Grossbritannien

Zurück in der Kampfzone: Was Nigel Farage mit der Brexit-Partei wirklich vor hat

Hat gut lachen: Brexit-Vorkämpfer Nigel Farage liegt in Wahl-Umfragen vorn. Key

Hat gut lachen: Brexit-Vorkämpfer Nigel Farage liegt in Wahl-Umfragen vorn. Key

Nigel Farage könnte mit seiner Brexit-Partei bei den EU-Wahlen über 30 Prozent holen. Doch es geht ihm um mehr als den EU-Austritt – er kämpft gegen das System.

Er ist wieder da, wo er hingehört. In den Pubs, auf den Marktplätzen, in den Fernseh-Talkshows: Der Ur-Brexiteer Nigel Farage zieht durchs Vereinigte Königreich und in den Umfragen weit an den etablierten Volksparteien vorbei. Auf satte 34 Prozent soll es seine wenige Wochen alte «Brexit-Partei» bei den Europawahlen bringen, so eine kürzlich veröffentlichte Umfrage. Das wäre mehr als Labour (21 Prozent) und die Tory-Regierungspartei (11 Prozent) zusammen und treibt der britischen Polit-Elite den Angstschweiss auf die Stirn.

Dabei hätte der heute 55-Jährige nach der Brexit-Abstimmung im Juni 2016 eigentlich genug gehabt. Ausgelaugt war er, der Auftrag erledigt. «Ich will mein Leben zurück», klagte Farage damals und gab wenige Tage nach dem historischen Volksentscheid den Vorsitz seiner «United Kingdom Independence Party» (Ukip) ab. 2018 trat er sogar ganz aus der von ihm gegründeten Partei aus, weil sie immer mehr nach rechts abdriftete und mit Extremisten der rassistischen «English Defense League» (EDL) anbandelte. Aber mit dem Aufschub des EU-Austritts, dem endlosen Lamentieren der britischen Parlamentarier und der erneuten Teilnahme des Vereinigten Königreichs an den EU-Wahlen begibt er sich jetzt zurück in die Kampfzone. Und es geht ihm nicht mehr bloss um den Brexit. Es geht um mehr.

Schmähreden auf die Union

Als Farage im Jahr 1999 für die Ein-Thema-Partei Ukip ins EU-Parlament gewählt wurde, wurde er lange als Sonderling und Polit-Clown verspottet. Tatsächlich kommt der oft im Tweet-Anzug gekleidete Ex-Rohstoffhändler mit seinem altmodischen Auftreten und seiner «very british»-Attitüde als Kuriosum im Brüsseler Politzirkus daher. Um politische Korrektheit schert er sich ebenso wenig wie um das Rauchverbot in seinem Büro im EU-Parlament. Mitunter ist Farage bereits am Nachmittag in einem der English Pubs im EU-Quartier anzutreffen. Eine Zigarette und ein Pint englisches «Pale Ale» gehören gewissermassen zu seinen Accessoires.

Der normale Parlamentsbetrieb interessiert ihn dagegen herzlich wenig. Nimmt er für einmal an der Plenardebatte teil, so gehören seine Schmähreden auf die EU aber zu etwas vom Spektakulärsten, was es im Parlament zu hören gibt. Von den 751 Abgeordneten kann ihm wohl höchstens Guy Verhofstadt, der belgische Super-Europäer und Liberalen-Chef, rhetorisch das Wasser reichen. Die beiden sind so etwas wie Erzfeinde: Farage spricht über Verhofstadt als «Hohepriester der EU-Sekte». Verhofstadt nennt ihn umgekehrt «die grösste Verschwendung an EU-Geldern seit Bestehen der Union».

Sein geschliffenes Mundwerk ist ohne Zweifel Farages grösstes Kapital. Dabei schreckt er nicht davor zurück, die Meinungsfreiheit bis hart an die Grenze zur Lüge und gelegentlich darüber hinweg auszureizen. Wenn «den Leuten nach dem Maul reden» gemeinhin als Populismus bezeichnet wird, so beherrscht Farage dies wie kaum ein anderer. Unvergessen ist seine Plakatkampagne während des Brexit-Abstimmungskampfs, wo er mit Bildern einer Flüchtlingskarawane vor der EU-Personenfreizügigkeit warnte. Berührungsängste, sowas kennt Nigel Farage nicht.

Als Erster bei Trump

Das gilt auch, wenn es um den US-Präsidenten Donald Trump geht. Farage war der erste europäische Politiker, der Trump nach seinem Wahlsieg besuchte. Allgemein hat Farage in seiner Auszeit seit 2016 viel Zeit in den USA verbracht. Was er dort gelernt hat? «Dass Politik viel weniger langweilig sein muss», so Farage kürzlich. Und so ist der neue Farage, wie er nun mit seiner Brexit-Partei auftritt, ein anderer. Er ist ernsthafter, weniger clownesk, aggressiver und kompromissloser geworden. «Fertig mit Mister Nice Guy», versprach er seinen Anhängern bei einem Auftritt im englischen Peterborough. Ein andermal sprach er davon, dass er «ein Gewehr in die Hand nehmen» werde, wenn der Brexit nicht endlich zustande komme.

Im Grunde geht es ihm aber gar nicht mehr um den Brexit, sondern um Grösseres: «Die Brexit-Wähler wollen heute viel mehr als bloss den Brexit. Sie wollen einen fundamentalen Wechsel und Veränderung», so Farage in einem Interview. Farage bedient das Narrativ einer abgehobenen Polit-Elite in einem kaputten System. So sagt er Sätze wie: «Das Parlament schmiedet eine Koalition gegen das Volk und ich bete darum, dass sie nicht damit durchkommen». Wie es die Umfragewerte zeigen, scheint seine Strategie aufzugehen.

Autor

Remo Hess

Remo Hess

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