Myanmar

Wieder Bürgerkrieg: Nach muslimischen Rohingya müssen jetzt buddhistische Arakanesen zittern

Vor genau drei Jahren hat die burmesische Armee Hunderttausende in die Flucht geschlagen. Das Massaker geht in die nächste Runde – mit neuen Opfern. Unser Reporter war im Kriegsgebiet.

Und wieder herrscht Krieg im Bundesstaat Rakhine im Westen Myanmars. Vor genau drei Jahren schaute die Welt schon einmal entsetzt hierhin, als das burmesische Militär die muslimische Minderheit der Rohingya massakrierte. In einer der schlimmsten ethnischen Säuberungen der jüngeren Geschichte exekutierten die Militärs Männer, vergewaltigten Frauen, warfen Kinder in brennende Häuser. Mindestens 10000 Personen starben. 730000 flüchteten über die nahe Grenze nach Bangladesch, wo sie seither im grössten Flüchtlingslager der Welt leben.

© CH Media

Die Nachbarn der Rohingya, die buddhistischen Arakanesen, bemitleideten ihre muslimischen Anwohner damals im August 2017 kaum. Das Zusammenleben war seit Jahrzehnten schwierig gewesen. Es gibt Videos davon, wie junge Arakanesen Dörfer der geflüchteten Rohingya in Brand stecken. Heute können sich die Angehörigen der buddhistischen Minderheit besser in die Lage der Rohingya versetzen. Denn seit gut einem Jahr tobt der nächste Bürgerkrieg in Rakhine. Statt Rohingya bekämpft das Militär jetzt einfach den bewaffneten Arm der Arakanesen, die Arakan Army. Hunderte Zivilisten sind gestorben, zehntausende sind aus ihren Dörfern geflohen.

Als die bewaffneten Soldaten weg sind, ändert der Mann seine Story

Von diesem Konflikt hat die Weltöffentlichkeit bisher kaum Notiz genommen. Myanmars Regierung trägt das Ihrige dazu bei. Sie verwehrt den Medien den Zugang zur Region fast komplett. Einmal pro Monat aber organisiert die Regierung eine Reise für Journalisten. Begleitet von schwerbewaffneten Sicherheitskräften fährt man durch das Konfliktgebiet. Der Konvoi hält nur in Dörfern, die im Vorhinein vom Informationsministerium abgesegnet worden sind. Ein Dorf, in dem zwei Rohingya-Frauen vier Tage vor unserem geplanten Besuch durch Artillerie- Geschütz umgekommen sind, wurde aus dem Reiseplan gestrichen. Das Militär und die Arakan Army beschuldigen sich gegenseitig, für den Angriff verantwortlich zu sein.

In den Dörfern bietet sich einem das immer gleiche Bild: Dutzende Rohingya oder Arakanesen werden aufgereiht vor die Journalisten gesetzt und schauen die Besucher mit grossen Augen an. In einem Dorf wird uns ein Rohingya-Mann Mitte 50 präsentiert: «Wir bedanken uns beim Militär, dass es sich seit Jahren für unsere Sicherheit einsetzt», erzählt er, flankiert von Sicherheitskräften mit Maschinengewehren. Erst, als die Sicherheitskräfte ausser Hörweite sind, sagt er:

Dass die Gewalt im Vielvölkerstaat Myanmar jetzt erneut ausbricht, hat nicht nur mit Religionskonflikten zu tun. Mindestens so verheerend sind die ethnischen Spannungen: Militär, Wirtschaft und Politik werden seit Myanmars Unabhängigkeit von den Briten 1948 von der buddhistischen Volksgruppe der Bamar dominiert. Dass das Land seit zehn Jahren eine Demokratie und keine Militärdiktatur mehr ist, hat daran nichts geändert. Die Bamar machen rund zwei Drittel der 55 Millionen Einwohner des Landes aus. Daneben gibt es über 130 weitere Ethnien.

Die Arakenesen wehren sich mit einer eigenen Armee von rund 20000 Soldaten gegen die Unterdrückung durch die Bamar-Herrschaft. Sie wollen ihren Landstrich selber regieren. Das Vorbild sind andere ethnische Truppen im Land, die ebenfalls ihre eigenen Gebiete kontrollieren. Viele davon blicken auf eine jahrzehntelange Geschichte zurück. Die Arakan Army hingegen tritt erst seit 2019 in Erscheinung. Die burmesische Regierung sieht in ihr eine Terrororganisation.

Mit Kampfflugzeugen gegen wehrlose Kinder

Im Arakanesen-Dorf Myoma Zayti Taung will keiner der Befragten vor den bewaffneten Sicherheitsleuten über den Konflikt reden. Eine alte Frau aber führt uns hinter ein Wohnhaus. Dort haben die Bewohner mehrere hüfthohe Bunker in einen Lehmhügel gegraben. Die Frau macht mit Handbewegungen klar, dass sich ihre Familie hier während der Luftangriffe versteckt. In Myanmars Bürgerkriegen hat bloss eine Partei Kampfflugzeuge: das Militär.

Die Regierung aber hat kein Interesse daran, dass Journalisten von der Furcht der Arakanesen und ihrer Ablehnung gegenüber dem Zentralstaat erfahren. Sie will ein anderes Narrativ verbreiten, das sie immer wieder den aktuellen Begebenheiten anpasst: Als sie kurz vor dem Höhepunkt der Rohingya-Krise erstmals Journalisten durch die Gegend führte, wollte man ihnen zeigen, dass es die rund 600000 im Land verbliebenen Rohingya gar nicht so schlecht hatten. Jetzt will man klarmachen, dass die arakanesischen Kämpfer die Bösen sind und dass es den zurückgebliebenen Rohingya gar nicht so schlechte geht, wie von der UNO behauptet.

Gegen kritische Berichterstatter geht Myanmar noch immer harsch vor. Das Land, das seit dem Militärputsch 1962 fast ein halbes Jahrhundert lang bloss staatlich gelenkte Medien kannte, hat mit kritischen Journalisten noch wenig Erfahrung. Wer zu stark an der offiziellen Version der Wahrheit zweifelt, kann auch heute noch im Gefängnis landen.

Die ganze Wahrheit ist hier im hügligen Bundesstaat Rakhine so oder so schwierig zu finden. Dem Militär die alleinige Verantwortung an der erneuten Gewaltwelle zuzuschieben, ist nicht gerechtfertigt. Dass Myanmar nicht zulassen will, dass Widerstandstruppen – ob nun von den muslimischen Rohingya oder von den buddhistischen Arakanesen – ganze Landstriche unter ihre Kontrolle bringen, ist logisch.

Dass sie dabei nach 2017 auch dieses Mal wieder auf brachiale Gewalt setzt, zeigen Untersuchungen von «Amnesty International». Die Menschenrechtsorganisation hat im Juli neue Beweise präsentiert, die belegen, dass Myanmars Armee bei Luftangriffen zahlreiche Zivilpersonen – darunter auch Kinder – in Rakhine getötet hat. Zehntausende haben daraufhin die Flucht ergriffen. Das Drama von 2017: Es scheint sich zu wiederholen.

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