Afghanistan

Taliban bomben sich Weg zur Macht: 75 Menschen sterben jeden Tag im Krieg

75 Menschen sterben in Afghanistan jeden Tag im Krieg. 30 warens gestern allein beim Anschlag in Zabul.

75 Menschen sterben in Afghanistan jeden Tag im Krieg. 30 warens gestern allein beim Anschlag in Zabul.

Die Islamisten überziehen Afghanistan mit einer neuen Terrorwelle. Erreichen sie ihr Ziel, droht dem Land das Chaos.

Die Taliban überziehen Afghanistan in diesen Tagen mit einer Serie blutiger Anschläge. Am Donnerstag starben mindestens 30 Menschen, als ein Attentäter einen mit Sprengstoff beladenden Laster vor einem Krankenhaus in der Provinz Zabul in die Luft jagte.

Am Dienstag wurden bei zwei Selbstmordattentaten mindestens 48 Menschen getötet und Dutzende verletzt. Bei einer Explosion im Zentrum von Kabul kamen 22 Menschen ums Leben, in der Provinz Parwan starben 26 Besucher einer Wahlveranstaltung, bei der Präsident Ashraf Ghani sprechen sollte.

Zu allen Anschlägen bekannten sich die Taliban. Angesichts der desolaten Sicherheitslage ist fraglich, wie die für den 28. September angesetzten Wahlen abgehalten werden können, ohne Millionen Menschen in Gefahr zu bringen.

Drogenhandel füllt die Kriegskassen der Taliban

Ausgelöst hat die jetzige Terror-Offensive das abrupte Ende der Friedens-Gespräche zwischen den Taliban und den USA zu Beginn des Monats. Präsident Trump hatte die Verhandlungen über einen Abzug der 14 000 am Hindukusch stationierten US-Soldaten aus Afghanistan am 6. September überraschend für «tot» erklärt.

Zuvor war bei einem Anschlag der Fundamentalisten ein US-Soldat getötet worden. Die Taliban hatten angekündigt, der Abbruch der Verhandlungen werde die USA und ihre Verbündeten teuer zu stehen kommen – und sie machen Ernst.

Noch bis Anfang September sah es so aus, als hätten sich die seit über einem Jahr in Katar tagenden Unterhändler der Konfliktparteien in den wichtigsten Punkten geeinigt. Beide Seiten zeigten Entgegenkommen. Die USA stellten in Aussicht, bereits in den ersten 20 Wochen nach Unterzeichnung eines Abkommens 5400 Soldaten aus dem Land abziehen zu wollen.

Die Taliban willigten im Gegenzug ein, Gespräche mit der afghanischen Regierung – die die Extremisten bisher immer als nicht legitim abgelehnt haben – aufzunehmen. Doch bevor es zu einem ersten Zusammentreffen von Vertretern von Kabul und der Taliban unter amerikanischer Ägide in den USA kommen konnte, zog Trump die Notbremse.

Die Attacken der Taliban sind der Versuch, die USA an den Verhandlungstisch zurückzubomben. Der Grund: Ein Abzug der internationalen Truppen käme den Extremisten sehr gelegen. Zu keinem Zeitpunkt seit Beginn des Krieges waren die Taliban stärker als heute. 18 Jahre, nachdem die USA auf der Jagd nach Osama bin Laden in Afghanistan einmarschierten, kontrollieren sie etwa die Hälfte Afghanistans. Das von ihnen kontrollierte Opium-Geschäft floriert. Alleine 2017 nahmen die Taliban rund drei Milliarden Dollar mit dem Drogenhandel ein.

Zahl der Kämpfer hat sich seit 2014 verdreifacht

Die Miliz nutzt das Drogengeld, um neue Kämpfer mit einem attraktiven Sold zu rekrutieren. Die mehreren Hundert Franken im Monat, die die Taliban bezahlen, sind im bitterarmen Land ein grosser Anreiz, zur Waffe zu greifen. Seit 2014 soll die Zahl der Kämpfer so von 20'000 auf über 60'000 angestiegen sei.

Viele Afghanen fürchten, dass die Taliban nur darauf warten, dass die USA Kabul den Rücken kehren. Dann würden die Fundamentalisten ihre Vormachtstellung im Land ausbauen und letztlich die Regierung in Kabul stürzen. Besonders Frauen fürchten um ihre neu gewonnenen Freiheiten. Zwischen 1996 und 2001 herrschten die Taliban in einer islamistische Diktatur über Afghanistan, in der Frauen brutal unterdrückt wurden und keinerlei Rechte hatten.

Beobachter gehen davon aus, dass die Verhandlungen um einen Abzug der Amerikaner schon bald wieder aufgenommen werden könnten. Der Chefunterhändler der Taliban sagte am Mittwoch dem britischen Sender BBC, die Taliban seien bereit für Gespräche. «Wir hoffen, dass auch die andere Seite ihre Entscheidung bezüglich der Verhandlungen überdenkt.»

Bis ein Kompromiss gefunden wird, dürfte das Töten in Afghanistan weitergehen. Laut einer jüngsten Erhebung der BBC starben im August im Schnitt pro Tag 75 Männer, Frauen und Kinder. Weitere 1948 Menschen wurden verletzt. Ein Fünftel der Getöteten waren Zivilisten.

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