Sydney

Silvester aus der Sicht des Opernhauses: «Wein, Rum, Whisky, Wodka – was für ein Horror!»

Das Neujahrsfeuerwerk in Sydney im Jahr 2008. (Archivbild)

Das Neujahrsfeuerwerk in Sydney im Jahr 2008. (Archivbild)

Die australische Metropole Sydney hat mit einem imposanten Feuerwerk das neue Jahr begrüsst. Nicht alle haben sich dabei prächtig amüsiert – die Nacht der Nächte aus dem Blickwinkel des berühmten Opernhauses.

365 Tage lang hatte ich mich vor dieser Feier gefürchtet. Ich bin es mir gewohnt, dass mich zehntausende Touristen am Tag anstarren und Fotos von mir schiessen. Aber an Silvester komme selbst ich, eines der meistfotografiertesten Bauwerke der Welt, an meine psychischen Grenzen.

All die Menschen, die sich an diesem Tag auf meiner kleinen Halbinsel so egoistisch verhalten und den ganzen Platz zumüllen. Ach ich wünschte mir, würden sie diese elende Feier doch endlich abschaffen. In diesem Jahr war es schlimmer als je zuvor: Knapp zwei Millionen Menschen sind an den Hafen Sydneys gekommen. 

Das Unheil nahm bereits am Abend zuvor seinen Lauf. Die ersten Chinesen schlugen ihre Zelte und Holzstühle auf meinem heiligen Gelände auf und übernachteten vor meinem Antlitz – nur, um am nächsten Tag die bestmögliche Aussicht auf das Feuerwerk zu haben. Dabei schien es sie nicht zu stören, dass sie meinen linken Flügel teilweise verdeckten. 

«Warum können die Menschen nicht ruhig sitzen?»

Am Silvester-Morgen strömte das restliche Volk auf meine kleine Halbinsel. Die Polizisten waren schon früh morgens vor Ort und versuchten, den Ansturm zu kontrollieren. Doch sie verloren von Minute zu Minute mehr den Überblick. Als die Mittagsonne auf mich herabbrannte, war ich schon fest eingeschlossen in kichernden französischen Sprachtouristinnen, nervigen deutschen Touris, und knipsenden Vietnamesen.

Dann endlich veranlasste die Polizei einen Einlassstopp – doch es war längst zu spät. Die Masse verhielt sich wie ein wilder Ameisenhaufen. Immer wieder touchierten dreckige Rucksäcke meine frisch polierte Aussenseite. Je näher die Nacht der Nächte für das Fussvolk rückte, desto nervöser wurden sie. Das ist dann immer der Moment, wo ich mich frage, warum diese Leute eigentlich hierhin kommen, wenn sie beim Anblick meiner Schönheit nicht einmal zwölf Stunden ruhig sitzen können.

Die jungen Leute holten nach 20 Uhr die ersten Alkoholflaschen hervor – was in unserer schönen Stadt in der Öffentlichkeit eigentlich verboten ist. Aber diese Bengel taten es trotzdem - wie jedes Jahr. Doch noch nie zuvor habe ich so viel Alkohol gesehen. Wein, Rum, Whisky, Wodka. Was für ein Horror!

Feuerwerk wird kürzer

Vor dem Familienfeuerwerk um 21 Uhr knutschten die ersten Paare schon wild miteinander rum. Es schien sie nicht zu tangieren, dass ihnen dabei links und rechts hunderte Menschen zusahen.

Kurz vor Mitternacht kramte ein Mann mit grauen Haaren und einem Camper-Rucksack in seiner Hosentasche ein schwarzes Smartphone hervor. Dann der grosse Moment: Zehn, neun, acht, sieben – bald hab ichs geschafft – zwei, eins und bumm: Die Raketen schossen gen Himmel und das Licht der Feuerwerkskörper erhellte mich in verschiedenen Farben.

Nach rund zehn Minuten war das Spektakel vorbei. Vor ein paar Jahren dauerte das Feuerwerk noch über 20 Minuten, aber die Stadt muss sparen und deswegen wird die Neujahrsfeier immer kürzer. Zum Glück. So verschwinden die Leute früher und machen wieder Platz für die dankbaren Touristen, die meine architektonische Einmaligkeit noch zu schätzen wissen.

Autor

Nicola Imfeld

Nicola  Imfeld

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