Am Donnerstag machte der niederländische Zweig des Kinderhilfswerks Plan International Vorwürfe wegen Sexualstraftaten öffentlich. Ein Plan-Angestellter sowie fünf externe Mitarbeiter seien fristlos entlassen worden, zudem habe man bei der Polizei Strafanzeige gestellt.

Bereits vergangene Woche hatte sich «Ärzte ohne Grenzen» im Gefolge des Oxfam-Skandals zum Gang in die Öffentlichkeit durchgerungen. Dort soll es im vergangenen Jahr 24 Fälle von sexuellen Übergriffen gegeben haben; 19 Mitarbeiter wurden entlassen.

Während es bei Oxfam um Vorwürfe geht, wonach Entwicklungshelfer in Einsatzgebieten von ihnen abhängige Frauen zu Sex zwangen, wandten sich Mitarbeiterinnen von «Save the Children UK» mit Anschuldigungen gegen führende Manager an die britischen Medien.

Der frühere Direktor Justin Forsyth, mittlerweile Vizechef bei Unicef in New York, musste sich mehrfach wegen Vorwürfen sexueller Belästigung durch anzügliche Bemerkungen verantworten. Die internen Überprüfungen endeten jeweils mit einer Entschuldigung des Managers, weitere Konsequenzen blieben aus.

Hingegen steht sein Freund Brendan Cox wegen handfester Übergriffe auf Kolleginnen im Kreuzfeuer. Einem umfassenden Artikel einer Sonntagszeitung kam der Witwer der ermordeten Labour-Abgeordneten Joanne Cox durch ein tränenreiches Geständnis zuvor. Seine Posten bei zwei Hilfsorganisationen, die das Andenken seiner Frau bewahren sollen, legte er nieder.

Cox galt bei Insidern schon zu Lebzeiten seiner Frau als Sexpest. Bei «Save the Children» kursiert eine Anekdote, wonach man vor Jahren eine Mitarbeiterin in New York gebeten habe, den Besucher aus London für eine Nacht unterzubringen. Die Frau habe ihre WG-Partnerin um Erlaubnis gebeten, was diese mit der Bemerkung quittierte: «Der Mann kommt mir nur ins Haus, wenn Du mir ein Schloss an die Zimmertür baust.» Auch Männer beschrieben die Atmosphäre bei der Hilfsorganisation unter Forsyth’ und Cox’ Leitung als «furchtbar: dauernd Gebrüll, Einschüchterung, Macho-Gehabe».

Joanne und Brendan Cox hatten sich während ihrer gemeinsamen Arbeit bei Oxfam kennen gelernt. Die Organisation, 1942 als «Oxforder Komitee für Hungerhilfe» gegründet, genoss bisher einen untadeligen Ruf, an vergleichbare Skandale kann sich niemand erinnern. Jetzt haben mehr als 7000 Spender ihre regelmässigen Zahlungen eingestellt.

Neben solch katastrophalem Imageverlust droht dem Hilfswerk mit 2500 Mitarbeitern und 31 000 Freiwilligen weltweit auch massiver Finanzschaden. Die konservative Entwicklungshilfeministerin Penelope Mordaunt gab Oxfam zu verstehen, man brauche sich bis auf weiteres nicht mehr um öffentliche Gelder zu bemühen.

Allein aus Mordaunts Etat bezog Oxfam zuletzt jährlich 32 Mio. Pfund, die EU legte weitere 29 Mio. Euro drauf. Dem jüngsten Jahresbericht zufolge kam das Gesamtbudget von 408,6 Millionen Pfund (rund 530 Mio. Franken) zu 45 Prozent von staatlichen Organisationen, der Rest von privaten Geldgebern und Unternehmen. Die Schweiz hat dem Hilfswerk in den letzten fünf Jahren etwas mehr als 20 Millionen zukommen lassen. Die Zahlungen wurden sistiert.

Für die Vertuschung der internen Untersuchung von 2011, die sich auf Vorgänge in Haiti bezog, musste Oxfam-Vize Penelope Lawrence ihren Hut nehmen. Intern gilt aber auch Direktor Mark Goldring als beschädigt, nicht zuletzt durch ein Interview, in dem er sich larmoyant beklagte: «Haben wir etwa Babys in ihren Wiegen ermordet?»

Unterdessen melden sich in der britischen Diskussion auch Prominente zu Wort, die den Sektor verteidigen. Der Schriftsteller Mark Haddon («Supergute Tage») rief auf, weiter zu spenden: Er habe eine Vielzahl von Oxfam-Projekten, beispielsweise in Äthiopien und Jordanien, besichtigt, «die das Leben von Frauen verbesserten durch Arbeitsmöglichkeiten, ein eigenes Einkommen, Bildung und Gesundheitsvorsorge». Allerdings müssten die Wohlfahrtsorganisationen ihre Tätigkeit einer genauen Prüfung unterziehen, Fehler akzeptieren und ausmerzen.