht. Es wird getanzt. Fahnen und selbstgebastelte Transparente werden geschwenkt. Ab und zu stossen Paare mit Champagner an, obwohl natürlich auch auf dem Parkplatz am Christina River ein Alkoholverbot herrscht. Nur kümmert das an diesem Samstag, als sich die Kleinstadt über den berühmtesten Sohn von Delaware freut, niemanden. Als Kamala Harris am Ende ihrer Rede Joe Biden auf der Bühne begrüsst, jubeln ihnen Tausende von erleichterten Anhängern zu, die das Geschehen auf Leinwänden mitverfolgen. Ob Biden und Harris diesen Jubel hören können, ist den Feiernden egal.

An der Wahlfeier: Der Moment, in dem Kamala Harris den neuen Präsidenten Joe Biden vorstellt:

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