Montagsinterview

Letzter Ministerpräsident der DDR: «Die Mauer hat den Frieden gesichert»

Immer noch politisch aktiv: Hans Modrow, 91, während eines Interviews.

Der letzte Ministerpräsident der DDR, Hans Modrow, ist auch 30 Jahre nach der Wende noch immer überzeugt vom Sozialismus.

Die Deutsche Demokratische Republik (DDR) ist vor 30 Jahren verschwunden. Ihr letzter Ministerpräsident, Hans Modrow, ist immer noch da. In seinem Büro in der Berliner Zentrale der Partei «Die Linke» stehen die blauen Bände mit den Werken von Karl Marx unerschütterlich im Regal. Ein Computer fehlt. Der 91-Jährige lässt sich von einer Sekretärin die E-Mails ausdrucken. Die kommen zum Beispiel von nordkoreanischen Diplomaten, die um Rat fragen. Im Gespräch argumentiert Modrow unermüdlich mit präzisen Daten. Seine Antworten illustriert er mit Kugelschreiber-Skizzen. Altersmilde lässt der Kommunist keine erkennen.

Wo waren Sie, als am 9. November vor 30 Jahren die Mauer fiel?

Hans Modrow: Ich war an einer Beratung des Zentralkomitees der Sozialistischen Deutschen Einheitspartei (SED) in Berlin. Wir beschlossen ein neues Reisegesetz, das die kontinuierliche Grenzöffnung beinhaltete. Pressesprecher Günter Schabowski, der später wegen dieses Tages Berühmtheit erlangte, war beim Beschluss nicht anwesend. Kurz vor der Pressekonferenz erhielt er die Pressemeldung zum neuen Gesetz und verkündete die Reisefreiheit, obwohl die Grenzposten noch keine entsprechenden Befehle hatten. Wir begriffen damals nicht, was wir entschieden hatten. Die Geschichte richtet sich eben selten nach den Absprachen.

Sie begriffen nicht, dass die Mauer nun offen war?

Ich hatte zunächst überhaupt keine Vorstellung, was los war. Spätabends verliess ich die Sitzung. Da begegnete ich einem jungen Mann, der mich fragte: «Wissen Sie, was da an der Grenze los ist? Die soll ja jetzt offen sein?» Ich fragte zurück, warum er denn rüber wolle, und so entstand ein Gespräch. Der Junge erklärte, dass er sich mit seinem Vater, einem Gewerkschafter, zerstritten habe. Ich riet ihm, das zu Hause auszudiskutieren. In der Wohnung angekommen, sah ich im Westfernsehen die Bilder von der Grenze. Ich unternahm dann nichts weiter, denn ich war ja zu dem Zeitpunkt als Ministerpräsident noch gar nicht im Amt.

Sie wurden kurze Zeit später Ministerpräsident der DDR. Sind Sie im Rückblick stolz, dass Sie den Übergang einleiteten, oder verbittert, weil mit der DDR auch ein Traum unterging?

Ich empfinde Erleichterung, dass meine Regierungszeit nicht mit einer Katastrophe begann. Wenn sich die Grenzposten damals gemäss ihren Befehlen verhalten hätten, wäre es zur Konfrontation gekommen. Wir können nur den Grenzschützern danken, dass sie entgegen ihrer Befehle entschieden haben, die Grenze zu öffnen.

Seit dem Mauerfall ist mehr Zeit vergangen, als die Mauer stand. Wie erklären Sie heute jungen Leuten den Wahnsinn eines geteilten Deutschlands?

Der Mauerbau war 1961 eine historische Notwendigkeit. Verantwortliche Politiker in West und Ost atmeten auf, als sie stand. Das kann man sich vielleicht heute schwer vorstellen, aber es bestand damals die Gefahr eines dritten Weltkrieges zwischen Atommächten. Die Militärbündnisse Nato und Warschauer Pakt standen sich bedrohlich gegenüber. Erst mit der Mauer wurde klar, wo die Grenze zwischen den Blöcken verlief. Dass die Grenze zwischen West und Ost befestigt wird, wurde zudem in Moskau beschlossen. Die DDR setzte das dann in Form der Mauer um.

Der Kalte Krieg erklärt aber nicht, warum die Leute nicht mehr in den Westen reisen durften. In Wahrheit liefen Ihnen die Leute davon.

