Coronavirus

Lage in Spaniens Hauptstadt spitzt sich zu: Madrid wird zur Stadt der Toten

Members of the Military Emergency Unit (UME) take vans of the deceased for cold storage at the Palacio de Hielo ice rink March 25, Madrid

Members of the Military Emergency Unit (UME) take vans of the deceased for cold storage at the Palacio de Hielo ice rink March 25, Madrid

In der spanischen Hauptstadt stapeln sich die Leichen in den Depots. Mehr als 2000 Menschen sind am Coronavirus bereits gestorben.

Mehrere Transporter fahren hintereinander in die Tiefgarage des Eissportpalastes Madrid. In der Kabine der roten Fahrzeuge sieht man Männer in weissen Schutzanzügen. Es sind Soldaten der spanischen Katastrophenschutzeinheit UME. Sie bringen Plastiksäcke und Särge mit Epidemie-Opfern.

«Die Leichen stapeln sich in Krankenhäusern und Altenheimen», berichtet ein Gewerkschaftsvertreter der Bestattungsbranche. Wegen Überfüllung der Depots wurde deswegen der Madrider Sportpalast mit seiner Olympia-Eispiste zum Zwischenlager umfunktioniert – die grösste Leichenhalle der Nation.

Offiziell trägt das Eislauf- und Einkaufszentrum im Nordosten Madrids den Namen «Dreams», Träume. Nun wird dieser Traumpalast zum Symbol von Spaniens schlimmstem Albtraum, der noch lange nicht beendet ist: Denn die Virus-Epidemie breitet sich in Spanien noch schneller aus, als dies in Italien der Fall war. Deswegen beschloss Spaniens Parlament, den nationalen Ausnahmezustand samt Ausgangssperre bis zum 11. April zu verlängern.

Jeden Tag sterben derzeit allein im Grossraum Madrid annähernd 300 Menschen im Zusammenhang mit dem Virus Sars-CoV-2. Die Hauptstadtregion, in der knapp sieben Millionen Menschen leben, ist Spaniens gefährlichste Virus-Risikozone. Mehr als die Hälfte aller Toten in Spanien, bei denen das Virus nachgewiesen wird, werden in Madrid registriert.

Infektionszahl vier bis fünf Mal höher als angegeben

Bis zum Donnerstag meldeten die Behörden nur in der Region Madrid 17200 Infizierte. 2090 Menschen starben bisher – zwei Drittel der Opfer waren älter als 80. Die statistische Sterblichkeitsquote in Madrid lässt vielen Bewohnern das Blut in den Adern gefrieren: Sie liegt, wenigstens auf den ersten Blick, mit weit über zehn Prozent noch deutlich höher als in der italienischen Lombardei oder der chinesischen Provinz Hubei.

Aber die Statistik hinkt: Denn Spaniens Corona-Statistik zählt nur die schweren Infektionen, die einen Krankenhausaufenthalt erfordern, was Schätzungen zufolge nur etwa bei 20 Prozent der Erkrankten der Fall ist. Zehntausende Verdachtsfälle, bei denen die Patienten leichte Symptome hatten, werden nicht erfasst.

Für ganz Spanien wurden am Donnerstag insgesamt 56200 Infektionsfälle gemeldet – rund 8600 mehr als am Vortag. Die Zahl der Toten stieg spanienweit auf 4100 – ein Anstieg um 660 Todesfälle in 24 Stunden. Damit meldet nun auch Spanien, wie zuvor bereits Italien, mehr Tote als in den letzten Wochen in China registriert wurden. Wobei auch hier gilt, dass die Behördendaten nicht durchweg vergleichbar sind – alles hängt von der Zählweise, der Menge der durchgeführten Tests und auch von der Informationspolitik ab. Im Falle Spaniens vermuten Experten wie der Mikrobiologe Gabriel Reina, dass die wahre Infektionszahl wenigstens vier bis fünf Mal höher ist als offiziell angegeben.

Derweil gibt es immer mehr Horrorberichte aus spanischen Altenheimen, in denen in den letzten Tagen Hunderte Bewohner im Zuge der Epidemie gestorben sind. Angesichts des Dramas in den Seniorenresidenzen intervenierte inzwischen sogar die Armee, um Heime zu inspizieren. Dabei fanden die Militärs katastrophale Zustände: Sie entdecken zum Beispiel verstorbene Senioren, die offenbar schon länger tot in ihren Betten lagen – unter anderem in einem Altenheim in Madrid.

Krankenhäusern fehlt nötige Ausrüstung

Derweil mehrt sich die Kritik an den Behörden. Ihnen wird vorgeworfen, den Pflege- und Gesundheitssektor nicht ausreichend auf die Corona-Epidemie vorbereitet zu haben. Krankenhäuser und Altenheime klagen seit Wochen, dass es an Schutzausrüstung und Testkits mangele. Ärzte und Angehörige des Pflegepersonals berichten, dass sie sich Schutzkittel aus Mülltüten und Gesichtsmasken aus Stoffresten basteln müssen. Unverantwortlich sei das, klagt der Krankenpfleger Jorge Tera. «Man kann nicht die Truppe ohne Waffen und kugelsichere Westen in den Krieg schicken.»

Ein Mangel mit dramatischen Konsequenzen: Immer mehr Spitalmitarbeiter infizieren sich. Nach den neusten Zahlen gehören mittlerweile 14 Prozent aller Erkrankten der Gesundheitsbranche an. Hinzu kommt eine hohe Dunkelziffer, weil nicht einmal genügend Testmaterial vorhanden ist, um das medizinische Personal zu überprüfen, das in vorderster Front gegen das Virus kämpft.

Meistgesehen

Artboard 1