Dass etwas im Busch war, zeichnete sich vor einigen Wochen ab: Ende Oktober schrieb die «New York Times», der Haussegen im Weissen Haus hänge schief, weil die sicherheitspolitischen Berater von Präsident Barack Obama zu häufig aneinander vorbeiredeten. Der Fokus des Artikels lag zwar auf Susan Rice, der kantigen Sicherheitsberaterin Obamas, die sich zahlreiche Feinde in Washington geschaffen hatte. Aber auch Chuck Hagel, Verteidigungsminister seit dem 27. Februar 2013, bekam sein Fett weg.

Hagel agiere viel zu passiv, hiess es in dem Artikel, und lasse in internen Debatten stets den hochrangigen Militärs den Vortritt. Obwohl die Politik doch das Primat über die Berufssoldaten im Pentagon hat. Erwähnt wurde in dem Artikel auch ein zweiseitiges Memorandum, in dem sich Hagel sehr kritisch über die Strategie zur Bekämpfung der IS-Rebellen auf syrischem Staatsgebiet geäussert habe. «Sehr direkt» sei die Kritik des Republikaners an die Adresse von Rice gewesen, hiess es danach in diversen Medienberichten. So habe sich der Pentagon-Chef besorgt darüber gezeigt, dass das Weisse Haus angesichts der Gemengelage in Syrien aus dem Auge verloren habe, dass der syrische Diktator Assad eigentlich ein Feind Amerikas sei.

Freundliche Worte zum Abschied

Am Montag nun – zu Beginn einer ruhigen Woche in Washington, in der Amerika das Erntedankfest (Thanksgiving Day) feiert – folgte das öffentliche Eingeständnis des Weissen Hauses. In einer kurzfristig anberaumten Zeremonie gab Präsident Obama den Rücktritt des Verteidigungsministers bekannt. Hagel wird seinen Posten verlassen, sobald eine Nachfolgerin oder ein Nachfolger durch den Senat bestätigt worden ist. Der Präsident liess sich nicht anmerken, dass er sich von Hagel im Streit getrennt habe. Im Gegenteil: Ausführlich lobte er den alten Senats-Kollegen, der als erster moderner Verteidigungsminister Amerikas auf eine militärische Karriere zurückblicken konnte. «Er stand, wo sie standen», sagte Obama über Hagel, der 1967 und 1968 in Vietnam Dienst geleistet hatte, und dabei auch verwundet wurde. Hagel sei ein höchst «ungewöhnlicher» Verteidigungsminister gewesen, konstatierte der Präsident. Dann umarmten sich die beiden Männer, die sich früher privat ganz gut verstanden hatten.

Dieses politische Theater vermag aber die nackte Wahrheit nicht zu verdecken: Hagel wurde entlassen. Obama war unzufrieden mit ihm, weil es dem Verteidigungsminister in den vergangenen zwei Jahren nicht gelungen ist, eine klare Antwort auf die neuen Bedrohungen Amerikas zu finden. So unterschätzte das Pentagon die rapide Ausbreitung von Ebola in Westafrika. Und bei der Bekämpfung der IS-Rebellen schien sich das Verteidigungsministerium in festgefahrenen Strukturen zu bewegen, obwohl sich die islamistischen Kämpfer nicht an die alten Gesetze des Krieges halten. Das «Wall Street Journal» zitiert einen anonymen hochrangigen Regierungsmitarbeiter, der sagte: Das Weisse Haus sei der Meinung gewesen, «dass es nicht alle Optionen erhielt, nach denen es gefragt hatte». Aus dem Verteidigungsministerium hingegen hiess es, Hagel sei vom Weissen Haus an eine viel zu kurze Leine genommen worden.

Eine Frau als Nachfolgerin?

Der erzwungene Wechsel an der Spitze der Monster-Behörde Pentagon bringt nun das Personalkarussell in Schwung. In Washington genannt wurden gestern die Namen von Senator Jack Reed, einem beliebten Demokraten aus Rhode Island, Michèle Flournoy, 2009 bis 2012 die Nummer 2 im Pentagon, und Ashton Carter, 2011 bis 2013 der eigentliche Geschäftsführer im Pentagon. Aus dem Weissen Haus hiess es, Obama werde sich sehr zügig entscheiden.