Grenfell-Tower

Schockierende Erkenntnis: Viele Leben hätten gerettet werden können

Grenfell-Tower: Viele Leben hätten gerettet werden können

Grenfell-Tower: Das wird der Feuerwehr vorgeworfen.

Zweieinhalb Jahre nach der Brandkatastrophe im Londoner Grenfell-Tower kritisiert der Abschlussbericht die Feuerwehr massiv.

Nach hitzigem Streit über die bevorstehende Wahl und den Brexit verstummte das Unterhaus gestern kurzzeitig. Gemeinsam gedachten die Abgeordneten der Opfer des schwersten Brandes in Grossbritannien seit dem Zweiten Weltkrieg.

Zweieinhalb Jahre nach der Katastrophe im Londoner Grenfell-Tower mit 72 Toten und zahlreichen Obdachlosen kommt der offizielle Untersuchungsbericht zu dem schockierenden Schluss: Die Feuerwehr hätte durch beherzteres Eingreifen mehr Menschen retten können aus dem 24-stöckigen Wohnblock, dessen nachträglich angebrachte Isolierungsmatten als Brandbeschleuniger wirkten.

Die Regierung werde sämtliche Empfehlungen der Kommission rasch umsetzen, beteuerte Premierminister Boris Johnson und lobte die Opfervertreter: «Sie kämpfen mit Entschlossenheit und grosser Würde um ihr Recht.»

Verkleidung agierte als Brandbeschleuniger

In der Nacht zum 14. Juni 2017 geriet im vierten Stock des Wohnblocks ein Kühlschrank in Brand. Durch das gekippte Küchenfenster schlugen die Flammen nach draussen. Eine erst ein Jahr zuvor am Gebäude angebrachte Verkleidung aus Polyäthylen und Aluminium fing Feuer und agierte als Brandbeschleuniger. Binnen weniger Minuten stand das gesamte Gebäude in Flammen. Die unabhängige Kommission unter Leitung des pensionierten Richters am Appellationsgericht, Martin Moore-Bick, kommt zum Schluss: Das Material entsprach nicht den geltenden Brandschutzvorschriften.

Der ausgebrannte Grenfell Tower in London. Zwei Jahre nach dem verheerenden Brand mit Dutzenden Toten wirft ein offizieller Bericht der Feuerwehr schwere Versäumnisse vor.

Der ausgebrannte Grenfell Tower in London. Zwei Jahre nach dem verheerenden Brand mit Dutzenden Toten wirft ein offizieller Bericht der Feuerwehr schwere Versäumnisse vor.

Reichlich Kritik hält der 935-seitige Bericht jedoch auch für die Londoner Feuerwehr bereit. «Viele Menschenleben» hätten gerettet werden können, so Moore-Bick, wenn die Rettungskräfte in der Brandnacht nicht die bewährte Parole ausgegeben hätten: «Bleiben Sie in der Wohnung und warten Sie auf Hilfe.» Erst zwei Stunden nach dem ersten Alarm änderte die Einsatzleitung ihr Vorgehen und ordnete die Evakuierung des Gebäudes über das einzige Treppenhaus an. In heroischem Einsatz retteten Feuerwehrleute 67 Bewohner, viele andere schafften es ohne Hilfe. Doch Alte, Behinderte, Kinder sowie Bewohner, die ihre Familienmitglieder nicht zurücklassen mochten, kamen durch Rauch und Flammen ums Leben oder sprangen in den Tod.

Dass die Kommission einzelne Einsatzleiter und Teamchefs der Rettungsleitstelle kritisiert, findet Matt Wrack, der Boss der zuständigen Gewerkschaft FBU, «unfair und ungerecht». Verantwortlich seien jene, die der Londoner Feuerwehr binnen zehn Jahren Einsparungen von 100 Millionen Pfund (127 Mio. Franken) aufgezwungen hatten. Zu ihnen zählt der damalige Bürgermeister und heutige Premierminister Johnson.

Arroganter Auftritt der Feuerwehrchefin

Die Bewohner des Wohnturms hatten jahrelang auf Baumängel hingewiesen, das Fehlen von Sprinklern beklagt, den Mangel an Fluchtwegen angeprangert. Doch die zuständige Bezirksregierung von Kensington & Chelsea (K & C) ignorierte alle Warnungen.

Der Feuerwehr hat geschadet, dass Kommandantin Dany Cotton bei ihrer Anhörung vor der Kommission arrogant auftrat. Auf die Frage nach Konsequenzen sagte die Spitzenbeamtin damals: «Ich würde wieder genauso handeln.» Diese «unsensible» (Moore-Bick) Äusserung sorgte gestern für Rücktrittsforderungen durch Aktivisten, welche die früheren Grenfell-Bewohner vertreten.

Die Kommission soll nun in einer zweiten Phase der Verantwortung von Baufirmen, Architekt und Bezirksregierung nachgehen. Erst dann könnte Scotland Yard gegen einzelne Verantwortliche Anklage wegen fahrlässiger Tötung erheben.

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