Italien

Scharfe Kritik nach Massenpanik in Turin – die Behörden unter Druck

Die Turiner Massenpanik am Samstag forderte 1500 Verletzte.A. Di Marco

Die Turiner Massenpanik am Samstag forderte 1500 Verletzte.A. Di Marco

Die Turiner Bürgermeisterin gerät nach dem verheerenden Vorfall in Erklärungsnot.

Die Piazza San Carlo wird von den Turinern gerne als ihr «salotto» bezeichnet, als Salon ihrer Stadt. Tatsächlich gilt der grosse, von vornehmen Barockpalazzi, zwei Kirchen und mehreren eleganten Cafés gesäumte Platz im Herzen der Stadt als einer der schönsten des Landes. In der Nacht des Samstags und auch noch am Sonntagmorgen glich die 168 Meter lange und 76 Meter breite Piazza jedoch einem Schlachtfeld: Überall lagen Schuhe, Rucksäcke, zerschlagene Flaschen, leere Plastiktüten und anderer Unrat herum.

Der wüste Anblick war das Resultat einer Massenpanik während des Champions-League-Finals Juventus Turin gegen Real Madrid vom Samstagabend. Etwa 30 000 Fussballfans hatten sich auf der Piazza zum Public Viewing versammelt. Kurz nach dem 3:1 für die «Königlichen» aus Spanien verbreitete sich das Gerücht, es befänden sich bewaffnete Terroristen mit Bomben in der Menge. Eine Massenpanik brach aus, die Menschen versuchten zu flüchten.

Bei der Massenpanik wurden über 1500 Personen verletzt, 3 davon schwer. Was genau die Panik verursacht hatte, ist immer noch Gegenstand von Untersuchungen. Möglicherweise war es ein Feuerwerkskörper, vielleicht aber auch ein betrunkener junger Fan mit einem Rucksack.

Der Vorfall bleibt nicht ohne politische Konsequenzen. Gestern Montag wurden schwere Vorwürfe an die Stadtbehörden erhoben: Es habe kein ernsthaftes Sicherheitskonzept gegeben, die Fluchtwege seien zu wenig zahlreich und kaum abgesichert gewesen und ausserdem hätten die Stadtpolizisten tatenlos zugeschaut, als illegale Strassenhändler Unmengen von Bierflaschen verkauft hätten. In der Tat waren die unzähligen Glasscherben auf der Piazza der Hauptgrund für die hohe Zahl der Verletzten. «Hunderte von Fans haben sich an Glas geschnitten, und das hätte leicht vermieden werden können», betonte gestern der Gesundheitsminister der Region Piemont, Antonio Saitta.

1700 Einfallstore für Anschläge

Für Kopfschütteln sorgte ausserdem, dass sich während des Public Viewings über hundert polizeibekannte und zum Teil wegen Gewalttaten mit Stadionverbot belegte Juve-Hooligans auf der Piazza befanden. Sie waren offenbar – wie auch die illegalen Bierverkäufer – durch das unter der Piazza befindliche Parkhaus auf den Platz gelangt.

Die Einfahrten ins Parking und die Ausgänge auf den Platz waren im Sicherheitsdispositiv vergessen und nicht kontrolliert worden. Letztlich hatten die Stadtbehörden, trotz der vielen Verletzten, mehr Glück als Verstand: Wenn selbst Hooligans ungestört zum Public Viewing gehen konnten, dann hätte dies problemlos auch ein Attentäter tun können.

Im Zentrum der Kritik steht die Turiner Bürgermeisterin Chiara Appendino. Sie ist, wie ihre Römer Amtskollegin Virginia Raggi, Mitglied von Beppe Grillos rechtspopulistischer Protestbewegung «Movimento Cinque Stelle». Appendino hat nach eigenen Angaben das Sicherheitskonzept ihres Vorgängers übernommen, das schon 2015 beim Champions-League-Finale Juventus gegen Barcelona angewendet worden sei «und gut funktioniert hat».

Doch der internationale Kontext hat sich in den letzten zwei Jahren verändert, wie Turins Polizeichef Renato Saccone betonte: Heute lebe man in einem «Klima der Sorge». Eine Paniksituation auf einem öffentlichen Platz in den Griff zu bekommen, sei deshalb «besonders komplex».

Um eine Massenpanik an Grossanlässen künftig zu verhindern, will Innenminister Marco Minniti bei den Sicherheitsmassnahmen dafür sorgen, dass die Organisatoren, die Polizei und die Behörden bezüglich Sicherheit «noch einen Gang höher schalten» – vor allem bei den Eingangskontrollen, der grossräumigen Überwachung und bezüglich der Fluchtwege. Immerhin stehen in Italien bis Ende September laut offiziellen Zahlen des Innenministeriums 1 700 Anlässe unter freiem Himmel auf dem Programm.

Mit den Massnahmen soll nicht nur die objektive Sicherheit bei diesen Anlässen, sondern auch das subjektive Sicherheitsgefühl der Besucherinnen und Besucher verbessert werden. «Wir müssen solche Psychosen wie in Turin vermeiden», betonte Innenminister Minniti. Immerhin habe der falsche Alarm auf der Piazza San Carlo sehr viel mehr Verletzte gefordert als der echte Terroranschlag am gleichen Tag in London oder zwei Wochen zuvor in Manchester.

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