Weissrussland

Verhaftet, verprügelt und gedemütigt: Drei Demonstranten erzählen

Demonstrationszug in Minsk: Weissrussland erhebt sich gegen Lukaschenko.

Demonstrationszug in Minsk: Weissrussland erhebt sich gegen Lukaschenko.

Seit Tagen fordern Tausende in Weissrussland freie Wahlen und die Aufklärung der brutalen Polizeigewalt. Wer sind die Menschen, die da auf die Strasse gehen? Und was haben sie erlebt? Drei Demonstranten erzählen ihre Geschichte.

Juri Schlaganow, 24, IT-ler, Minsk

«Am Wahltag fuhr ich nach Witebsk (eine Industriestadt im Norden von Weissrussland, Anm. d. Red.), dort bin ich gemeldet, dort stimmte ich ab – für Tichanowskaja, Hauptsache gegen Lukaschenko. Am Abend des übernächsten Tages war ich zurück in Minsk, wo ich ein Start-up habe. Ich war mit Freunden im Zentrum spazieren, plötzlich hielt am Gorki-Park ein blauer VW-Bus an. Männer in schwarzen Masken über dem Gesicht sprangen heraus.

Es brach Panik aus, wir liefen auseinander. Ich stellte mich vor meine Freundin, sie packten uns und zwei weitere Frauen aus unserer Gruppe und schmissen uns in den Wagen. Irgendeiner schlug mir mit dem Ellenbogen in den Rücken. «Du willst Veränderungen? Bitte!» Sie nahmen uns die Telefone ab und fuhren mit uns etwa drei Stunden durch die Stadt.

Sie brachten uns in ein Polizeirevier im Moskauer Rayon, ein vierstöckiges Gebäude. Ganz oben die Aula. Wir mussten die Treppe hoch, an den Wänden standen Männer mit Schlagstöcken und schlugen auf jeden ein, der durchlief. Auch mit Händen, Beinen, in den Rücken, ins Gesicht, auf den Kopf. Ich hatte Glück, ich kam ohne gebrochenen Kiefer oben an. Dort mussten wir über den Boden zur Befragung kriechen.

Ich musste mich, wie alle anderen, auf einen Stuhl in der Aula setzen, die Arme ausgestreckt, die Handflächen nach oben, und starr geradeaus schauen. Nach ein paar Minuten schliefen die Gliedmassen ein. Bei jeder Rührung hauten die Männer drauf, keine Ahnung, ob OMON (Spezialeinheiten der Polizei) oder KGB (Geheimdienst), sie wechselten sich alle zwei Stunden ab, waren zu fünft. Ich weiss nicht, wie viele wir waren. Ich traute mich nicht, den Kopf umzudrehen. Es hätte Schläge gegeben. Wenn jemand von uns auf die Toilette wollte oder etwas zu trinken, liessen sie das zu, aber nicht, ohne zuvor auf einen einzuschlagen.

Etwa 15 Stunden hielten wir so durch. Danach wurden wir in Autos gepfercht, wo es kaum Luft gab, und ins Untersuchungsgefängnis an der Okrestin-Strasse gefahren. Nur leben, nur überleben, dachte ich. Hier gab es eine «Gerichtsverhandlung»: «Bist du einverstanden mit deinem Vergehen?», murmelte die Frau an einem Tisch. Ich wusste gar nicht, was mir vorgeworfen wird. Ich war «einverstanden».

Danach musste ich mich komplett ausziehen und wurde in den «Brunnen» gebracht, eine etwa 5 mal 5 Meter grosse Betonbox mit vergittertem Dach. Die Kleidung schmissen sie hinein. Nachts war es kalt. Wir waren 79 Männer, haben versucht, irgendwie übereinanderzuliegen, wenigstens 1,5 Stunden in Schichten zu schlafen. Am Morgen gab es ein Laib Brot für alle. Danach mussten einige von uns wieder in einen Mannschaftswagen. «Du Tier, mit dem Gesicht nach unten», schrien sie.

Sie brachten uns in ein Arbeitslager nach Sluzk (etwa 100 Kilometer südlich von Minsk). Hier gab es Betten mit Matratzen, wir bekamen zu essen. Am Tag darauf liessen sie uns gehen. Ohne Erklärung. Als ich aus dem Tor trat und die Menge an Menschen sah, meine Mutter, meine Freundin, andere Weissrussen, weinte ich. Ich war so durch.

