Kommentar

Unbekannte Gesichter sind eine Chance für die deutschen Sozialdemokraten

Dominik Weingartner

Dominik Weingartner

Die SPD tut sich schwer mit dem Kandidatenfeld für den Vorsitz. Doch der Partei würde es gut tun, wenn kein polarisierender Partei-Promi auf den Chefposten rückt.

Auf den ersten Blick ist es erstaunlich: Kein Spitzenpolitiker der SPD will den Chefposten bei der deutschen Sozialdemokratie übernehmen. Logische Kandidaten wie etwa Finanzminister und Vizekanzler Olaf Scholz, der in Meinungsumfragen sehr beliebte Aussenminister Heiko Maas oder die sieben Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten haben sich bis dato nicht aus der Deckung gewagt oder mit teils absurden Argumenten – Scholz behauptete, er hätte zu wenig Zeit – ihren Verzicht erklärt.


Die Zurückhaltung des SPD-Spitzenpersonals hat sicherlich andere Gründe als fehlende Zeit. Erstens geht es der Partei sehr schlecht. Der Abwärtstrend dauert nun schon fast 15 Jahre an. Kein Vorsitzender hat es in dieser Zeit geschafft, diesen Trend umzukehren. Im Herbst drohen bei Landtagswahlen weitere dramatische Niederlagen. In Umfragen kommt die SPD bundesweit auf nicht einmal mehr 15 Prozent. Kein Spitzenpolitiker der Partei will das Gesicht dieses schon fast unaufhaltsamen Abstiegs sein, geschweige denn zum Totengräber der 156-jährigen SPD werden.


Zweitens hat das Beispiel von Andrea Nahles gezeigt, wie gnadenlos in der eigenen Partei mit dem Spitzenpersonal umgegangen wird. Nahles Politikkarriere ist vorbei, im Alter von gerade mal 49 Jahren. Warum sollte ein Bundesminister oder eine Ministerpräsidentin das Risiko eingehen, in einem Jahr am selben Punkt zu stehen und alles zu verlieren?


Dass sich nun Duos aus Mann und Frau aus den hinteren Reihen bewerben, ist eine Folge dieser Entwicklung. Das Amt ist schlicht zu unattraktiv geworden. Vielleicht liegt aber gerade darin eine Chance für die SPD. Seit Jahren fordern Parteiexponenten, endlich auf ständige Personaldiskussionen zu verzichten, um dann doch wieder eine solche zu führen. Das hat auch mit dem prominenten Vorsitzenden der letzten Jahre zu tun gehabt. Andrea Nahles oder Sigmar Gabriel haben extrem polarisiert. Unbekannte Gesichter bieten die Möglichkeit, persönliche Animositäten in den Hintergrund rücken zu lassen und sich auf Inhalte zu konzentrieren.

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Dominik Weingartner

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