Gefechte um Bergkarabach

Neue Eskalation im Kaukasus: Warum Erdogan gegen Armenien kämpft

Türkisch-aserbaidschanische Eintracht an einer Hausfassade in Ankara: Die Türkei steht hinter ihrem «Bruderstaat».

Türkisch-aserbaidschanische Eintracht an einer Hausfassade in Ankara: Die Türkei steht hinter ihrem «Bruderstaat».

Die neuen Gefechte um Bergkarabach sind Teil eines Machtpokers. In dem Konflikt soll die Türkei nun sogar syrische Söldner einsetzen.

Wenn es nach Recep Tayyip Erdogan geht, ist die Lösung des neuen Konflikts in Bergkarabach ganz einfach. Ein völliger Rückzug Armeniens würde die Kämpfe beenden, sagte der türkische Staatspräsident vor wenigen Tagen. Erdogan stellt sich in dem Krieg hinter den Verbündeten Aserbaidschan und lehnt einen Waffenstillstand ab.

Fast 30 Jahre lang galt der Streit um Bergkarabach als «eingefrorener Konflikt», der zwar nicht beigelegt ist, bei dem alle Beteiligten aber mit einem Schwebezustand zu leben gelernt haben. Für manche Akteure wie Russland könnte es so bleiben. Doch der Konflikt ist aufgetaut – auch weil die Türkei sich einmischt.

Beim Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 hatten armenische Separatisten in Bergkarabach – einer vornehmlich armenisch besiedelten Enklave in Aserbaidschan – die Unabhängigkeit ausgerufen und mehrere Gebiete ausserhalb von Karabach von den aserbaidschanischen Truppen erobert. In dem Krieg bis 1994 starben rund 30'000 Menschen. Völkerrechtlich blieb Bergkarabach zwar ein Teil Aserbaidschans, doch in der Praxis haben die Armenier seitdem dort das Sagen.

Russland ist die Situation ganz recht, denn der Kreml ist die entscheidende Instanz für beide Konfliktparteien. Moskau ist ein enger Partner Armeniens und hat ein militärisches Beistandsabkommen mit Eriwan unterschrieben. Gleichzeitig liefert Russland aber auch Waffen an Aserbaidschan.

Mehrmals gab es seit den 1990er Jahren Zusammenstösse an der «eingefrorenen» Front von Bergkarabach; vor vier Jahren starben bei Kämpfen rund 200 Menschen. In diesem Sommer brachen an der aserbaidschanisch-armenischen Grenze weit weg von Bergkarabach neue Gefechte aus.

Ilham Alijew, der autokratisch regierende Präsident Aserbaidschans, geriet innenpolitisch unter Druck: Demonstranten in der Hauptstadt Baku forderten, Alijew solle Bergkarabach für Aserbaidschan zurückerobern.

Aserbaidschan ist für die Türkei ein «Bruderstaat»

Alijew reagierte, indem er sein Bündnis mit der Türkei intensivierte. Für Erdogan ist die Solidarität mit Aserbaidschan potenziell gewinnbringend: Politik und Öffentlichkeit in der Türkei sehen Aserbaidschan als Bruderstaat und stehen Armenien mit Misstrauen gegenüber, auch wegen des Streits um den Völkermord an den Armeniern im Osmanenreich während des Ersten Weltkrieges.

In den neuen Kämpfen, bei denen seit Ende September mehr als 250 Menschen getötet wurden, haben die Aserbaidschaner nach eigenen Angaben mehrere armenisch beherrschte Gebiete erobert. Armenien ist zu einem Waffenstillstand bereit, doch Alijew fordert wie Erdogan den vollständigen Rückzug aller armenischer Truppen aus aserbaidschanischem Staatsgebiet.

Beide Seiten werfen sich vor, in dem Krieg auch ausländische Kämpfer einzusetzen. «Tausende» armenisch-stämmige Kämpfer aus Syrien, Libanon, Russland, Georgien und Griechenland und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) nähmen an den Gefechten teil, erklärte das aserbaidschanische Aussenministerium.

1200 Syrer ins Kriegsgebiet gebracht

Zuvor hatten Armenien, Frankreich und Russland den Aserbaidschanern vorgehalten, Milizionäre aus Syrien auf dem Schlachtfeld aufzubieten. Auch die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtete, fast 1200 Syrer seien über die Türkei ins Kriegsgebiet gebracht worden; mehr als 70 von ihnen kamen demnach bisher um.

Ankara weist den Vorwurf zurück, macht aber sonst aus der Unterstützung für Aserbaidschan keinen Hehl. Mit dem Engagement will die Türkei ihre Position im Kaukasus stärken und Russland dazu bringen, Ankara als Akteur in dem Gebiet zu akzeptieren.

Erdogan arbeitet im Syrien-Krieg eng mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zusammen und will auch im Kaukasus mit dem Kremlchef auf Augenhöhe verhandeln. Bisher hat Putin allerdings keine Anstalten gemacht, sich mit Erdogan zu Gesprächen über Bergkarabach an einen Tisch zu setzen.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1