Terror in Christchurch

Unfassbar, schockierend, entsetzlich: Wie der Terror das selbst ernannte Paradies einholt

Sondereinheit der neuseeländischen Polizei sichern die Gegend rund um die Masjid-Al-Noor Moschee an der Deans Avenue. Martin Hunter/EPA/Keystone

Sondereinheit der neuseeländischen Polizei sichern die Gegend rund um die Masjid-Al-Noor Moschee an der Deans Avenue. Martin Hunter/EPA/Keystone

Beim Angriff auf zwei Moscheen in Christchurch starben mindestens 49 Menschen. Bei einem der Attentäter handelt es sich um einen rechtsextremen Attentäter.

Eine Ambulanz fährt vor, die Hecktüren gehen auf, die Trage gleitet heraus und wird auf einen Rollenuntersatz gehievt. Sanitäter schieben sie durch Automatiktüren ins Spital. Der junge Mann auf der Liege regt sich nicht. Der nächste Notarztwagen fährt vor. Diesmal liegt ein Mann mit schwarzen Haaren und einem schmalen Schnurrbart auf der Trage. Nackter Oberkörper, barfuss, die Laken sind blutgetränkt. Er wird in einen Rollstuhl gehoben. Ein Rettungswagen nach dem anderen kommt an. Sie laden die Männer, Frauen und Kinder aus, die das Massaker von Christchurch überlebt haben.

Sie haben Glück gehabt, sofern dieses Wort nach solch einem Terrorakt nicht zu banal klingt. So wie die Cricket-Nationalmannschaft von Bangladesch, die gerade auf dem Weg zum Freitagsgebet in der Masjid-Al-Noor-Moschee in der Deans Avenue war, mitten in der Stadt am Hagley Park gelegen, als gegen 13:40 Uhr (Ortszeit) ein rechtsextremistischer Attentäter das Feuer auf die rund 300 Menschen in der Glaubensstätte eröffnete und 41 Mitglieder dieser muslimischen Gemeinde umbrachte. Weitere sieben Menschen starben bei einem fast gleichzeitig verübten Anschlag in der Moschee in der Linwood Avenue in einem östlichen Viertel der grössten Stadt der Südinsel Neuseelands.

Weit weg von den Brennpunkten

49 Tote. Mehrere Dutzend Verletzte werden im Krankenhaus behandelt. Drei Attentäter, darunter ein nach eigenen Worten 28 Jahre alter blonder Australier, und eine weitere nicht direkt mit diesem Trio in Verbindung stehende Person wurden festgenommen. Drei Männer und eine Frau.

Unfassbar, schockierend, entsetzlich: Der Terror hat das selbst ernannte Paradies am anderen Ende der Welt eingeholt, ein kleines Land mit nur 4,6 Millionen Einwohnern, die sich immun gegen Extremismus von links, rechts und von religiösen Fanatikern wähnten. Und weit weg von den Brennpunkten der Welt. «Ich hätte nie gedacht, dass so etwas in Christchurch oder überhaupt in Neuseeland passieren könnte», sagte Bürgermeisterin Lianne Dalziel. «Ich bin so schockiert, dass mir die Worte fehlen.»

Am Hagley Park sind die Bangladeschis um ihr Leben gerannt; das Länderspiel gegen Neuseeland am Hagley Oval wurde abgesagt, die traumatisierten Gäste fliegen so schnell wie möglich in die Heimat zurück. Ein Mann musste mitanschauen, wie seine Frau erschossen wurde. An den Tatorten an der Deans Avenue und der Linwood Avenue trösten muslimische Glaubensbrüder einander, dunkelhäutige Frauen mit Kopftüchern und Gesichtsschleiern, Männer in langen Roben umarmen einander. Ein Teenager im Hagley Park erzählt, er sei so schnell gerannt, wie er konnte. «Es hat immer nur pop… pop… pop gemacht», sagt er, «ich habe mehr als 50 Schüsse gehört.»

Der australische Terrorist, dessen Identität die Behörden als Brenton Tarrant preisgaben, postete 17 Minuten seiner mörderischen Aktion als Livestream auf Facebook – das mit einer Helmkamera aufgenommene Video wurde später von der sozialen Plattform genommen. In dem Video soll der Mann gesagt haben: «Let’s get the party started!» (Los geht’s mit der Party!) Dann setzte er sich ans Steuer, liess den Motor an, fuhr zur Moschee und begann, auf die betenden Menschen zu schiessen. Freitags, weil dann auch die Muslime aus den umliegenden Gemeinden zum Beten kommen. An einem Freitag konnte er den grössten Schaden anrichten.

