Typisch Bernie: Als der selbst ernannte «demokratische Sozialist» am Dienstagabend (Ortszeit) vor seinen begeisterten Anhängern in Concord (New Hampshire) seinen Sieg über Konkurrentin Hillary Clinton feierte, begnügte er sich nicht mit einigen Dankesworten. Stattdessen sprach Senator Bernard Sanders, in seinem Heimatstaat Vermont als «Bernie» bekannt, fast eine halbe Stunde lang.

Im breitesten Amerikanisch – sein Akzent weist ihn als Kind des New Yorker Stadtteils Brooklyn aus – gab er dem Millionen-Publikum vor den Fernsehgeräten Einblick in die geplante «politische Revolution». Der 74-Jährige sprach über die Reform der Wahlkampffinanzierung, die Zerschlagung der Grossbanken, die Verstaatlichung des Gesundheitswesens, die Abschaffung der Studiengebühren für öffentliche Hochschulen und geplante Steuererhöhungen.

Er lässt sich nicht verbiegen

Das sind radikale Vorstellungen in einem Land, das dem Kapitalismus – zumindest rhetorisch – huldigt. Sanders ist das herzlich egal. Er setzt sich seit den 1960er-Jahren, seit seiner Studienzeit an der University of Chicago, für einen Umbau des Staates ein. Und vielleicht ist es diese Beharrlichkeit (andere sagen: dieser Eigensinn), die den Senator aus dem politisch unwichtigen Kleinstaat Vermont in einen Star verwandelt hat. Denn Sanders sagt, was er denkt. Er lässt sich nicht verbiegen, obwohl er seit 40 Jahren Politik macht. Er ist unbestechlich, verzichtet auf elegante Anzüge und den Pomp, mit dem sich amerikanische Spitzenpolitiker umgeben.

Auch nach mehr als 25 Jahren im nationalen Parlament ist Sanders kein Kumpel, der den Menschen tief in die Augen blickt und sagt: «Ich spüre Ihren Schmerz.» Seine jugendlichen Anhänger wissen dies zu schätzen. Sie wollen sich nicht mehr mit schönen Worten abspeisen lassen. Auch, weil sie enttäuscht darüber sind, dass Präsident Barack Obama das Versprechen, den Politbetrieb in Washington auf den Kopf zu stellen, nicht einhalten konnte.

Sanders profitiert aber auch davon, dass seine Konkurrentin Hillary Clinton im Wahlkampf ständig über ihren Erfahrungsschatz spricht. Sie sei ebenfalls progressiv, pflegt die ehemalige Aussenministerin und Senatorin zu sagen, aber sie wolle «Resultate sehen» – und gehe deshalb nötigenfalls auch einen Kompromiss ein. Allein: Viele Wähler sehen in Clinton eine politische Insiderin, die seit Jahrzehnten in Washington wohnt und den direkten Draht zur Bevölkerung verloren hat. Von diesen Kompromissen würden aus diesem Grund vor allem mächtige Lobby-Gruppen (und die Clintons) profitieren, lautet einer der oft gehörten Vorwürfe. Bestes Beispiel dafür: Die Spenden einflussreicher Unternehmer, die den Wahlkampf der Demokratin finanzieren. Sanders hingegen wird von mehr als 3,5 Millionen Kleinspendern unterstützt.

Clinton hat ein Problem

Clinton, die in den letzten Tagen einen schärferen Ton gegen Sanders anschlug und dabei von ihrem Gatten Bill unterstützt wurde, weiss, dass sie ein Problem hat. Bereits vor der krachenden Niederlage in New Hampshire war die Rede von einem Umbau ihres Wahlkampfstabes und einer Neupositionierung. So einfach lassen sich die Probleme der ehemaligen Favoritin aber nicht lösen. Denn sollte sich Clinton dazu entschliessen, programmatische Zugeständnisse an die progressive Basis der Demokraten zu machen, setzt sie sich dem Vorwurf des politischen Opportunismus aus. Bereits jetzt sind ihre Glaubwürdigkeitswerte schwach.

Andererseits ist der Wahlkampf der Demokraten noch lange nicht zu Ende. In den beiden nächsten Vorwahlstaaten (Nevada und South Carolina) werden sich deutlich mehr afroamerikanische und hispanische Wählerinnen und Wähler beteiligen als in Iowa und New Hampshire. Und Sanders, ein Sohn jüdischer Einwanderer aus Polen, tat sich bisher schwer damit, diese demokratischen Stammwähler von den Vorzügen seiner Kandidatur zu überzeugen.

Dabei spricht Sanders nicht nur die progressiven Aktivisten an, die Amerika in ein Mini-Skandinavien verwandeln möchten. Auch Mitte-Wähler unterstützen ihn. Das mag erstaunen, angesichts des radikalen Programms. Sanders allerdings ist ein gewitzter Politiker. Als er 1981 zum Stadtpräsidenten von Burlington (Vermont) gewählt wurde, malten seine politischen Gegner den Teufel an die Wand. Der junge Aktivist aber überraschte Freund und Feind. «Seine sozialistische Ideologie war immer noch attraktiv für seine leidenschaftlichen Anhänger», schrieb der linke Journalist Greg Guma Jahre später, «aber seine Regierung war oft von einer pragmatischen Ader getrieben.»