Die DDR war am Ausbluten. In Berlin kam dazu, dass die Ostberliner nach Westberlin zur Arbeit gingen. Ich habe 1961 meine Ausbildung als Volkswirt in einem grossen Berliner Betrieb gemacht. Unsere Werkzeugmacher verschwanden nicht in die Bundesrepublik (BRD), sondern gingen nach Westberlin zum Arbeiten. Dort bekamen sie Westmark, die in der DDR bis zu achtmal so viel wert waren. So entstand ein Ungleichgewicht. Die Grenze setzte dem ein Ende.

Aber die Mauer teilte Familien.

Auch meine Familie wurde geteilt. Aber als Politiker kann ich nicht auf meine persönliche Betroffenheit Rücksicht nehmen. Die Mauer förderte im damaligen Kontext den Frieden. Ich möchte damit aber nicht sagen, dass es in der Grenzpolitik keine Fehler gab. Viel früher hätte man Besuchsrechte etablieren müssen. Aber man muss bedenken, dass die Grenze zwischen den Blöcken nur funktionierte, solange sie überall einigermassen dicht war.

Was sagen Sie zu den mindestens 136 Toten, die es an der Mauer gab?

Das war das bittere Schicksal der Menschen, die zum Opfer fataler Entscheidungen wurden. West und Ost hatten immer wieder die Chance, das Zusammenleben besser zu organisieren. Aber die Gelegenheiten wurden nicht genutzt. Stattdessen nahmen die Spannungen zum Beispiel nach der Helsinki-Konferenz 1973 zu statt ab.

Der Kontext spielte eine Rolle. Geschossen haben aber die Grenzsoldaten der DDR.

Jeder Tote ist einer zu viel. Und ich habe mich auch schon für den Teil, den die DDR an der Verantwortung trägt, entschuldigt. Wer aber heute so tut, als ob die DDR-Armee alleine einen Schiessbefehl erteilen konnte, der hat von der Geschichte nichts verstanden. In dieser Debatte wird mit verschiedenen Ellen gemessen. Im Mittelmeer ertrinken jeden Monat mehr Menschen, als an der Mauer starben, und die Politik nimmt es hin. Es spricht auch niemand darüber, dass nach 1990 in der Oder über 100 Leute ertranken. Die Grenze der Nato und der EU war im Jahre 1991 von der Elbe zur Oder verlegt, wie es auch der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker betonte. Migranten, die aus Osteuropa kamen, verloren ihr Leben oft wegen fehlender Hilfe auch deutscher Grenzschützer im Strudel des Flusses. Ich will nicht Tote gegeneinander aufwiegen, aber Geschichte kann man nur in ihrem Kontext verstehen.

Wie ist es, wenn Sie heute durch Berlin gehen? Sie sehen die Spuren eines Staates, den Sie einst regierten, den es aber nicht mehr gibt.

Ich habe ein Problem damit, wie die Geschichte in Berlin dargestellt wird. Den Touristen wird ein einseitiges Bild vermittelt: die Guten im Westen, die Bösen im Osten. Ich bin bereit, über unsere Fehler zu sprechen, aber warum sprechen wir nicht über das Gute? Zum Beispiel die Karl-Marx-Allee, die heute ein Baudenkmal der Stadt ist? Wir haben noch kein gemeinsames Erinnern. Berlin ist immer noch geteilt. In der Chronologie der Bürgermeister fehlen die Bürgermeister von Ostberlin. Ich frage mich, wann wir so weit sind, auch über Dinge zu sprechen, die uns trennten. Während wir uns noch immer in den Haaren liegen, wächst der rechte Rand.

DDR-Ministerpräsident Hans Modrow (Zweiter von rechts) und BRD-Bundeskanzler Helmut Kohl (links) bei der Feier zur Öffnung der Berliner Mauer am 22. Dezember 1989. Modrows Amtszeit begann kurz nach dem Mauerfall und endete am 12. April 1990 nach einem Wahlsieg von Kohls CDU.

DDR-Ministerpräsident Hans Modrow (Zweiter von rechts) und BRD-Bundeskanzler Helmut Kohl (links) bei der Feier zur Öffnung der Berliner Mauer am 22. Dezember 1989. Modrows Amtszeit begann kurz nach dem Mauerfall und endete am 12. April 1990 nach einem Wahlsieg von Kohls CDU.

Was ist denn Ihre historische Analyse der DDR?

