Syrien

Schlacht um Aleppo: Dschihadisten demütigen Assad und Putin

Einwohner von Aleppo besichtigen nach einem Luftangriff die Trümmer ihrer Häuser. (Archiv)

Einwohner von Aleppo besichtigen nach einem Luftangriff die Trümmer ihrer Häuser. (Archiv)

Die Schlacht um Aleppo tobt mit unveränderter Härte. Die Regierung versucht mit Luftangriffen, die islamistischen Rebellen zurückzudrängen. Diese hatten zuvor den Belagerungsring durchbrochen.

Als die Höllenmaschinen der dschihadistischen Sturmtruppen anrollten, ergriffen Assads Soldaten die Flucht. Zum wiederholten Male waren Selbstmordattentäter auf den Weg geschickt worden, die ihre mit mehreren Tonnen TNT gefüllten Lastwagen zielsicher in die Frontstellungen der syrischen Armee steuerten.

Nachdem die Verteidigungslinien um die sogenannte Artilleriebasis, der wichtigsten Abwehrstellung der Regierungstruppen in ganz Aleppo, durchbrochen waren, dauerte es nur noch wenige Stunden, bis die nachrückenden Rebellen den Belagerungsring um den Osten von Aleppo gesprengt hatten.

Mit ihrem Triumph in Aleppo haben die mehrheitlich dschihadistischen Rebellengruppen nicht nur den Truppen Assads eine verheerende Niederlage zugefügt, sondern auch die Luftwaffe des russischen Präsidenten Wladimir Putin gedemütigt. Bis zu 60 Mal am Tag hatten russische Kampfflugzeuge die vorrückenden Dschihadisten im Grossraum Aleppo angegriffen. Viele Bomben verfehlten ihr Ziel, weil die Jets aus grosser Höhe angreifen mussten. Denn die Aufständischen verfügen neuerdings über hochmoderne Boden-Luft-Raketen, mit denen sie in der letzten Woche einen russischen Transporthelikopter abgeschossen hatten. Mit der Lieferung der schultergestützten Abwehrraketen wollten die USA den Russen signalisieren, dass sie den Krieg in Syrien nicht gewinnen können, betonte ein arabischer Militärexperte, der anonym bleiben wollte.

Zivilbevölkerung leidet weiter

Erleichterung für die leidende Zivilbevölkerung hat der Durchbruch der Islamisten bislang aber nicht gebracht. Zur Versorgung der drei Wochen lang eingeschlossenen Menschen im Osten von Aleppo müssten die Rebellen sichere Nachschubwege freikämpfen. Diese liegen aber weiterhin unter dem Artilleriebeschuss der Assad-Armee. Gleichzeitig sind die Rebellen nun ihrerseits in der Lage, die Verbindungsstrassen in den von Regierungstruppen kontrollierten Westteil zu blockieren. Damit wird seit dem Wochenende nicht nur Ost-Aleppo, sondern auch der Westen der ehemaligen Handelsmetropole belagert. «Die gesamte Stadt befindet sich in einer tödlichen Umklammerung, in einer wechselseitigen Belagerung, die das tägliche Überleben für alle Einwohner zur Tortur werden lässt», analysiert der polnische Historiker Tomasz Konisz die veränderte Lage in Aleppo.

Wird alles noch schlimmer?

Waren bis zum Wochenende bis zu 250 000 Zivilisten in Ost-Aleppo von der Aussenwelt abgeschlossen, könnten jetzt mehr als eine Millionen Menschen im Westteil der Stadt hinzukommen. Sie sollen dafür büssen, dass sie das verhasste Assad-Regime unterstützen, haben die Propagandisten der dschihadistischen Rebellen in ihren Netzwerken angekündigt. Ihr Sieg in Aleppo könnte eine Wende im syrischen Bürgerkrieg bedeuten. Der amerikanische Syrien-Experte James Miller hält es sogar für möglich, dass Aleppo nun vollständig unter Kontrolle der Aufständischen gerät. Der Erfolg der islamistischen Rebellen habe einen hohen Preis, befürchtet Miller: Die federführend an der Offensive beteiligten Dschihadisten-Gruppen würden durch ihren Sieg weiter gestärkt, während die von den USA gestützten sogenannten moderaten Rebellen schon bald völlig in der Versenkung verschwinden könnten.

Aleppo war nur der Anfang

Grosser Gewinner der Aleppo-Offensive, da sind sich die meisten Syrien-Analysten einig, ist die extremistische «Front zur Eroberung Syriens». Die Gruppe war bis vor zwei Wochen unter dem Namen «Nusra-Front», dem syrischen Ableger von al-Kaida, bekannt. Nach der Umbenennung und organisatorischen (aber keineswegs ideologischen) Distanzierung vom dschihadistischen Terrornetzwerk will die von Saudi-Arabien und vermutlich auch von der Türkei unterstützte Gruppe nun das tun, was ihr neuer Name verheisst: nämlich ganz Syrien erobern.

Der in Aleppo gemachte Anfang ist aus Sicht der Dschihadisten vielversprechend. Den von den kämpfenden Parteien instrumentalisierten Zivilisten in der nordsyrischen Millionenstadt und anderswo drohen dagegen neue Katastrophen.

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