Was am 1. September 1983 an Bord von KAL 007 geschah, will sich niemand ausmalen. Die Boeing 747 der Korean Air Lines war unterwegs von New York nach Seoul, als sie mitten in der Nacht von einem russischen Kampfjet abgeschossen wurde und ins Meer stürzte. 269 Menschen starben.

Die Tragödie ereignete sich mitten im Kalten Krieg. Die Russen stritten zunächst alles ab, später schossen Verschwörungstheorien ins Kraut. Die USA erfuhren schnell, was passiert war.

Bei aktivierter Autopiloten-Steuerung kam die Maschine vom Kurs ab.

Bei aktivierter Autopiloten-Steuerung kam die Maschine vom Kurs ab.

The Intercept hat am Montag streng geheime NSA-Dokumente zum KAL-007-Abschuss veröffentlicht. Die Unterlagen stammen aus dem Fundus von NSA-Whistleblower Edward Snowden und belegen, dass der japanische Geheimdienst den Funkverkehr des russischen Militärs abhörte.

Die Dokumente zeigen: Die USA befanden sich 1983 in der Zwickmühle, weil sie die Russen an den Pranger stellen wollten, aber dadurch die geheime Kooperation mit Japan verraten hätten.

Fünf Tage nach dem Abschuss präsentierte der US-Botschafter vor dem UN-Sicherheitsrat eine Audio-Aufnahme, die beweisen sollte, dass die Sowjets ohne weitere Abklärungen zwei Luft-Luft-Raketen auf den Jumbo abschiessen liessen. Der Amerikaner erhob vor der Weltöffentlichkeit schwere Vorwürfe, bezichtigte den politischen Erzfeind der Lüge – und der Ermordung 269 Unschuldiger.

Japanische und russische Seemänner bei der Überführung von Trümmerteilen. Die Toten konnten nicht geborgen werden.

Japanische und russische Seemänner bei der Überführung von Trümmerteilen. Die Toten konnten nicht geborgen werden.

Dieser Mann gab den Befehl zum Abschuss (wie erst 1998 von der russischen Luftwaffe bestätigt wurde).

General Anatoly Kornukov († 2014).

General Anatoly Kornukov († 2014).

Was verraten uns die jüngsten Snowden-Enthüllungen?

Die NSA-Dokumente belegen laut The Intercept, dass der US-Geheimdienst seit über sechs Jahrzehnten eine enge und komplizierte Beziehung zu Japan und dessen Geheimdienst unterhält.

Wichtige Erkenntnisse sind:

  • Japan kooperiert seit den 1950ern mit den US-Geheimdiensten, speziell mit der NSA (1952 offiziell gegründet).
  • Strategisch betrachtet sei Japan einer der wertvollsten Partner des US-Geheimdienstes – wegen der geografischen Nähe zu mächtigen Rivalen wie China oder Russland.
  • Die enge Kooperation erhält angesichts der drohenden Eskalation des Konflikts mit Nordkorea zusätzliche Brisanz.
  • Die wichtigste Überwachungs-Station befindet sich auf dem US-Luftwaffenstützpunkt Misawa, 400 Kilometer nördlich von Tokyo. 
  • Überwachungs-Missionen des Misawa Security Operations Center laufen unter dem Code-Namen LADYLOVE. Abgehört wird Satelliten-Kommunikation in der Asien-Pazifik-Region, inklusive Internet-Verkehr, Telefonie und Fax. 
  • Mit den NSA-Programmen Apparition and Ghosthunter werden Personen im Nahen Osten und in Afrika geortet. Die Standort-Informationen werden für sogenannte «Capture and Kill»-Missionen verwendet, also für die Tötung mutmasslicher islamistischer Terroristen, in der Regel per Drohne.
  • Von Misawa aus werden auch «Quantum Insert» genannte Attacken geführt. Das sind Hackerangriffe, bei denen die ahnungslosen Opfer auf gefälschte Webseiten umgeleitet werden, um die Computer mit Spyware zu infizieren.
Nagasaki, 9. August 1945: Der gewaltige Pilz der US-Atombombe «Fat Man». Sechs Tage später kapitulierte Japan.

Nagasaki, 9. August 1945: Der gewaltige Pilz der US-Atombombe «Fat Man». Sechs Tage später kapitulierte Japan.

  • Auf dem US-Stützpunkt in Yokota betreibt die NSA eine streng geheime Support-Abteilung, die Equipment für Überwachungs-Missionen weltweit zur Verfügung stellt. Was die japanischen Steuerzahler interessieren müsste: Der 6-Millionen-Dollar-Bau wurde durch ihre eigene Regierung bezahlt. Das Gastland kommt offenbar auch für Personalkosten auf, die Jahreslöhne betrügen bis zu 375'000 Dollar.
  • Ein japanischer Datenschützer und früherer Staatsangestellter sagte gegenüber The Intercept, dass die japanische Öffentlichkeit wegen eines Geheimgesetzes nichts von der fragwürdigen Finanzierung der US-Spionagedienste wisse.
  • Die USA revanchieren sich, indem sie den Japanern Zugriff auf die umstrittene NSA-Software XKeyscore ermöglichen. Das ist das umstrittene Massenüberwachungs-Tool, das über eine Stichwörter-Suche praktisch alles zugänglich macht, was Internet-Nutzer rund um die Welt tun oder getan haben.
  • Das dicke Ende kommt noch: Gemäss Snowden-Enthüllungen schreckt die NSA nicht davor zurück, den Geheimdienst-Partner auszuspionieren. Die japanische Regierung sei bei geheimen Verhandlungen und Deals belauscht worden. Wir erinnern uns: So erging es auch anderen angeblich besonders wichtigen NSA-Partnern, wie etwa Deutschland...

Die USA und Japan kooperieren seit langem militärisch – doch die Zusammenarbeit geht weit über Luftraum-Überwachung hinaus. Über die US-Stützpunkte laufen diverse NSA-Programme.

US-Militärs überwachen den Luftraum und die Gewässer vor Japan. 2012 einigten sich die beiden Länder (wegen Nordkorea) auf ein neues gemeinsames Raketenabwehrsystem.

US-Militärs überwachen den Luftraum und die Gewässer vor Japan. 2012 einigten sich die beiden Länder (wegen Nordkorea) auf ein neues gemeinsames Raketenabwehrsystem.