Nachdem in den vergangenen drei Wochen elf Kletterer am Mount Everest umgekommen sind, erwägt die nepalesische Regierung, den Zutritt zum höchsten Berg der Erde strenger zu regulieren. «Mit Sicherheit wird sich im Expeditionssektor etwas ändern», sagte Mira Acharya, eine hochrangige Beamtin der nepalesischen Tourismusabteilung, der «New York Times». Die Regierung habe bereits darüber debattiert, dass unerfahrene Kletterer am Everest sich und andere in Gefahr brächten. Zuletzt war am Montag ein amerikanischer Bergsteiger beim Abstieg vom höchsten Berg der Welt plötzlich verstorben.

Der Mount Everest hat in den vergangenen Wochen einen nie da gewesenen Massenansturm erlebt: Über 500 Kletterer haben den höchsten Berg der Welt seit Mitte Mai bestiegen. An den wenigen Tagen, an denen wie in jedem Frühjahr der heftige Gipfelsturm etwas nachlässt, drängten sich Hunderte Menschen auf dem «Hillary Step», dem letzten Anstieg vor dem Gipfel (siehe Grafik). Ein Foto des «Verkehrsstaus» auf dem schmalen, exponierten Grad (kleines Bild) sorgte weltweit für Kopfschütteln.

Selfies in der Todeszone

Bergsteiger berichteten von gefährlichen Szenen auf dem wenige Quadratmeter grossen Gipfel in 8848 Metern Höhe: Dort hätten einige Kletterer geschubst und gedrängelt, um Selfies zu schiessen. Der Stau in der Todeszone sei auch für die nie da gewesene Zahl an Todesopfern in der diesjährigen Frühjahrssaison verantwortlich, sagen Beobachter. Die Tatsache, dass die Kletterer aufgrund des Andrangs viel länger in höchsten Höhen ausharren mussten, hätte vermutlich bei vielen Todesfällen eine Rolle gespielt, so Alan Arnette, Autor eines berühmten Kletterer-Blogs. Ab einer Höhe von 7000 Metern wird das Blut nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff gesättigt, der Organismus beginnt zu sterben. Selbst mit zusätzlichem Sauerstoff aus Atemgeräten ist ein längerer Aufenthalt in der Todeszone tödlich.

Der Everest kann von nepalesischer und chinesischer Seite aus bestiegen werden, wobei das Gros der Expeditionen den Berg von Nepal aus in Angriff nimmt. Kathmandu verlangt von den Bergsteigern, dass sie für umgerechnet 11'000 Franken eine Gipfel-Lizenz kaufen – eine gute Einnahmequelle für das arme Land. Bis auf ein einfaches ärztliches Attest, dass sie gesund sind, mussten die Bergtouristen bisher keine weiteren Befähigungen oder Klettererfahrung nachweisen, um sich auf den Weg in den Himalaja zu machen. Für diese Saison wurden 381 Gipfel-Lizenzen ausgestellt, so viele wie nie zuvor.

Doch die Everest-Gebühr ist nur das eine: Expeditions-Anbieter nehmen noch mal rund 50'000 Franken dafür, das Berg-Abenteuer zu organisieren. Um sich immer mehr Kunden zu erschliessen, spielen skrupellose Anbieter die Gefahren einer Besteigung dabei herunter. Kritiker beklagen, dass es im Basecamp inzwischen von zahlungskräftigen, aber ahnungslosen Möchtegern-Gipfelstürmern wimmele. Sein Boom hat dem Everest auch ein massives Müllproblem beschert: Zum Basislager gehört inzwischen eine veritable Müllkippe, auf der sich Küchenabfälle und alte Ausrüstungsgegenstände haushoch stapeln. Diese Woche brachte eine staatlich finanzierte Expedition elf Tonnen Abfall vom Everest.

Im Licht der jetzigen Todesfälle wird in Klettererkreisen und Kathmandu diskutiert, wie der Andrang am Everest künftig reguliert werden kann. Einige Aktivisten und Umweltschützer fordern, dass Nepal dem Beispiel Perus folgt, das 2017 ein striktes Besucherlimit für die weltberühmte Wanderroute des Inka-Trail einführte. Die Lizenzen könnten in einer Lotterie vergeben werden. Andere fordern, dass sich Interessierte für die Besteigung qualifizieren müssten.

Der nepalesische Kletterer Nirmal Purja Magar, der das berühmt gewordene Foto des Staus am Gipfel schoss, zeigt sich – wie viele Bergliebhaber – zwiegespalten über eine Zutrittsbeschränkung. Einerseits müssten die Massen in Bahnen gelenkt werden, andererseits dürfe es nicht so weit kommen, dass der Bergsport zu einem Hobby allein für Reiche werde, sagte er der «Nepali Times».

Am 29. Mai 1953 erreichten der neuseeländische Bergsteiger Edmund Hillary und der nepalesische Sherpa Tenzing Norgay als Erste den Gipfel des Mount Everest. In den 66 Jahren nach der Erstbesteigung haben mehr als 4800 Menschen den Gipfel bezwungen. Schätzungsweise 300 starben bei dem Versuch. Der tödlichste Tag am Berg war der 25. April 2015, als eine durch ein schweres Erdbeben ausgelöste Lawine auf das Basislager in über 5000 Meter Höhe niederging. Mindestens 19 Kletterer kamen dabei um.