Frankreich

Wie es für Könige üblich war: Jacques Chiracs Sarg durch Paris geführt

Tausende von Franzosen und zahlreiche Staatsoberhäupter haben in Paris vom früheren französischen Präsidenten Jacques Chirac (1995-2007) Abschied genommen.

Wladimir Putin kam nach Paris, auch Bill Clinton, dazu eine lang Reihe arabischer und afrikanischer Staatsoberhäupter, darunter nicht nur lupenreine Demokraten, aber persönliche Freunde Chiracs. Nur die USA sandten keinen hohen Regierungsvertreter, nachdem sie am Sonntag schon mit dreitägiger Verspätung kondoliert hatten. Das nicht nur, weil die guten Manieren im Weissen Haus rar geworden sind: Jacques Chirac galt in Washington als Mann des „Non“, des schnöden französischen Neins zum amerikanischen Golfkrieg-Einsatz von 2003.

Die Trauerzeremonien hatten schon am Sonntag begonnen, als Tausende von Franzosen dem heute überaus populären Ex-Präsidenten in einer endlosen Warteschlange vor dem Pariser Invalidendom die letzte Ehre erwiesen. Am Montag wurde die sterbliche Hülle des 86-jährig Verstorbenen langsam durch Paris geführt, so wie es seit 1547 für die verblichenen Monarchen Usus war.

Präsident Emmanuel Macron erweist dem ehemaligen Präsidenten Jacques Chirac die letzte Ehre in Paris

Präsident Emmanuel Macron erweist dem ehemaligen Präsidenten Jacques Chirac die letzte Ehre in Paris

Marine Le Pen wurde nicht eingeladen

In der Kirche Saint-Sulpice fand sodann ein Gedenkgottesdienst im Beisein aus- und inländischer Gäste statt; die prominentesten wurden danach von Präsident Emmanuel Macron im Elysée bewirtet. Dabei waren auch drei französischen Ex-Präsidenten Valéry Giscard d'Estaing, François Hollande und Nicolas Sarkozy, letzterer begleitet von seiner Frau Carla Bruni. Chiracs Gattin Bernadette fehlte aus Gesundheitsgründen; die Rechtspopulistin Marine Le Pen war ausgeladen worden. Am Nachmittag wurde Chiracs Sarg im Friedhof Montparnasse beigesetzt, wo schon Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Marguerite Duras oder Charles Baudelaire ihre letzte Ruhe gefunden haben.

Für einen Misston sorgte die Abwesenheit des deutschen Altkanzlers Gerhard Schröder, der mit Chirac manches Bier gestemmt hatte. Er hatte offenbar durch ein Missverständnis keine Einladung erhalten, obwohl er darum ersucht hatte. Von deutscher Seite war Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zugegen.

Kritik an Berichterstattungen der Zeitungen

Kritisiert wurde auch die Berichterstattung der Staatstrauer durch sechs wichtigsten TV-Sender. Der Politkommentator des Radiosenders France-Inter, Thomas Legrand, bezeichnete es als „ärgerlich“, wie der Verstorbene idealisiert und verklärt werde. In den stundenlangen Live-Schaltungen waren nur salbungsvolle Lobeshymnen auf Chirac zu hören. Dass er im Amt als „Superlügner“ karikiert und als erster Ex-Präsident der Fünften Republik wegen Politaffären verurteilt worden war, hätte zumindest in einem Nebensatz Erwähnung finden können.

Wenn Chirac von Zeitungen wie Le Parisien - die dem präsidialen Hinschied seit vier Tagen mindestens sieben Zeitungsseiten pro Tag widmete - zum „sympathischsten“ Präsidenten Frankreichs gekürt wurde, ist das allerdings nicht nur ein mediengemachtes Phänomen. In einer Umfrage zu den bedeutendsten Präsidenten stufen auch die Franzosen Chirac auf der gleichen Höhe wie Charles de Gaulle ein, weit vor François Mitterrand oder ihren jüngeren Nachfolgern.

Der Kontrast springt ins Auge: Während seiner Amtszeit hatte Gattin Bernadette nach einer verlorenen Wahl ihres Mannes selber geklagt: „Die Franzosen mögen Jacques Chirac nicht.“ Der erstaunliche Stimmungsumschwung zeigt vielleicht auch auf, dass Frankreich ein sehr katholisches Land bleibt, das den Pardon spätestens im Angesicht des Todes ohne Einschränkung zelebriert. Chiracs späte Popularität zeugt auch von der nationalen Nostalgie für ihre „grossen“ Staatsmänner. Im Journal du dimanche schrieb Chefredaktor Hervé de Gattegno, Chirac habe eine Epoche überlebt, „die noch an den Staat, an Dirgismus und Wahlslogans glaubte“. Am Montag um 15 Uhr wahrten Frankreichs Schüler und Beamte für den Verstorbenen im ganzen Land eine Schweigeminute.

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