Rassismus-Debatte

Rassismus: Werden Afroamerikaner häufiger von Polizisten erschossen als Weisse?

Polizisten in Dallas im Einsatz

Polizisten in Dallas im Einsatz

In letzter Zeit schreibt die Polizei in den USA immer wieder Schlagzeilen, weil Polizisten überreagieren und mutmassliche Täter auf offener Strasse erschiessen. Wie rassistisch ist die Polizei in den USA? Werden Afroamerikaner häufiger von Polizisten erschossen als Weisse? Nein, sagt ein Ökonom.

Roland Fryer gibt zu, dass er nicht unvoreingenommen an die Arbeit gegangen sei. Er habe fest damit gerechnet, bei seiner Untersuchung der Polizeidepartemente in zehn amerikanischen Grossstädten auf systemischen Rassismus zu stossen, sagt der Ökonom, der an der Harvard-Universität in Cambridge (Boston) unterrichtet.

Und tatsächlich belegen die Fryers Zahlen, veröffentlicht in einer 38 Seiten zählenden Studie, dass Afroamerikaner bei Kontrollen durch Ordnungshüter härter angepackt werden.

So werden Menschen mit dunkler Hautfarbe häufiger gegen die Wand oder zu Boden gestossen, in Handschellen gelegt oder durch die Polizei schikaniert.

Aber: Es trifft nicht zu, dass die Polizei bei einem Zusammentreffen mit einem Afroamerikaner schneller zur Waffe greift und Schüsse abfeuert. «Das war meine grösste Überraschung.»

Fryer räumt mit seiner Studie mit einigen weitverbreiteten Klischees über die alltägliche Polizeiarbeit auf. So sagt er, dass schockierende Zwischenfälle – zum Beispiel die Tötung von Philando Castile in Falcon Heights (Minnesota), die vorige Woche landesweit auf Beachtung stiess – untypisch seien. Schiessereien ereigneten sich meist, wenn Polizisten versuchten, einen Räuber zu stellen oder eine Gewalttat zu verhindern und nicht bei einer Verkehrskontrolle.

Castile wurde bei einer Verkehrskontrolle von einem Polizisten erschossen, weil er angeblich seine Waffe zücken wollte, die er legal auf sich trug. So jedenfalls lautet die halboffizielle Begründung.

Polizei ist eher zurückhaltend

Fryer fokussierte bei seiner Untersuchung auf die Zwei-Millionen-Stadt Houston in Texas, in der Menschen mit weisser Hautfarbe rund 50 Prozent der Bevölkerung stellen.

Überraschend fand er dabei heraus, dass das «Houston Police Department» im Umgang mit Afroamerikanern gar zur Zurückhaltung neige. Er verglich Polizeiberichte, die Auskunft über die Festnahme von weissen und afroamerikanischen Kriminellen gab.

Und kam zum Schluss, dass die Polizei selbst in Fällen, in denen der Einsatz von Schusswaffen gerechtfertigt gewesen wäre, davon abgesehen habe.

In Prozent ausgedrückt: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Afroamerikaner während eines solchen Aufeinandertreffens erschossen werde, liege 24 Prozent tiefer, als die Wahrscheinlichkeit, dass ein Weisser in vergleichbaren Umständen erschossen werde.

Fryer betont, dass seine Studie nicht Auskunft über die Polizeiarbeit in jeder amerikanischen Grossstadt gebe. «Das ist nicht das Ende», sagt er, «sondern der Beginn.»

In der Tat zeigen aktuelle Beispiele, wie unterschiedlich die Ordnungshüter in vergleichbaren Situationen vorgehen. In der emotional geführten Debatte über Polizeigewalt und Gewalt an der Polizei bezeichnete das rechte politische Lager die Studie dennoch als einen weiteren Beweis dafür, das die Fundamentalkritik der politischen Linke an der Arbeit der Polizei unzulässig sei.

«Es gibt keine Beweise dafür, dass Rassismus die Arbeit der Polizei beeinflusst», sagte zum Beispiel Heather Mac Donald, die sich im Namen einer konservativen Denkfabrik regelmässig zu Wort meldet.

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