Interview

«Wie so oft trifft es die ärmsten Menschen: Wer nicht arbeiten darf, hat kein Geld und kann sich auch nichts zu essen kaufen»

Menschen, die als Tagelöhner arbeiten, trifft die Corona-Krise besonders hart. Hier im Bild: Bewohner des Kibera Slum in Nairobi, Kenia.

Menschen, die als Tagelöhner arbeiten, trifft die Corona-Krise besonders hart. Hier im Bild: Bewohner des Kibera Slum in Nairobi, Kenia.

Während sich die Coronavirus-Infektionen in Europa langsam reduzieren, steigen sie mit zunehmendem Tempo auf dem afrikanischen Kontinent. Doch dort haben die Massnahmen gegen das Virus gravierende Auswirkungen auf das Leben der Menschen.

Über 72'000 Coronavirus-Erkrankungen gibt es mittlerweile auf dem afrikanischen Kontinent – und täglich kommen Tausende neue Fälle dazu. Da jedoch vielerorts die Ressourcen fehlen um Covid-19-Infektionen überhaupt erst feststellen zu können, gehen Behörden davon aus, dass die Dunkelziffer an Erkrankungen in Wahrheit weitaus höher sein dürfte.

Um die Pandemie bekämpfen zu können, haben viele afrikanische Staaten nach europäischem Vorbild Lockdowns verhängt. Mit teils tragischen Auswirkungen auf das Leben der Menschen. Die staatlichen Pandemie-Massnahmen schränken nicht nur das öffentliche Leben ein, sondern auch Hilfswerke vor Ort, die ihre Arbeit teilweise nicht mehr richtig ausführen können, da sie vom Staat daran gehindert werden.

Auch davon betroffen ist das Hilfswerk Terre des Hommes Schweiz (TDHS), das sich seit 60 Jahren für die Perspektiven von Jugendlichen in Afrika, Lateinamerika und der Schweiz einsetzt. Gabriela Wichser ist Leiterin Programme bei Terre des Hommes Schweiz. Dort befasst sie sich intensiv mit den Entwicklungsprogrammen in Afrika. Sie lebte und arbeitete unter anderem in Mosambik.

Frau Wichser, Sie haben den Überblick, was in den Projektländern von Terre des Hommes in Afrika passiert. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Gabriela Wichser: Das Coronavirus trifft die ganze Welt – aber es trifft nicht die ganze Welt gleich. In Afrika trifft es den ärmsten Teil der Bevölkerung, welcher an Vorerkrankungen leidet oder kaum über die nötige Versorgung verfügt, am härtesten. Zudem wird die Lage weiterhin angespannt, indem viele afrikanische Staaten Lockdowns verhängt haben; die Leute also nicht mehr arbeiten können. Das Problem: Wer nicht arbeiten kann, verdient auch nichts und kann sich somit auch nichts zu essen kaufen. Dementsprechend ist die Situation in Slums und Townships am schlimmsten. Es lässt sich sagen, dass die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen fast schlimmer sind als das Coronavirus selbst.

In ganz Afrika, das sind 54 Länder und etwa 1.3 Milliarden Menschen, gibt es etwa 72,400 Erkrankungen (Stand am 14. Mai um 7 Uhr). Sind die Massnahmen der Regierungen dann nicht etwas zu drastisch?

69'500 Erkrankungen, das sind die offiziellen Zahlen. Die sind so tief, weil vielerorts nicht richtig oder gar nicht getestet wird. Zudem beschränken sich die Massnahmen der Regierungen oft nur auf die grossen Städte, die restlichen Landesteile gehen dabei aber «vergessen». Entsprechend ist davon auszugehen, dass die Dunkelziffern der Infektionen und Todesfälle viel höher sind.

Sollten afrikanische Staaten nicht besser auf solche Pandemien vorbereitet sein? Sie haben ja Erfahrung, zum Beispiel im Umgang mit Ebola oder Malaria.

