Nein, US-Präsident Donald Trump hatte noch nicht genug: Nachdem er am ersten Tag des Nato-Gipfels in Brüssel die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel frontal angegriffen und den Alliierten vorgeworfen hatte, ihre Versprechen zur Erhöhung der Verteidigungsausgaben nicht einzuhalten, legte er gestern nach: Noch vom Hotel aus forderte Trump per Tweet, dass die Nato-Staaten nicht bloss zwei Prozent ihrer Wirtschaftsleistung in die Verteidigung zu investieren hätten, sondern vielmehr vier Prozent.

Angekommen im Nato-Hauptquartier, übernahm Trump in der gerade laufenden Sitzung zur Nato-Partnerschaft mit Georgien und der Ukraine das Mikrofon und setzte zu einer 20-minütigen Brandrede an. Unter Androhung «ernster Konsequenzen» soll Trump verlangt haben, dass die Nato-Partner nun vorwärtsmachen müssten und das Zwei-Prozent-Ziel bereits Anfang 2019 und nicht wie vereinbart 2024 erreichen sollen.

Laut Diplomatenkreisen habe Trump seine Forderungen mit der Aussicht unterlegt, die USA könnten andernfalls militärisch ihr «eigenes Ding» machen.

Europa geht auf Trump zu

Übersetzt würde dies nichts weniger als das Ende der transatlantischen Verteidigungsallianz bedeuten. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg zog schliesslich die Reissleine und berief eine Krisensitzung des Nordatlantikrats ein, dem obersten Entscheidungs-Gremium der Nato. Darin haben die Staats- und Regierungschefs nacheinander versucht, Trump zu besänftigen.

Merkel soll gesagt haben, dass für sie die Deadline nie zu erreichen wäre und sich die Verteidigungsausgaben nicht so einfach von gut 40 auf rund 80 Milliarden Euro erhöhen liessen. Trotzdem würde sich Deutschland aber bemühen, Trump entgegenzukommen.

Und auch Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron habe darauf verwiesen, dass er in dieser kurzen Zeit gar kein neues Budget aufsetzen könne. Trump gab sich jedoch unbeeindruckt und soll die Verteidigungsausgaben von Deutschland von derzeit 1,2 Prozent des BIP als geradezu lächerlich betitelt haben. Die Staats- und Regierungschefs sollen ob des forschen Tons regelrecht baff gewesen sein, hiess es.

Bei der anschliessenden Pressekonferenz, zu der Trump seinen Sicherheitsberater John Bolton und Aussenminister Mike Pompeo mitbrachte, war dann von Krise auf einmal keine Spur mehr. Eine «fantastische Stimmung» und einen «tollen Gemeinschaftsgeist» habe es in den vergangenen zwei Tagen unter den Regierungschefs gegeben.

Die Nato sei stärker als je zuvor und laufe wie «eine gut geölte Maschine», so Trump. Bei der Steigerung der Verteidigungsausgaben habe man erreicht, was «noch niemand zuvor erreicht habe». Wer dafür verantwortlich ist, ist auch klar. Trump: «Alle im Raum dankten mir.»

Stoltenberg: Trumps Verdienst

Tatsächlich hielt Nato-Generalsekretär Stoltenberg fest, die im vergangenen Jahr zusätzlich mobilisierten 40 Milliarden US-Dollar in den Militär-Budgets der Nato-Staaten gingen auf Trumps Initiative zurück. Stoltenberg: «Die Botschaft wurde klar und deutlich gehört.» Ob die Nato-Mitglieder Trump nun noch zusätzliche Anstrengungen versprachen und wie diese aussehen könnten, bleibt unklar.

Formell gilt die am Vortag verabschiedete Abschlusserklärung, wonach man sich gemäss dem Wortlaut des Nato-Gipfels von Wales 2014 bis ins Jahr 2024 dem Zwei-Prozent-Ziel «annähern» will. Darauf verwies auch Frankreichs Staatspräsident Macron in seiner Medienkonferenz.

Merkel weicht aus

Kanzlerin Merkel ihrerseits sprach von «sehr ernsten Diskussionen». Der Frage, ob Deutschland nun bis 2024 auch das Zwei-Prozent-Ziel erreichen werde, anstatt der angepeilten 1,5 Prozent, wich Merkel aus. Sie räumte aber ein, dass man darüber reden müsse, was «wir noch mehr in die Ausrüstung geben können».

Befürchtungen, Trump könnte seine Zustimmung zur gemeinsamen Abschlusserklärung nachträglich wieder zurückziehen, wie er es schon beim G7-Gipfel in Kanada getan hat, zerstreute er gleich selbst. Auf eine entsprechende Frage eines Journalisten antwortete er: «Ich bin sehr beständig und ein stabiles Genie.»