Die DDR war in erster Linie eine antifaschistisch-demokratische Ordnung. Der Antifaschismus war für mich, der ich in der Hitlerjugend war und als 17-Jähriger in den Krieg geschickt wurde, das Wichtigste.

Und wie stand es um die Demokratie, die der Staat ja im Namen trug?

Die SED schuf sich eine Mehrheit durch die Vertretungen der Massenorganisationen in den Parlamenten. Die Gewerkschaft und die Jugendorganisation hatten auch Abgeordnete, und weil die gleichzeitig in der Partei waren, dominierte die SED. Man mag das undemokratisch finden. Ich finde es aber genauso undemokratisch, dass man heute nur in den Bundestag kommt, wenn man Mitglied einer Partei ist. Ich fände es demokratischer, wenn auch andere gesellschaftliche Gruppen vertreten wären. In meine Regierungszeit fiel zudem die demokratischste Wahl, die es in Deutschland je gab. Ohne Fünf-Prozent-Hürde kamen auch Leute von kleinen Organisationen ins Parlament.

Sie haben Reformen eingeleitet, aber wie würden Sie die Demokratie in der DDR vor dieser Wahl beschreiben?

Es gab eingeschränkte demokratische Elemente. Es waren ja nicht nur die Wahlen, die demokratische Defizite hatten. Es fehlte auch zum Beispiel ein Verfassungsgericht.

Wie erklären Sie sich die massive Überwachung in der DDR? Sie selbst wurden ja auch vom Ministerium für Staatssicherheit beschattet.

Auf beiden Seiten begannen die Geheimdienste nach dem Zweiten Weltkrieg zu wachsen. Im Osten hat Mischa Wolf den Geheimdienst aufgebaut, ein jüdischer Kommunist, der vor den Nazis zuerst in die Schweiz und später in die Sowjetunion geflüchtet ist. Im Westen war es Reinhard Gehlen, der zuvor für Hitler den Geheimdienst im Osten aufgebaut hatte. Für mich war die Sache klar. Zum Dienst von Gehlen hatte ich kein Vertrauen. Zum Dienst von Wolf dachte ich mir: «Na ja, es ist Kalter Krieg, und wenn der Mischa das macht, dann ist das schon in Ordnung.» Er war für mich der Mann, der gegen die Faschisten gekämpft hatte. Ich wurde selber erst 1989 vom Ministerium für Staatssicherheit überwacht und erfuhr das erst viel später.

Aber warum gab es fast 100'000 offizielle und noch mal so viele inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit?

Das hatte auch mit einem übertriebenen Sicherheitsbedürfnis zu tun. Man wollte immer wissen, was die Leute machen. Es herrscht ja trotz allem Reiseverkehr zwischen den beiden deutschen Staaten. Man wollte wissen, wer da reist und wie der zu uns steht. Das blähte den Apparat auf. Das war aber nicht nur eine Sache der DDR. Wenn Ostdeutsche in den Westen gingen, bekamen sie Besuch vom Geheimdienst, der wissen wollte, ob hier nun Spione aus dem Osten kommen oder ob die vielleicht selber etwas Interessantes über den Osten zu erzählen haben. Diese übertriebenen Sicherheitsprinzipien haben die Menschen in beiden Staaten belastet.

Warum ist die DDR gescheitert?

Das aus der Sowjetunion importierte Wirtschaftssystem funktionierte in Deutschland nicht. Es war in einem zunehmend globalisierten Umfeld einfach nicht effektiv. Als Folge davon hatte die DDR im Wettbewerb mit der BRD keine Chance. Die Bürger der DDR verglichen sich nicht mit Polen oder Tschechien und sahen nicht, dass wir es besser hatten als diese Staaten. Sie verglichen die DDR immer mit der BRD. Ein Fehler war auch, dass wir einen neuen Menschen schaffen wollten. Was soll das denn sein, ein neuer Mensch? Ich sah das schon damals kritisch. Das Scheitern der DDR hat aber auch etwas mit Illusionen zu tun. Manche sagen mir heute, sie hätten nicht erwartet, dass die Unterschiede zwischen Arm und Reich tatsächlich so gross sind in der BRD. Der Kapitalismus sah von aussen besser aus, als er ist.

Was vermissen Sie am meisten am damaligen Sozialismus?

