Frankreich

Nach Attentat in Strassburg: Das Land kommt nicht zur Ruhe – und stösst an seine Grenzen

Patrouille auf dem Strassburger Weihnachtsmarkt Die Polizei in Frankreich kommt an ihre Grenzen.

Patrouille auf dem Strassburger Weihnachtsmarkt Die Polizei in Frankreich kommt an ihre Grenzen.

Die französische Polizei bleibt im Dauereinsatz: Die Suche nach Komplizen geht weiter und die seit Wochen dauernden Proteste der Gelbwesten sorgen für eine gespannte Atmosphäre. Die Polizei stösst aber langsam an ihre Grenzen.

Staatsanwalt Rémy Heitz bestätigte am Freitag, dass der mutmassliche Attentäter von Strassburg dank einem telefonischen Hinweis einer Anwohnerin gestellt werden konnte. Eine Spezialeinheit der Elitetruppe Raid konnte ihn zuerst nicht finden. Danach hielt ihn aber eine Polizeipatrouille in der Strasse Lazare des Viertels Neudorf an, berichtete Heitz.

Chérif Chekatt habe darauf eine Pistole auf sie gerichtet; ein Schuss habe aber nur den Polizeiwagen getroffen. Zwei der drei Ordnungshüter hätten darauf das Feuer eröffnet und den Attentäter, der vier Menschenleben und ein Dutzend Verletzte auf dem Gewissen hat, erschossen.

Die Arbeit der Polizei ist damit aber nicht zu Ende, wie Heitz betonte: Die Suche nach Komplizen gehe weiter, bereits würden sieben Verhaftete aus der Familie und Bekanntschaft des Attentäters verhört. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) übernahm eine Stunde nach Chekatts Tod die Verantwortung für den Anschlag.

Innenminister Christophe Castaner dankte den Polizeikräften, als er der Wiedereröffnung des Strassburger Weihnachtsmarktes beiwohnte. 700 Polizisten hatten in Frankreich an der Fahndung teilgenommen, weitere 1900 Mann waren im Elsass mobilisiert gewesen.

Polizei tötet Strassburg-Attentäter Chérif Chekatt

Polizei tötet Strassburg-Attentäter Chérif Chekatt

Zwei Tage nach dem Anschlag in Strassburg ist der mutmassliche Angreifer durch die Polizei getötet worden.

Angespannte Situation im Land

Das Antiterrordispositiv bleibt auf einer hohen Stufe. Castaner warnt vor «Nachahmern». Auch wenn es niemand offen sagt, befürchten die Behörden, dass sich psychisch labile und radikalisierte Gewalttäter wie Chekatt auch durch die gespannte Lage im Land anstecken lassen könnten. Die seit Wochen dauernden Proteste der Gelbwesten und die Bilder von Chaos und Anarchie an den Samstagsdemonstrationen sorgen in Frankreich für eine gespannte Atmosphäre.

Solche sozialpolitischen Fieberschübe kennt das Land seit der grossen Revolutionen von 1789. Sie gefährden nicht die Republik selbst, gehören sie doch fast zu ihren eigenen Ausdrucksarten. Aber sie versetzen die Nation und deren Bürger in einen Zustand kollektiver Erhitzung, die nach Ventilen sucht – und die durchaus auch Selfmade-Jihadisten wie Chekatt auf den Plan rufen können.

Die Gelbwesten haben mit ihnen natürlich nichts zu tun. Dennoch ruft die Regierung die Protestierenden seit dem Strassburger Attentat zu «vernünftigem» Handeln auf. Die Mehrheit der «Gilets jaunes» hält aber an einer neuen Protestaktionen am Samstag fest – dem fünften Akt, wie sie ihn im Internet nennen.

In Paris werde der genaue Treffpunkt bis um neun Uhr morgens bekanntgeben, erklärte Eric Drouet, ein Exponent der Gelbwesten. Er wirft der Regierung unverblümt vor, das Strassburger Attentat für ihre Zwecke zu «instrumentalisieren».

Sie zeugen nicht von der Intelligenz ihrer Autoren, die gleichzeitig das Offensichtliche übersehen. Die Regierung verfolgt durchaus eine Taktik, allerdings nicht mit Fake News, sondern mit dem Versuch, die Gelbwesten wie schon früher die Gegner der Arbeitsmarkt- und der Eisenbahn-Reform zu spalten.

Darauf zielten am Montag die finanziellen Konzessionen von Präsident Emmanuel Macron ab, und das bezwecken auch die Regierungsappelle, am Samstag Ruhe zu wahren. Gemässigte Gilets jaunes sind durchaus bereit dazu.

Polizei am Ende ihrer Kräfte

Die Polizei ist gemäss ihrem Berufsvertreter Frédéric Lagache «erschöpft, gehetzt und überarbeitet». Seit Tagen muss sie sich auch mit der Protestbewegung der Mittelschüler herumschlagen, die gegen eine Maturareform antreten und sich ausdrücklich mit den Gelbwesten solidarisieren.

Ganz ähnlich die beiden radikaleren Gewerkschaften CGT und SUD: Sie sind am Freitag für ähnliche Salärforderungen wie die Gilets Jaunes selbst auf die Strasse gegangen, um sich von den Ereignissen nicht überrollen zu lassen.

Die Polizei markierte auch dabei Präsenz. Am Protest-Samstag muss die Gendarmerie wieder mehrere tausend Reservisten aufbieten.

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