Billig, nur billig muss es sein. Die Frage nach dem Anfang des jüngsten Fleischskandals zeitigt eine unerwartete Antwort. Am Anfang waren offenbar nicht die mit Pferdefleisch versetzten tiefgekühlten Fertig-Lasagnen, sondern ein Verdacht der britischen Lebensmittelaufsichtsbehörde FSA. In Irland war der Pferdebestand markant zurückgegangen. Die Tiere waren offenbar vielen Haltern zu teuer geworden.

Mit Pferdefleisch gestreckt

Irland ist Europas grösster Rindfleischexporteur und der viertgrösste auf der Welt. Ob da was dran ist oder nicht: Im letzten Jahr verbot die FSA auf jeden Fall die Verarbeitung von maschinell gefertigtem Hackfleisch ohne Sehnen. Tests bei Hamburgern im Januar zeigten dann, dass die Produzenten in Irland ihr Rindfleisch mit Pferdefleisch «gestreckt» hatten. Angeblich stammte es aus Polen.

Die Behörde blieb wachsam. Waren es bei den Hamburgern noch 40 bis 60 Prozent Pferdefleisch, entdeckte man letzte Woche, dass in der Tiefkühl-Lasagne der Firma Findus (nicht identisch mit der schweizerischen Findus, die zu Nestlé gehört) statt «100 Prozent Rindfleisch» 100 Prozent Pferdefleisch steckte. Findus nahm die Produkte aus den Regalen. Allerdings nicht nur in Grossbritannien, die Firma hatte ihre Produkte auch nach Schweden und Frankreich geliefert.

Woher kam das Pferdefleisch? Die Spur führte zurück auf den Kontinent. Gefertigt hatten die Findus-Produkte die Firma Comigel in Metz und ihre Tochter tavola in Luxemburg. Auch Coop Schweiz verkaufte ein Produkt von Comigel: die Tiefkühl-Lasagne firmierte unter «qualité & prix».

Ihr «Rindfleisch» bezogen die beiden Firmen in diesem Fall von der französischen Firma Spanghero, einer Tochter von Poujol viandes. Spanghero kaufte das «Rindfleisch» aus Rumänien via einen Zwischenhändler auf Zypern. Die Rumänen behaupten, kein «Rindfleisch» exportiert zu haben und weisen Lieferpapiere für Pferdefleisch nach Frankreich vor. Die Franzosen hingegen bleiben stur: Rindfleisch hätten sie gekauft.

Wo wurde das Fleisch «umdefiniert»?

Verdächtigt wurde der bereits einschlägig wegen Fleischbetrugs vorbestrafte Holländer Jan Fasen (61) mit seiner Draap Trading, domiziliert in Zypern. In einem Kühlhaus in Breda (NL) soll immer noch eine beträchtliche Menge Pferdefleisch lagern. Pferdefleisch aus Rumänien, offiziell immer noch als Pferdefleisch deklariert. Die Regierung in Paris hat mittlerweile die Firma Spanghero als Schuldigen im Pferdefleisch-Skandal ausgemacht: Sie habe gewusst, dass sie Pferdefleisch als Rindfleisch verkaufte, teilte der französische Verbraucherminister Benoît Hamon gestern mit.

Pferdefleisch kann man unbedenklich essen. Es sei sogar gesünder als Rindfleisch, habe weniger Fett, mehr Eisen. Der Skandal liegt natürlich darin, dass der Konsument getäuscht wurde. Wo «Rindfleisch» draufsteht, sollte auch Rindfleisch drin sein. Über zwei Ecken ist auch Pferdefleisch nicht unbedenklich. Besonders wenn es aus dunklen Quellen stammt. Gestern entdeckte wieder die britische Lebensmittelaufsicht in geschlachteten Pferden, die nach Frankreich exportiert wurden, Spuren von Phenylbutazon. Das ist ein chemischer Wirkstoff, der schmerzlindernd und stark entzündungungshemmend wirkt. Es gehört zur Gruppe der «nicht-steroidalen Antirheumatika».

Dazu gehören auch Medikamente wie die Fiebersenker Alcacyl und Paracetamol oder die Rheumamedikamente Ibuprofen oder Dicofenac. «Butazolidin» wurde in der Schweiz vom Markt genommen, weil Phenylbutazon schwere Nebenwirkungen hat und Entzündungen und Geschwüre im Verdauungsapparat hervorrufen kann. Bei Pferden wird es aber nach wie vor verwendet. Für Tiere, die für die Schlachtung vorgesehen sind, ist es aber verboten. Und auf der Dopingliste steht es auch.

Der Weg jedes Lebensmittels muss nachvollziehbar sein

Und die Kontrolle? Seit 1979 gibt es EU-weit das Rapid Alert System for Food and Feed (RASFF). Es soll rasche Massnahmen ermöglichen, wenn «unsichere» Nahrungsmittel auf dem Markt auftauchen. Seit 2002 wird gefordert, dass der Weg jedes Lebensmittels «nachvollziehbar» sein muss (traceability). Schlachttiere müssen identifizierbar sein (Marke im Ohr, Bar-Code, Viehpass etc.). Seit dem Auftreten von BSE muss von jedem Rind bekannt sein, wo und wann es geboren und wo es gemästet wurde. Leider ist bei Fertiggerichten die Angabe der Herkunft des verwendeten Fleisches (noch) nicht vorgeschrieben.