Das Problem ist oft, dass Regierungen schon im Normalzustand nur sehr bedingt handlungsfähig sind. Das Coronavirus verschlechtert die bereits fragile Situation vieler Länder. Oft beschränkt sich der Einfluss der Regierung nur auf die grösseren Städte, in ländlichen Gebieten hingegen ist «der Staat» ein sehr abstraktes Konstrukt. Viele Regierungen haben beim Aufkommen des Coronavirus zwar schneller gehandelt als in Europa und sehr früh Lockdowns verhängt. Doch die vulnerablen Bevölkerungsschichten – etwa Kinder und Jugendliche – erhalten in dieser Situation keine ausreichende Unterstützung. Viele Jugendliche ohne Ausbildung arbeiten im informellen Sektor, zum Beispiel auf Märkten. Sie dürfen nun nicht mehr arbeiten und müssen in ihren kleinen Häusern ausharren. Das verstärkt nun die grossen Probleme, die uns vorher schon beschäftigten.

Welche Probleme meinen Sie?

Da gibt es einige. Häusliche Gewalt ist ein grosses Problem, wenn Familien über einen langen Zeitraum in einer kleinen Wohnung zusammen eingesperrt sind. Auch sind sexuelle Gewalt und die häufigen Teenager-Schwangerschaften ein Problem, dem im Moment nur wenig Beachtung geschenkt wird. Und ein weiteres Problem, um ihnen ein Beispiel zu geben, sind Menschen mit HIV. In Tansania sind Gesundheitsposten und kleineren Kliniken mit Covid-19-Fällen ausgelastet, so dass andere Patienten keine ausreichende Behandlung mehr erhalten. In Zimbabwe werden Jugendliche durch Strassensperren daran gehindert, ihre HIV-Medikamente in der Klinik abzuholen. In anderen Ländern dürfen die Leute die Häuser nicht mehr verlassen – auch dort kommt man nun nicht mehr an seine Medikamente.

Sie sagen, Menschen dürfen teilweise die Häuser nicht mehr verlassen. Jetzt gibt es aber unzählige Bilder aus afrikanischen Städten, die zeigen, dass die Menschen – oft dicht gedrängt – trotzdem unterwegs sind. Nehmen die Menschen die Massnahmen nicht ernst?

Das würde ich so nicht sagen. In vielen Fällen drängt der Hunger oder ein anderes akutes Problem die Menschen auf die Strasse. Oft geht es vielmehr darum dass die Informationen nicht richtig fliessen oder die Regierungen ihre Aussagen mehrmals ändern, was zu Verwirrung führen kann und Anweisungen missverstanden werden. Zusätzlich kommt hinzu, dass auch die teils fehlende Bildung und das Unwissen die Situation verkomplizieren kann.

Die Situation ist also kompliziert. Terre des Hommes Schweiz ist vor Ort mit lokalen Partnerorganisationen aktiv. Was also wird in den Ländern vor Ort unternommen, damit die Menschen in diesem Bezug aufgeklärt werden können?

Zusammen mit unseren lokalen Partnerorganisationen haben wir mit Jugendgruppen, Familien und Gemeinden ein langjähriges Vertrauensverhältnis aufgebaut. Diese bestehenden Beziehungen, etwa mit jugendlichen Gruppenleitern, sind nun zentral in der Informations- und Aufklärungs-Arbeit direkt vor Ort. Im Gespräch können sie direkt erklären, wie sie Hände waschen oder Abstand halten sollen und Fragen und Sorgen besprechen. Wegen des Coronavirus mussten wir Gruppenaktivitäten einstellen. Wir setzen neben persönlichem Kontakt auch auf Informationsvermittlung durch Gemeinderadios oder – wo möglich – soziale Medien.

Ein wohl nicht so einfaches Unterfangen.

Nein, es ist sicher komplizierter, so zu arbeiten aber es ist extrem wichtig, dass wir den Jugendlichen vor Ort so helfen können. Denn auch nach wie vor ist unsere Solidarität mit besonders betroffenen Menschen in diesen Ländern des Südens elementar, denn sie brauchen unsere Unterstützung. In der Coronakrise darf die Solidarität nicht an den Schweizer Grenzen enden.

Meistgesehen

Artboard 1