Russland

Nicht einmal in Russland sind alle Wahlen planbar: Wie eine Putzfrau zur Gemeindepräsidentin wurde

In Russland sind Wahlresultate selten eine Überraschung. Doch es gibt sie, wie ein aktuelles Beispiel zeigt. Symbolbild.

In Russland sind Wahlresultate selten eine Überraschung. Doch es gibt sie, wie ein aktuelles Beispiel zeigt. Symbolbild.

In Russlands «gelenkter Demokratie» sind Überraschungen eigentlich nicht vorgesehen. Ausgeschlossen sind sie aber nicht, wie ein skurriler Fall in der tiefen Provinz nun zeigt.

So hatte Nikolai Loktev sich das nicht vorgestellt. Der Gemeindepräsident des kleinen Örtchens Povalikhino, ein paar Autostunden nordöstlich von Moskau, mitten im russischen Nirgendwo, brauchte eigentlich nur einen Gegenkandidaten für seine anstehende Wiederwahl. Irgendeinen.

Denn auch wenn nirgends in Russland demokratische Verfahren wirklich ernst genommen werden – ein demokratischer Anstrich autoritärer Herrschaft gehört von ganz oben im Kreml bis ganz runter in die Provinz zum politischen System wie der Bär in den russischen Zirkus.

Das wusste natürlich auch Nikolai Loktev. Dumm nur, dass einfach niemand im Ort gegen den Amtsinhaber antreten wollte. Nach mehreren Absagen fragte Loktev in seiner Verzweiflung schliesslich Marina Udgodskaya, die ihren Lebensunterhalt mit dem Reinigen des Rathausgebäudes verdient.

Sie wollte doch nur helfen

Ihr Chef habe einfach jemanden gebraucht, damit die Wahl stattfinden konnte, sagte Udgodskaya, 35, der «New York Times». Sie habe ja nur helfen wollen. Stattdessen aber, gewann sie die Abstimmung.

Ihre anfängliche Sorge über das überraschende Ergebnis sei recht schnell verflogen, wird sie in der «Times» zitiert. Udgodskaya liess sich schliesslich einschwören. In Russlands «gelenkter Demokratie» sind solche Überraschungen nicht vorgesehen – und kommen auch äusserst selten vor.

Ein wenig erinnert der Fall an die Präsidentschaftswahl im Nachbarland Weissrussland, wo die gelernte Englischlehrerin und Hausfrau Swetlana Tichanowskaja als chancenlose Herausforderin des allmächtigen Präsidenten Alexander Lukaschenko zur Wahl zugelassen wurde – und diesen laut Beobachtern stimmenmässig überflügelte.

In Weissrussland endete dieser Anflug von Demokratie mit der Flucht der Kandidatin aus dem Land und wochenlangen Massenprotesten, die das Regime mit Gewalt und willkürlichen Verhaftungen immer noch zu unterdrücken versucht.

Als erstes sollen Strassenlaternen installiert werden

In Povalikhino steht derweil nicht so viel auf dem Spiel. Wahlsiegerin Udgodskaya kann sich um ihre Gemeinde kümmern. Ihre erste Amtshandlung: Das Dorf soll Strassenlaternen bekommen. Das sei etwas, das sich die Einwohner schon lange wünschten. Zuvor hatte sie die vakante Stelle der Reinigungskraft im Rathaus nachbesetzt.

Das Medienecho, das der Fall international, aber auch in Russland selbst auslöste, dürfte im fernen Moskau indes mindestens registriert worden sein.

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Autor

Fabian Hock

Fabian Hock

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