Kommentar

Trump kündigt Iran-Atomdeal: Ein Stich in zwei Wespennester

Ausstieg aus dem Atomdeal: US-Präsident Donald Trump nennt das Abkommen «ein Desaster» und Sanktionen gegen Iran sollen «sofort» in Kraft treten. Die Begründung ist fragwürdig.

Emmanuel Macron hatte es versucht, Angela Merkel auch. Selbst der britische Aussenminister Boris Johnson wollte Donald Trump quasi in letzter Minute vom Ausstieg aus dem Atomdeal mit dem Iran abhalten – und mutierte damit für einmal zur Stimme der Vernunft. Seit gestern ist klar: Europa weibelte vergebens.

Der amerikanische Präsident hat den faktischen Rückzug aus der Vereinbarung erklärt, die das Regime in Teheran von der Entwicklung von Atomwaffen abhalten soll. Das, obwohl dem Iran keinerlei Verstösse gegen das Abkommen nachgewiesen werden konnten. Damit ist der Deal zwar noch nicht vollends gescheitert: Möglich, dass Europa den Iran auf Kurs hält. Möglich ist aber auch, dass sich Washington und Teheran auf direkten Konfrontationskurs begeben.

Ein verheerender Entscheid

Für die Glaubwürdigkeit der Amerikaner ist Trumps Entscheid in jedem Fall verheerend. Das zeigt der Blick nach vorn: Warum sollte etwa Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un beim anstehenden Gipfel mit dem US-Präsidenten auch nur ein Wort glauben, wenn Trump Sicherheitsgarantien im Tausch für Kims Atomwaffen anbietet? Jahrzehntelange Arbeit und Milliarden in ein Nuklearprogramm zu stecken, nur um dieses später gegen das Wort einer Regierung zu tauschen, das schon morgen nichts mehr wert sein könnte – darauf dürfte sich Kim kaum einlassen.

Trump mag glauben, dass er mit Härte gegenüber dem Iran ein deutliches Zeichen nach Teheran und eines nach Pjöngjang sendet – und so zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt. In Wahrheit sticht er in zwei nukleare Wespennester.

fabian.hock@azmedien.ch

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