Auf die Strasse gehe ich erstmal nicht mehr. Mich packt die Paranoia, wenn ich rausgehe, ich sehe mich ständig um, habe Angst, es komme jemand und nehme mich mit. Die letzten Tage verbrachte ich damit, in Krankenhäuser zu fahren und meine Wunden dokumentieren zu lassen. Mein Rücken tut noch etwas weh, auch meine Brust. Aber das wird schon. Wir Geschlagenen sind zu einer Art Katalysator für so viele in Weissrussland geworden. Selbst meine Grosseltern, meine Eltern, die immer nur für Lukaschenko gestimmt haben, stehen nun nicht mehr hinter ihm. Ich hoffe, meine blauen Flecken sind nicht umsonst.»

Xenia Medwedewa, 34, Doktorandin, Minsk

«An der Oberfläche ist in Weissrussland alles schön, sauber, angenehm, im Innern aber ist längst alles verfault. Meine kleine Welt war auch lange schön, doch als ich diese Welt verliess, weil ich promovieren wollte, begannen die Schwierigkeiten. Vor zehn Jahren ging ich schliesslich nach Petersburg, nach Moskau, später nach Innsbruck. Nun promoviere ich in Soziologie in Berlin.

In den Semesterferien kam ich Anfang März nach Minsk, wollte meine Mutter besuchen. Dann waren wegen Corona die Grenzen dicht. Die Präsidentschaftswahl war mir völlig egal, ein Ritual wie so viele andere zuvor. Doch es tauchten Kandidaten auf, die mir adäquat erschienen. Ich fing an, mich für deren Kampagne zu interessieren. In klaren Worten legte die Opposition dar, nachdem Kandidaten wie Wiktor Babariko weggesperrt wurden, dass wir nicht nur auf dem Papier Rechte haben. Ich dachte: Ja, diese Rechte will auch ich erfahren – und habe mich als Wahlbeobachterin registrieren lassen.

Wahlbeobachtung funktionierte hier so: Wir sassen auf Bänken draussen, weil man uns sagte, in den Wahllokalen selbst sei kein Platz. Ich verbrachte mit drei weiteren Beobachtern mehrere Tage vor meiner einstigen Schule und zählte die Hineingehenden. Manchmal gingen da 20 hinein, es müssen nicht mal welche gewesen sein, die abgestimmt haben, aber am Abend hiess es auf den ausgehängten Protokollen, es hätten hier etwa 200 Leute abgestimmt. Schon das machte klar: Hier stimmt was nicht.

Als ich Anrufe bekam, dass der OMON vor anderen Wahllokalen wahllos Beobachter festnahm, bekam ich grosse Angst. Diese Angst hat mich bis heute nicht verlassen. Ich gehe nur noch zu Protesten, die tagsüber stattfinden, das erscheint mir sicherer.

Jetzt herrscht vielerorts eine ausgelassene Feierstimmung. Ich traue der Lage aber nicht. Unser ganzes Land hat fast drei Jahrzehnte lang nur für einen Mann gearbeitet. Nun haben ihn, der vor allem in der Coronakrise so unverzeihliche Fehler beging, viele satt.»

Anton, 35, Logistiker, Gomel

«Seit sieben Jahren arbeite ich in Moskau. Am 9. August, dem Wahltag, feierte ich meinen Geburtstag aber in Gomel (zweitgrösste Stadt von Weissrussland an der Grenze zur Urkaine), mit meiner Familie, meinen Freunden. Die Wahl interessierte mich nicht, ich habe nicht abgestimmt. Wozu? Es war ohnehin klar, dass die Ergebnisse gefälscht sein würden.

Am Abend sassen wir auf den Stufen des Theaters, es waren vielleicht 500 Leute da, manche formten mit ihren Händen ein Herz, eine Faust, ein Victory-Zeichen (die Symbole der Opposition um Tichanowskaja).

Plötzlich kamen OMON-Männer und nahmen an die acht Leute mit. Ich ging lieber heim. Am nächsten Tag – ein ähnliches Bild. Ich wollte nach Hause fahren. Aber an der Bushaltestelle stellte sich mir ein OMON-Mann entgegen. Von der Polizeiwache ging es mit einem Mannschaftswagen, den Kopf auf die Knie, die Arme am Rücken gekreuzt, ins Untersuchungsgefängnis.

Man warf mir offenbar zwei Vergehen vor: Teilnahme an einer nichtgenehmigten Demo und Widerstand gegen die Staatsgewalt. Bei der «Gerichtsverhandlung» bekam ich 15 Tage Arrest. Ich habe keinen Anwalt gesehen, meine Eltern erfuhren erst am zweiten Tag, wo ich überhaupt bin. Sie behandelten uns nicht schlecht, wir bekamen Grütze zu essen, seltsam riechendes Wasser zu trinken. Sie taten ihren Job.

Am fünften Tag kam ich frei. Aber auf die Strasse gehe ich nicht mehr. Mir drohen bis zu drei Jahre Haft, wenn sie mich wieder kriegen. Ich will nur weg hier, zurück nach Moskau.»

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