Kommentar

Selbst Präsident Donald Trump kann die Realität nicht ignorieren

Der amerikanische Präsident zeigte bei ein paar wenigen Auftritten mit Maske, meist lehnte er sie ab. Hier bei einem Besuch einer Fabrik.

Der amerikanische Präsident zeigte bei ein paar wenigen Auftritten mit Maske, meist lehnte er sie ab. Hier bei einem Besuch einer Fabrik.

Nun hat sich also auch der amerikanische Präsident mit dem Virus angesteckt. Er hat im Wahlkampf alles daran gesetzt, die Coronapandemie zu ignorieren. Deshalb steht er in der Schlussphase des Wahlkampfes mit dem Rücken zur Wand.

Nun hat ihn die Realität also eingeholt. Obwohl Donald Trump noch am Donnerstag die gewagte Behauptung aufstellte, das Ende der Coronapandemie «ist in Sicht», hat das Virus nun auch den amerikanischen Präsidenten und seine Gattin infiziert.

Der 74-Jährige scheint bisher nicht stark an Covid-19 erkrankt zu sein; am Donnerstag jedenfalls, während seines vorerst letzten Fernsehauftrittes, klang er recht munter. Zu hoffen ist, dass das so bleibt. Niemand kann ein Interesse daran haben, dass der Präsident der grössten Volkswirtschaft der Welt ausgerechnet in der heissen Wahlkampfphase schwer erkrankt und längere Zeit ausfällt.

Die Infizierung Trumps wirft aber erneut ein Schlaglicht auf die Versäumnisse des Präsidenten im Umgang mit der Pandemie. Obwohl sich in Amerika immer noch jeden Tag fast 50'000 Menschen mit dem Virus neu infizieren, erweckte der Präsident in den vergangenen Tagen den Eindruck, als sei die Gesundheitskrise vorbei.

Er sprach stattdessen über die Wirtschaft oder verschwendete Zeit damit, seine (wahren und imaginären) politischen Gegner zu beleidigen. Symptomatisch dafür: Als sich Trump und der Demokrat Joe Biden am Dienstag zur ersten Fernsehdebatte trafen, die notabene auf dem Campus eines Spitals stattfand, hielt sich die Entourage des Präsidenten nicht an die Anweisungen und zog ihre Gesichtsmasken ab, kaum hatten sie Platz genommen. Die Demokraten im Publikum hingegen behielten ihre Maske an.

Unter den fanatischen Anhängern des Präsidenten mag diese Strategie auf Zustimmung gestossen sein – auch weil es in einem grossen Land wie Amerika tatsächlich Landstriche gibt, die durch das Virus nicht lahmgelegt wurden. Und natürlich stimmt es, dass nicht jede Menschenansammlung gleich ein «Superspreader» sein muss, wie dies nach fast jeder Wahlkampfveranstaltung Trumps behauptet wurde.

Aber jede Versammlung von Tausenden von Menschen birgt ein Risiko in sich. Dass der Präsident im Gegensatz zu Biden gewillt war, im Wahlkampf dieses Risiko einzugehen, war nicht weiter erstaunlich. Die Karriere des Geschäftsmannes Trump zeigt, dass er immer wieder mit dem Feuer spielte, sich aber nie die Haut verbrannte.

Der Plan, die Gefahr, die vom Virus ausgeht, in der Öffentlichkeit herunterzuspielen, war dennoch unglaublich kurzsichtig. Denn nun, da Trump sich infiziert hat, steht er mit leeren Händen da. Ganz offensichtlich kann er die Pandemie nicht länger ignorieren. Spielraum für eine Kehrtwende hat er aber keinen.

Ein öffentliches Eingeständnis, dass er in der grössten Krise, mit der sich Amerika seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs konfrontiert sah, versagt habe, käme dem Ende von Trumps Wahlkampf gleich – schwer vorstellbar, dass seine Anhänger, die behaupten, Gesichtsmasken seien für Weicheier, dem Präsidenten weiterhin derart fanatisch die Stange hielten.

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