Australien

Mörderische Helden: Warum nicht mal die jüngsten Kriegsverbrechen am Status der Veteranen kratzen können

Orden raus, Kinn hoch, Säbel gezückt: Am Anzac Day veranstaltet fast jede grössere Gemeinde in Australien eine Parade für ihre Kriegsveteranen.

Orden raus, Kinn hoch, Säbel gezückt: Am Anzac Day veranstaltet fast jede grössere Gemeinde in Australien eine Parade für ihre Kriegsveteranen.

Kaum ein Land vergöttert seine Veteranen so sehr wie «Down Under». Die grausamen Vorkommnisse in Afghanistan stellen den Heldenkult jetzt neu in Frage.

Stolz marschiert er im Sonntagsanzug, viel zu gross für seinen hageren, alten Körper. Doch das Haupt des Vietnam-Veteranen ist erhoben, solange es die Arthrose im Nacken erlaubt. Eine Reihe glänzender Orden hat er auf die linke Brust geheftet. Das wertvollste Erbe, das er seinen Kindern und Enkeln hinterlassen wird. Tausende säumen den Strassenrand. Sie klatschen, schwenken kleine Fahnen. Viele haben Tränen in den Augen.

Jedes Jahr am 25. April feiern die Australier den «Anzac Day» (Anzac steht für «Australian and New Zealand Army Corps»). Der Tag im Jahr, an dem alte Männer – und ein paar Frauen – für ein paar Stunden wieder zu Helden werden, bevor sie zurück ins Altersheim müssen. Ihre jüngeren Veteranen-Kameraden gehen ins Pub und erzählen von ihren Taten in Irak und Afghanistan.

Auch die Mitglieder der australischen Elitetruppe Special Air Services (SAS) werden beim nächsten Anzac Day bei Bier und Rum über ihre Erfahrungen in Afghanistan schwelgen. Die horrenden Enthüllungen einer Untersuchungskommission von letzter Woche über mutmassliche Morde an afghanischen Zivilisten dürften dann schon fast wieder vergessen sein. Verschwunden hinter einem für Australien typischen Nebel aus Verdrängung, Ablenkung und Entschuldigungsversuchen.

Australische Soldaten sollen in Afghanistan Kriegsverbrechen begangen haben

Australische Soldaten sollen in Afghanistan Kriegsverbrechen begangen haben (Beitrag vom 20. November 2020)

  

Neues Futter für den patriotischen Mythos

Was die Sondereinheiten im Afghanistan-Krieg getan haben sollen, ist nur schwer erträglich. Zivilisten hätten sie die Gurgel durchgeschnitten, wehrlose Gefangene kaltblütig erschossen, einfach so. «Blooding» – der «erste Kill» – sei ein Ritus für junge australische Elite-Kämpfer, ein Weg zur Anerkennung durch Kameraden und Vorgesetzte, sagte Armeechef Angus Campbell bei der Vorstellung des Berichts vergangene Woche. «Blutlust» und ein Gefühl der Überlegenheit hätten zur «toxischen Kultur» in den betroffenen Truppen beigetragen.

Ehre, wem Ehre gebührt: Australien vergöttert seine Kriegsveteranen auch nach deren Tod.

Ehre, wem Ehre gebührt: Australien vergöttert seine Kriegsveteranen auch nach deren Tod.

«Entweder schliesst man sich als junger Soldat dieser dominierenden Norm an, oder man wird ausgeschlossen», sagte der Armee-Experte James Connor gegenüber Journalisten. Die Untersuchung identifiziert einige SAS-Patrouillenführer, die wie Halbgötter verehrt worden seien. Viele der beschuldigten Soldaten seien sich bis heute keiner Schuld bewusst.

Beobachter erstaunt das wenig. Das Gefühl der Unantastbarkeit, der vermeintlich besonders hohen «Ethik» australischer Soldaten ist Teil einer über Generationen gewachsenen Erzählung. Der Anzac Day spielt dabei eine zentrale Rolle.

Kein anderer Feiertag hat in Australien eine derart mythische Bedeutung. Heldenverehrung am Anzac Day ist in Australien in den letzten Jahrzehnten zu einem wichtigen politischen Instrument geworden. Nachdem die Tradition in den Neunzigerjahren an Bedeutung zu verlieren drohte, drückte der damalige konservative Premierminister Australiens, John Howard, mit patriotischen Sprüchen den Popularitätsknopf. Gleichzeitig entsandte die Regierung Zehntausende Soldatinnen und Soldaten nach Irak und Afghanistan. Tausende neuer «Helden», die am Anzac Day bejubelt werden können.

Die Ausreden sind dieselben geblieben

Kritik an der Armee – selbst nach den jüngsten Enthüllungen – ist in Australien tabu. Geschichten über mutmasslich brutale Vorfälle werden systematisch verdrängt. Armee-Experte James Connor erinnert daran, dass es seit Jahrzehnten Vorwürfe gegen australische Truppen wegen möglicher Kriegsverbrechen gibt. «Seit 1969 hatten wir viele Berichte und Untersuchungen.» Doch ernsthafte Folgen für die Beschuldigten hatten die Enthüllungen nie.

Schon als Kind wird den Australiern die Ehrfurcht vor den Veteranen eingeflösst.

Schon als Kind wird den Australiern die Ehrfurcht vor den Veteranen eingeflösst.

Gelegentlich habe es ein Eingeständnis der Armeeführung gegeben, nie aber eine Übernahme der Verantwortung. Auch im neusten Report würden bereits wieder «Loyalität in einer kleinen Gruppe, schlechte Führung» und die «Abtrünnigkeit» Einzelner als Gründe für die mutmasslichen Verbrechen genannt. Kein Wort von der Tatsache, dass es sich um ein über Generationen gewachsenes Problem handelt. Kritiker haben jedenfalls wenig Hoffnung, dass die mordenden «Helden» von Afghanistan jemals zur Verantwortung gezogen werden.

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