Zeichen der Zeit: Mitten in Washington, der Hauptstadt der grössten Volkswirtschaft der Welt, standen gestern Hunderte von Staatsbediensteten Schlange, um in den Genuss einer Gratis-Mahlzeit zu kommen. Lanciert wurde die Aktion durch den Spitzen-Gastronomen José Andrés, der aus Spanien stammt und in Amerika mehr als 30 Restaurants betreibt.

Der 49-Jährige ist als pointierter Kritiker von Donald Trump bekannt; der findige Gastronom belässt es aber nicht mit derben Seitenhieben gegen den Präsidenten. Sein Hilfswerk World Central Kitchen hat sich darauf spezialisiert, in Krisengebieten die notleidende Bevölkerung mit Speis und Trank zu versorgen – zuletzt im Nachgang zum Hurrikan Maria, der im Herbst 2017 die Infrastruktur der Karibik-Insel Puerto Rico zerstörte.

Koch appelliert an Politiker

Die Eröffnung des Cafés an der Pennsylvania Avenue, die das Weisse Haus mit dem Parlamentsgebäude verbindet, ist deshalb auch eine politische Stellungnahme des Spitzen-Gastronomen. Es könne doch nicht sein, sagte Andrés zu Wochenbeginn in einer Videobotschaft aus Puerto Rico, wo er sich derzeit aufhält, dass Angestellte der amerikanischen Regierung Hunger litten. Er appelliere deshalb an das Parlament, und vor allem auch an Präsident Trump, den Teil-«Shutdown» der Bundesregierung zu beenden.

Und wenn wohl auch nicht alle Angestellte der Bundesregierung, die sich mit einem Schinken-Sandwich, einer Tomatensuppe und einer Schüssel mit Quinoa, Bohnen und Couscous eindeckten, politisch einer Meinung mit Andrés sind – seine Aktion stiess auf grosse Zustimmung. Bereits zu Mittagszeit wurden gemäss «World Central Kitchen» mehr als 1000 Mahlzeiten verteilt.

«Es gibt nichts Schlimmeres als einen leeren Magen», sagte der 68-jährige Donald Abney aus Temple Hills (Maryland), der normalerweise als Sicherheitsmann für die Museen der Smithsonian Institution arbeitet. Gerade eben habe er erstmals in seinem Leben den Gang zum Arbeitslosenamt auf sich nehmen müssen; nun warte er auf seine Taggelder, erzählt Abney. Deshalb sei er sehr froh darüber, dass er sich nun unentgeltlich in Andrés’ Café verpflegen könne.

Auch Monica, die ihren Familiennamen nicht nennen will, hat im zweckmässig eingerichteten Restaurant eine warme Mahlzeit bekommen. Die Gerichtsangestellte bricht in Tränen aus, als sie von mehreren Journalisten über ihre persönliche Situation ausgefragt wird.

Dann sagt sie: Der «Shutdown» betreffe die gesamte amerikanische Bevölkerung, direkt oder indirekt, und die Zeit sei nun gekommen, den Streit zu beenden. Persönlich mache sie den Präsidenten für die missliche Lage verantwortlich, in der sie stecke, sagt sie. Trump habe über «diese verdammte Mauer» einen Machtkampf mit den Demokraten im Parlament vom Zaun gebrochen, ohne sich über die Konsequenzen den Kopf zu zerbrechen.

Frustriert und wütend

Andere Angestellte der Bundesregierung, die anonym bleiben wollen, zeigen sich im Gespräch ähnlich frustriert und wütend über den Stillstand. Eine Vertreterin der U.S. Park Police – einer Polizeibehörde, die in den Nationalparks für Ordnung sorgen muss – sagt, die Stimmung in ihrer Behörde befinde sich auf einem Tiefpunkt. Eine Mitarbeiterin des Peace Corps, das dem Aussenministerium unterstellt ist, spricht darüber, wie schwierig die Situation für sie sei. «Ich bin die Ernährerin der Familie, muss arbeiten, bekomme aber keinen Lohn.»

Und eine Gruppe von Staatsdienern spekuliert darüber, wie lange der Haushaltsstreit zwischen Regierung und Parlament, von dem landesweit gegen 800'000 Angestellte der Bundesregierung betroffen sind, noch andauern wird. Derweil singt ein Strassenmusiker zur Melodie des Gassenhauers «Stand by me» ein selbstgetextetes Lied, das er «Shutdown Song» nennt. Als er eine rasche Wiedereröffnung der geschlossenen Amtsstuben fordert, klatschen die Schlange stehenden Staatsdiener begeistert.