Kommentar

Trotz Kriegen, Krisen und Donald Trump: 2019 war das beste Jahr von allen

Trotz angeblich schlechter Stimmung: 2019 war ein gutes Jahr. Symbolbild.

Trotz angeblich schlechter Stimmung: 2019 war ein gutes Jahr. Symbolbild.

Wird wirklich alles immer schlimmer? Überhaupt nicht, sagen die Statistiken. Der Menschheit geht es so gut wie nie zuvor. Ein Jahresrückblick von Auslandredaktor Samuel Schumacher.

Die Welt geht unter, so viel steht fest. Die Frage ist nur noch: Wann? Fragt man bei Astronomen nach, dann lautet die Antwort: In spätestens 900 Millionen Jahren. Dann wird die Sonne so viel Hitze auf unseren Planeten abstrahlen, dass nichts auf dieser Welt überleben kann.

Blättert man sich durch die Zeitungen und scrollt man sich durch die Schlagzeilen des vergangenen Jahres, dann beschleicht einen die dunkle Vorahnung, dass der Weltuntergang viel unmittelbarer bevorsteht: Millionen auf der Flucht, ganze Länder in Flammen, brutale Bürgerkriege in (fast) allen Weltteilen, nukleare Superwaffen in den Händen unberechenbarer Machthaber. Es steht schlimm um die Welt, schlimmer als je zuvor, denkt sich manch einer – und liegt damit absolut falsch. Denn 2019 war das beste Jahr, das die Menschheit je erlebt hat.

Das gilt nicht nur für den seltenen Schlag der superreichen «Börsianer», die mit ihren Wertanlagen und Aktiengeschäften in den vergangenen zwölf Monaten so viel Geld verdient haben wie nie zuvor. Das gilt vor allem für jene Milliarden von Menschen, die auch heute noch weit weg von Wohlstand, geheizten Stuben und freien Demokratien leben.

Die Kindersterblichkeit ist weiter gesunken. Nur noch knapp vier Prozent der Unter-15-Jährigen sterben. Vor 70 Jahren waren es siebenmal mehr. Berücksichtigt man nur das erste Lebensjahr, ist die Kindersterblichkeit gar auf unter drei Prozent gesunken. Selbst in der Zentralafrikanischen Republik, dem Land mit der weltweit höchsten Kindersterblichkeitsrate, liegt der traurige Messwert inzwischen «nur noch» bei neun Prozent – und damit sieben Prozent unter dem weltweiten Durchschnitt von 1950.

Weiter rückläufig war auch der Analphabetismus: Über 90 Prozent der Erwachsenen können laut der Datenanalysten von «Our World in Data» heute lesen und schreiben. 2019 haben zudem jeden Tag 325'000 Menschen erstmals Zugang zu Elektrizität und 200'000 Menschen erstmals Zugang zu Trinkwasser erhalten. Weltweit wurde mehr alternative Energie produziert als je zuvor, dafür steckten sich weniger Leute mit Aids an.

Die Lebenserwartung stieg auf 72 Jahre (in der Schweiz liegt sie bei 82,9 Jahren) und die Chance, an Lepra oder an Kinderlähmung zu erkranken, sank auf ein historisches Tief. Nie zuvor haben mehr Erdenbürger – nämlich 56 Prozent aller Menschen – in demokratischen Systemen gelebt. Und nie zuvor mussten weniger Menschen in «extremer Armut» (also mit weniger als zwei Dollar am Tag) über die Runden kommen.

Es stimmt: Diese Daten (sie stammen von der Weltbank) sind schwer zu überprüfen. Und es stimmt: Das Schicksal setzte Millionen von Menschen im Sudan, in Venezuela, Syrien, in Libyen, auf dem Mittelmeer und im Jemen auch 2019 schrecklich zu. Die Kriege und das Elend der 71 Millionen, die derzeit auf der Flucht sind, darf man unter keinen Umständen kleinreden.

Betrüben muss uns vor allem, dass das Schicksal vieler dieser Menschen mindestens indirekt mit unserem eigenen Handeln zu tun hat. Den Klimawandel haben nicht die hungerleidenden Bauern im Tschad ausgelöst. Und an den Waffenlieferungen nach Syrien haben die obdachlosen Familien in Idlib nichts mitverdient.

Und trotzdem: Statistisch gesehen war 2019 für die Menschheit ein Traumjahr. Man hätte das häufiger schreiben und weniger auf die «bad news» verweisen können, das stimmt. Nur: Auf die schlimmen Dinge in dieser Welt aufmerksam machen und das Elend nicht im Dunklen unbemerkt wuchern zu lassen, das ist elementar, wenn der positive Trend anhalten soll.

Max Roser, der Gründer der Webseite «Our World in Data», sagt, es gäbe drei Wahrheiten zur Welt: Sie ist besser als je zuvor, sie ist grässlich und sie könnte noch viel besser werden. Wenn wir erreichen wollen, dass 2020 das Traumjahr 2019 sogar noch übertrifft, dann sollten wir keine dieser Wahrheiten vergessen.

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