Auf dem Expo-Gelände in den nördlichen Mailänder Vororten Rho und Pero wird derzeit die Nacht zum Tag: Seit Wochen arbeiten bis zu 6400 Arbeiter rund um die Uhr. Wie immer, wenn Italien eine Grossveranstaltung ausrichtet, wird es am Ende eng mit dem Bauprogramm.

Aber wie immer dürften auch diesmal die Arbeiten auf den letzten Drücker einigermassen fertig werden. Und falls doch noch etwas unfertig sein sollte, hat die Expo-Leitung für diesen Zweck ein Budget von 2,7 Millionen Euro für architektonische Camouflage-Massnahmen bereitgestellt.

Expo-Chef Giuseppe Sala zeigte sich in diesen Tagen betont optimistisch: «Ich rechne fest damit, dass am 1. Mai fast alles fertig ist, wenn nicht sogar alles. Die Besucher werden vom ersten Tag an die ganze Anlage sehen und sich überzeugen können, wie schön alles ist.»

Zu den Pavillons, die noch einen Rückstand auf die Marschtabelle aufweisen, gehört ausgerechnet auch jener des Gastgeberlands, der «Palazzo d’Italia». Das fünfstöckige Ausstellungsgebäude, das grösste der Expo, bietet allein über 10 000 Quadratmeter Ausstellungsfläche.

Die Expo 2015 in Mailand (auf Englisch):

Die Expo 2015 in Mailand

Die Expo 2015 in Mailand

Antiker Städtebau als Vorbild

Insgesamt beteiligen sich an der Weltausstellung über 140 Länder, davon 52 mit einem eigenen Pavillon, auch die Schweiz. Das Expo-Gelände ist so gross wie 170 Fussballfelder.

Die vom Römer Architekten Massimiliano Fuksas entworfene Anlage orientiert sich am antiken Städtebau. Die 1,4 Kilometer lange Hauptstrasse, an der sich die meisten Pavillons befinden, heisst «Decumanus». Prunkstück und zugleich Wahrzeichen der Expo ist der sogenannte Lebensbaum, eine 37 Meter hohe Konstruktion aus Stahl und Holz mit 27 Meter weit ausladenden «Ästen».

Der Lebensbaum soll das Thema der Weltausstellung symbolisieren: «Feeding the Planet, Energy for Life» (den Planeten ernähren, Energie für das Leben). Auch die Länderpavillons sind zum Teil spektakulär gestaltet; sie wurden von Star-Architekten wie Daniel Libeskind, Stefano Boeri, Jacques Herzog und Richard Burdett entworfen. Die Pavillons sollen vergessen machen, dass sich das ganze Expo-Gelände auf einem trostlosen ehemaligen Industriegebiet befindet.

Die Regierung und die Expo-Macher verbinden die Weltausstellung mit grossen Hoffnungen: Die Expo soll dem krisengeplanten Land neue, entscheidende Impulse geben, insbesondere im Tourismus und in der Lebensmittel-Industrie. In Sachen hochwertiger Lebensmittel, einem zentralen Thema der Ausstellung, hat das Gastgeberland mit seinen weltbekannten Spezialitäten und seiner Spitzenküche einiges zu bieten – und wird sich im besten Licht präsentieren können.

Aufschwung oder Gnadenstoss?

Insgesamt werden an der Expo zwischen dem 1. Mai und dem 31. Oktober über 20 Millionen Besucher erwartet, davon drei Viertel aus dem Inland. Die Prognose dürfte realistisch sein angesichts des Umstands, dass bereits heute knapp 9 Millionen Eintrittskarten verkauft worden sind, wie die Expo-Leitung nicht ohne Stolz verkündet.

Jeder auswärtige Besucher, kalkulieren die Expo-Macher, werde für drei bis fünf Tage in der Region bleiben und täglich durchschnittlich 110 Euro ausgeben. Wie die Millionen Besucher untergebracht werden sollen, vermag derzeit aber niemand verlässlich zu sagen. Kritiker befürchten ein Chaos und eine «globale Blamage».

Kritiker hat die Expo ohnehin etliche. Einer der prominentesten ist der Schlagersänger Adriano Celentano, der schon frühzeitig gewarnt hatte, die Weltausstellung werde «Mailand den Gnadenstoss versetzen».

Die Umgebung des Messegeländes werde unter einem «Tsunami von Beton» begraben werden, und die Einzigen, die von dem «pharaonischen Event» profitieren würden, seien die Bauwirtschaft, korrupte Politiker und die Mafia.

Zumindest was die Korruption und die Mafia angeht, sollten die Kritiker recht behalten. Die Expo mit ihren Millionen schweren Bauaufträgen stand im vergangenen Mai im Zentrum eines riesigen Korruptionsskandals, bei dem unter anderem der Planungs- und Bauchef der Weltausstellung sowie etliche Politiker und Unternehmer hinter Schloss und Riegel wanderten.

Das viele öffentliche Geld hatte unweigerlich auch die Mafia angelockt, die sich über Strohmänner und lombardische Scheinfirmen Aufträge im Umfang von über 100 Millionen Euro unter den Nagel gerissen hatte.

Gebessert hat es erst, als die Regierung den Superkommissar und Anti-Korruptionsexperten Raffaele Cantone nach Mailand schickte. Dieser hat Dutzende von Bauaufträgen wegen Korruption und Mafia-Infiltration annulliert, damit aber als unerwünschte Nebenwirkung auch die Bauarbeiten unterbrochen.