Gerichtsurteil

Mordfall Jan Kuciak: Auftraggeber unschuldig, Slowakei schockiert

Der slowakische Journalist Jan Kuciak und seine Verlobte Martina Kusnirova wurden ermordet.

Der slowakische Journalist Jan Kuciak und seine Verlobte Martina Kusnirova wurden ermordet.

Die Ermordung des 27-jährigen Journalisten löste eine landesweite Protestwelle aus. Am Donnerstag wurde der Hauptverdächtige freigesprochen.

Die ganze Slowakei stand unter Schock, als der Journalist Jan Kuciak und seine Verlobte Martina Kusnirova im Februar 2018 in ihrem Haus erschossen aufgefunden wurden. Der Mord an den beiden 27-Jährigen machte Schlagzeilen über das Land hinaus, trieb Hunderttausende Slowaken auf die Strasse und kostete letztlich etliche Spitzenbeamte, Regierungspolitiker und sogar Richter ihren Job.

Doch das Gerichtsurteil am Donnerstag bringt den Hinterbliebenen keine Genugtuung. Der Unternehmer Marian Kocner, der als mutmasslicher Auftraggeber des Doppelmordes galt, wurde vom Vorwurf, den Mord an Kuciak bestellt und bezahlt zu haben, freigesprochen. Auch seine mutmassliche Komplizin Alena Zsuzsova kam ­davon. Die Staatsanwaltschaft hatte für beide 25 Jahre Haft gefordert. Zu langjährigen Haftstrafen verurteilt wurden einzig die drei Männer, die die Tat ausgeführt und ein Geständnis abgelegt hatten.

Urteil soll weitergezogen werden

Kuciak hatte über zwielichtige Geschäfte des Unternehmers Kocners berichtet, aber auch über andere Verfilzungen von Politik und Geschäftswelt. Eine erst nach seinem Tod veröffentlichte Reportage löste in der Slowakei Massendemonstrationen aus und führte zum Rücktritt der Regierung.

Darüber hinaus führten die Mordermittlungen zu einer Serie von Enthüllungen im Justizsystem: In einem für die Slowakei beispiellosen Schlag der Polizei wurden im vergangenen Jahr 13 Richter und Staatsanwälte sowie eine ehemalige Staatssekretärin für Justiz festgenommen. Sie werden beschuldigt, in Kocners Auftrag gegen Bestechungsgeld zahlreiche Gerichtsprozesse manipuliert zu haben.

Daniel Lipsic, der Anwalt der Familie von Jan Kuciak, geht davon aus, dass die Staatsanwaltschaft den Fall weiterziehen wird. «Ich halte die Beweise für so stark, dass ich von der Schuld Kocners überzeugt bin», erklärte der ehemalige Justizminister, der die in bescheidenen Verhältnissen lebende Familie pro bono vertritt.

Kuciak-Nachfolger ist nicht überrascht

Der Journalist Arpad Soltesz leitet das nach dem Ermordeten benannte Jan-Kuciak-Investigativzentrum, das Kuciaks Arbeit fortführen soll. Während die meisten Prozessbeobachter und Medien des Landes das Urteil als unerwarteten Paukenschlag bewerteten, nahm Soltesz es nüchtern auf: «So wie wir in unserer Berichterstattung alle Emotionen hintanstellen und uns auf die Fakten konzentrieren müssen, so muss auch das Gericht ohne Rücksicht auf die Gefühle von Journalisten und Hinterbliebenen urteilen.» Die Beweise seien eben nicht eindeutig genug gewesen, meint Soltesz. Mit Blick auf die erwartete Berufung der Staatsanwaltschaft gegen das Urteil fügt er hinzu: «Noch ist ja nichts entschieden.» (dpa)

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