Den Umgang der Leute miteinander. Ich kam 1953 nach Berlin. Wir wohnten als junge Eheleute mit unserer Tochter in einem Haus in der heutigen Karl-Marx-Allee. Damals hiess sie noch Stalin-Allee. Von der Bezirksverwaltung bekamen wir als Hausgemeinschaft Geld für das Instandhalten von Haus und Garten. Davon haben wir zweimal im Jahr alle miteinander eine Reise gemacht. Oder wenn ich vor der Arbeit zum Kindergarten ging, habe ich drei, vier andere Kinder mitgenommen. Man hat als Gesellschaft miteinander gelebt. Sowas gibt es heute nicht mehr. Die Leute begegnen sich wie Fremde.

War diese Solidarität nicht auf Menschen beschränkt, welche die offizielle Ideologie teilten?

Als ich erster Bezirkssekretär der SED in Dresden war, hatte ich Nachbarn, deren zwei Kinder in den Westen geflüchtet waren. Wenn ich Urlaub machte, gab ich ihnen den Schlüssel zu meiner Wohnung. Und wenn die Nachbarn zu ihren Kindern im Westen fuhren, goss ich ihre Blumen. Es herrschte Vertrauen untereinander. Ich habe als erster Bezirkssekretär auch den Keller sauber gemacht. Nicht weil ich den Volkstümler spielen wollte, sondern weil das für mich selbstverständlich war.

Was halten Sie von der Ostalgie, also dem Phänomen, dass Menschen DDR-Produkte feiern und wieder Trabant fahren?

Ich finde es dort gut, wo man gegen das Kleinmachen ankämpft. Nehmen wir den Rotkäppchen-Sekt. Der hat überlebt, also war doch nicht alles schlecht in der DDR.

In Ostdeutschland ist heute die rechte Alternative für Deutschland (AfD) stark. Warum?

Die Phänomene AfD, aber auch Pegida haben einen sozialen Hintergrund. Diese Bewegungen griffen die Ungleichbehandlung von West und Ost nach der Wende auf. Die Rede vom starken Deutschland zieht bei denen, die das Gefühl haben, dass sie als Deutsche zweiter Klasse behandelt werden. Mir wurde die Rente gekürzt, weil ich in der DDR zu «staatsnah» war. Natürlich war ich als Ministerpräsident staatsnah. Die Wahrheit ist doch: Deutschland ist noch immer zweigeteilt. Weil ich aus dem Osten bin, bekomme ich weniger Rente.

Warum gelingt es denn der Linken nicht, die Leute zu gewinnen, die sich abgehängt fühlen?

Die Linke vertritt diese Anliegen durch ihre Angepasstheit im Osten nicht konsequent genug. Wir sind einmal angetreten als Partei für die Leute im Alltag. Nun hat die Partei es sich in den Ministerien bequem gemacht. Dadurch entstanden Freiräume, die nun von den Rechten genutzt werden.

Könnte es nicht auch sein, dass Bewegungen am rechten Rand stark sind, weil die demokratische Kultur in Ostdeutschland noch nicht so weit gediehen ist?

Na ja, die Menschen im Osten haben jetzt ja 30 Jahre in der Bundesrepublik gelebt. Warum sollten denn die Jahre in der DDR sie mehr geprägt haben als die Zeit in der BRD? Mit dieser Demokratie stimmt doch etwas nicht, wenn es ihr in 30 Jahren nicht gelingt, die Menschen zu integrieren.

Heute wird wieder viel vom Kalten Krieg gesprochen. Lebt er tatsächlich wieder auf?

Es ist noch viel schlimmer. Die Grenze zum heissen Krieg wird nicht mehr wahrgenommen. Wir haben seit 17 Jahren Krieg in Afghanistan und kaum jemand regt das noch auf. Es ist fatal, wenn die Menschen sich an den Krieg gewöhnen.

Glauben Sie noch daran, dass es einmal einen wirklich demokratischen Sozialismus geben wird?

Ich glaube und hoffe, dass die nachfolgenden Generationen einen Umgang mit der Erde und mit sich selber finden, der es ermöglicht, dass wir überhaupt noch auf dieser Erde leben können. Denn je knapper die Ressourcen werden, desto dringender brauchen wir ein gerechtes Verteilungssystem. Das muss nicht Sozialismus heissen. Bisher haben die Menschen immer einen Weg gefunden, darum bin ich zuversichtlich.

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