Die Masjid Al Noor Mosque-Moschee in Christchurch.

   

Von der Strasse gerammt

In der Moschee an der Linwood Avenue schoss der Attentäter laut Augenzeugenberichten wahllos von aussen in das Gebäude, als Erstes auf ältere Leute, die beim Gebet auf Stühlen sassen. Der Amokläufer trägt eine Militäruniform. Nach der Tat wird er vor einer Schule nördlich des Stadtzentrums festgenommen. Der Täter, dem 41 Menschen in der Masjid-Al-Noor-Moschee zum Opfer gefallen sind, flüchtet in Richtung Süden. Auf der Brougham Street, das ist die grösste Ost-West-Achse südlich der City, rammt ein Polizeifahrzeug seinen grauen Kombi von der Strasse. Schwer bewaffnete Beamte zerren ihn aus dem Wagen, werfen ihn auf den Gehweg und machen ihn dingfest. In beiden Fahrzeugen werden Autobomben gefunden und entschärft.

Blumen für die Opfer.

    

Bislang ist unklar, ob es sich bei den Attentätern um eine kleine verschworene Gruppe handelt oder ob sie Teil einer grösseren Terrorzelle sind. Deshalb rufen Premierministerin Jacinda Ardern und Polizeichef Mike Bush die Muslime Neuseelands auf, vorerst keine Moschee aufzusuchen. Niemand weiss, woher die Terroristen ihre Waffen haben, wie die Gewehre ins Land kamen oder wo die Männer gelernt haben, sie zu modifizieren. Die Ermittlungen laufen, der Lockdown endet kurz vor 18 Uhr, aber die Fragen bleiben. Auch die Fragen nach dem Selbstverständnis der Neuseeländer, die ihr Land wegen seiner Schönheit und Friedlichkeit – trotz Drogenkriegen von Banden und erschreckend vielen Fällen von Gewalt in der Familie – «Godzone» nennen, «Gottes Land».

Im Internet kursieren ein Video und verschiedene Botschaften, die angeblich von einem der Täter stammen.

   

Naturkatastrophen und Schiffsunglücke waren die Art von Katastrophen, die sie kannten. Erdbeben und Schlammlawinen, die manchmal Hunderte von Menschen innerhalb weniger Minuten umgebracht haben. Aber das? War das nicht ein Problem der USA, Europas und des Mittleren Ostens, das viele Migranten und Flüchtlinge in dieses vermeintlich friedliche Land getrieben hat? Jetzt kreisen Hubschrauber über der 360 000-Einwohner-Stadt am Pazifischen Ozean, ohrenbetäubendes Sirenengeheul, Hunderte Polizisten mit Sturmgewehren patrouillieren, die komplette Innenstadt ist weiträumig abgeriegelt. Die unzähligen Schüler, die an diesem Tag am Platz vor der anglikanischen Kathedrale (Cathedral Square) zum ersten Mal gegen den Klimawandel protestieren, werden in öffentlichen Gebäuden in Sicherheit gebracht. Keiner darf raus, keiner darf rein.

Gefahren unterschätzt?

Vor Schulen und Kindergärten im weiteren Umkreis stehen nervöse Eltern, Grosseltern, Tanten und diskutieren, starren immer wieder auf ihre Handys, um sich über den Stand der Dinge zu informieren. Ob die Attentäter noch immer um sich schiessen, ob sie festgenommen werden konnten, wer sie sind, wie viele Menschen sie umgebracht haben. Fassungslosigkeit steht ihnen in die Gesichter geschrieben.

Ausser mit ein paar wenigen lautstarken weissen Rassisten sind sie in Christchurch, ja, in Neuseeland nie in Berührung gekommen. Einige kleine Anschläge hat es zuvor jedoch gegeben. Eine Gefahr, die die Sicherheitsbehörden, wie Premierministerin Jacinda Ardern später sagt, vielleicht unterschätzt und mangels Ressourcen nicht intensiv genug im Auge behalten haben. «Wir haben uns einseitig auf islamistischen Terror konzentriert», sagt sie in einer Ansprache an die Nation, «aber wir müssen auch den rechtsextremen Terror in den Fokus nehmen.» Die Attacken nennt sie «einen aussergewöhnlichen und beispiellosen Akt der Gewalt» und «einen der dunkelsten Tage Neuseelands». Ein schwarzer Freitag. Schärfere Sicherheitskontrollen an Flughäfen und anderen neuralgischen Punkten werden die neue Realität sein. Eine Realität, an die sich die locker-lässigen Neuseeländer, die weltweite Probleme gerne ignorieren, bis sie davon eingeholt werden, erst einmal gewöhnen müssen.

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