«Alle Fragen an Yandex» – der Werbespruch des russischen Suchmaschinenanbieters wurde am Montag zumindest für mehrere Stunden in Russland traurige Wirklichkeit. Denn der internationale Konkurrent Google antwortete auf Suchanfragen nicht mehr. «Diese Website ist nicht erreichbar», meldete der Server nach Eingabe der Google-Adresse und langen Versuchen, die Seite zu laden, am Ende wohl ebenso entnervt wie die zahlreichen Nutzer vor den Moskauer Computerbildschirmen. Auch der Zugang zu Youtube war für viele User gesperrt.

Verantwortlich ist der Frontalangriff der russischen Behörden auf das Internet. Ziel der Attacke ist eigentlich der Messenger-Dienst Telegram und dessen Gründer Pawel Durow. Inzwischen werden aber zahlreiche andere Ressourcen in Mitleidenschaft gezogen. Bis zu 20 Millionen IP-Adressen hat die russische Medienaufsichtsbehörde Roskomnadsor blockiert. Die Behörde dementierte zwar die Aufnahme von Youtube und des Mailprogramms Gmail, betonte aber, die Sperrung von Millionen Google-IP-Adressen sei eine notwendige Massnahme. Die Suchmaschine habe sich die Blockierung selbst zuzuschreiben, weil sie entgegen dem Urteil eines Moskauer Gerichts weiterhin ein Hosting von Telegram in ihrem Netz erlaube, so Roskomnadsor.

Warum der Staat Telegram blockiert

Neben Google ist auch der Cloud-Computing-Anbieter Amazon Web Services (AWS), eine Tochter des amerikanischen Online-Händlers Amazon, stark betroffen. AWS bietet wie Google Rechendienstleistungen und virtuelle Server und Datenbanken an, die dann wiederum andere Internetdienstleister weltweit nutzen – einer davon ist Telegram. Dieser Messenger-Dienst lässt den russischen Behörden keine Ruhe. Seit einem Jahr versucht der Geheimdienst FSB, von Durow die Verschlüsselungs-Codes zu bekommen. Damit könnte er alle dort verschickten privaten Nachrichten einsehen.

Die Neugier begründet der FSB mit Terrorgefahr. Angeblich sollen Terroristen Telegram bei der Vorbereitung von Anschlägen benutzt haben. Doch es geht um weit mehr. Die Internetkontrolle wurde schon vor einem Jahr verschärft. Sie erlaubt es den Behörden, auch gegen kritische Blogger und Medien vorzugehen. Der Opposition – ohnehin schwach in Russland – soll damit ein weiteres Betätigungsfeld genommen werden. Provider müssen die gesamte Kommunikation ihrer Nutzer speichern und auf Anfrage dem FSB übergeben. Durow hält dagegen, dass die Weitergabe der Informationen das Recht der Nutzer auf Privatsphäre verletze und damit gegen die Verfassung verstosse.

Urteil nach 18 Minuten

Am Freitag vor einer Woche hat ein Moskauer Gericht in dem Streit die Blockade Telegrams angeordnet. Die Sitzung dauerte gerade einmal 18 Minuten. Anwälte Durows, der den Prozess als «Farce» bezeichnete, waren ohnehin nicht anwesend. Trotzdem will Telegram das Urteil rechtlich anfechten. Bis dahin wird der Kampf im Netz ausgetragen. Während Telegram seinen Usern zum Einsatz von VPN- und Proxy-Servern riet und selbst von einer IP-Adresse auf die andere umsteigt, um die Blockade zu umgehen, reagieren die Behörden mit einer grossflächigen Abschaltung des Internets.

Ein Katz-und-Maus-Spiel, das Roskomnadsor nur schwerlich gewinnen kann, will es nicht nach chinesischem Muster das russische Netz völlig vom weltweiten Web abkoppeln. Offiziellen Angaben nach steht das nicht auf dem Plan. Der Messenger-Dienst funktioniert nach der Attacke zwar nicht stabil, Nachrichten lassen sich mit Verzögerung allerdings immer noch verschicken. Das Risiko für Telegram in dem Machtkampf ist ohnehin überschaubar: Das russische Auditorium macht nur noch einen Bruchteil der inzwischen weltweit 200 Millionen Nutzer aus. Zudem haben Erfahrungen im Iran, wo der Messenger ebenfalls auf die schwarze Liste geriet, gezeigt, dass behördliche Verbote der Popularität Telegrams wenig anhaben können. Er hat dort sogar User gewonnen.