Myanmar/Bangladesch

Zurück ins Verderben: Werden die Rohingya-Camps geräumt?

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Rohingya-Flüchtlinge sollen nach Myanmar zurückkehren. «Für viele der sichere Tod», sagt Anita Schug, Sprecherin des European Rohingya Council.

Wenn Flüchtlinge in ihr Heimatland zurückkehren können, atmet die Welt für gewöhnlich auf. Nicht so bei der momentanen Situation in Myanmar, wo seit August über 600 000 Rohingya vor einer brutalen Militäroffensive gegen die Zivilbevölkerung geflüchtet sind. Ein Abkommen zwischen Bangladesch, in dem die meisten Flüchtlinge in Lagern unter menschenunwürdigen Bedingungen leben, und Myanmar hält fest, dass alle Flüchtlinge binnen zweier Jahre nach Myanmar zurückkehren sollen.

«Das ist ein schreckliches Abkommen», sagt Anita Schug vom European Rohingya Council (ERC). «Wenn die Rohingya nach Myanmar zurückgezwungen werden, steht die Grenzpolizei bereit und sichtet die Ankommenden nach gesuchten Personen. Diese werden ausgesondert und exekutiert», sagt Schug. «Für viele Menschen wird es der sichere Tod sein.»

Schug kennt die Situation sehr genau. Sie flüchtete als Kind aus Myanmar und ist jetzt Neurochirurgin im Kanton Solothurn. Einen grossen Teil ihrer Zeit investiert sie aber für das ERC als Vertreterin der Rohingya und spricht immer wieder vor dem UNO-Menschenrechtsrat. Schug hat selbst Verwandte, die trotz Furcht vor dem Militär noch in Myanmar leben. Sie berichten ihr immer wieder von willkürlichen Exekutionen und Vergewaltigungen an Dorfbewohnern durch Soldaten.

Hunderte zerstörte Dörfer

Die Situation der Menschen in den Flüchtlingslagern in Bangladesch ist schlecht, doch auch im Fall einer Befriedung könnten sie nicht einfach in ihre Häuser zurückkehren. Denn diese existieren zu grossen Teilen nicht mehr. Das Militär hat sie aus Helikoptern und mit Mörserfeuer beschossen. 354 zumindest teilweise zerstörte Dörfer zählt die Organisation Human Rights Watch seit August und untermauert ihre Zählung mit Satellitenaufnahmen. Ausserdem wird berichtet, dass das Land der Rohingya an Angehörige der buddhistischen Mehrheitsbevölkerung verteilt wurde. Und auch im November sollen erneut 40 Dörfer niedergebrannt worden sein. Die Gewalt geht also weiter.

Deshalb werden die Rohingya wohl in Lager einquartiert. Das wurde schon in der Vergangenheit so gemacht. 2012 gab es letztmals grössere Unruhen. Schon damals wurden die Häuser vieler Rohingya verbrannt. Seither leben sie in Lagern, die Anita Schug als «Konzentrationslager» bezeichnet. Verwandte von ihr leben in einem solchen. 10 Kilometer weit könne man durch die riesige Zeltstadt laufen, sehen würde man vor allem Stacheldraht und Kinder, die an eigentlich einfach zu behandelnden Krankheiten sterben, wie Videoaufnahmen zeigen, die von Lagerbewohnern heimlich gemacht wurden. Schug sagt: «Die Lebensbedingungen sind sehr schlecht. Es gibt praktisch keine medizinische Versorgung. Die Rohingya dürfen die Lager nicht verlassen. Sie sind einfach in diesen Lagern und warten auf den Tod.» Bis September durfte wenigstens noch ab und zu das UNO-Flüchtlingshilfswerk in die Lager. Nach Beginn der Offensive musste dieses wie alle anderen Hilfswerke komplett aus dem Gebiet abziehen. Seither ist auch die letzte Hilfe weg. Laut Schug gibt es in den Lagern keinen einzigen Arzt mehr.

Die Regierung hat das Gebiet für Ausländer komplett abgeriegelt. Als sich die UNO-Sonderberichterstatterin Yanghee Lee im Dezember ein eigenes Bild der Lage machen wollte, durfte sie nicht einreisen. Ausserdem wurden zwei Reuters-Journalisten verhaftet, die an einer Reportage arbeiteten.

Wenn die Rohingya nach Myanmar zurückkehren müssen, verschwinden sie komplett aus den Augen der Weltöffentlichkeit. Das Militär kann tun und lassen, was es will. «Vor allem sind dann die Rohingya alle an einem Ort. Das macht es viel einfacher, gegen Sie vorzugehen», sagt Schug. Für sie ist klar: «Die Rohingya wollen nicht in Bangladesch bleiben. Die Situation ist dort extrem schlimm. Aber ich bin überzeugt: Unser Volk will erst zurück, wenn wir die Staatsbürgerschaft bekommen, die uns zusteht, und sicher sein können, dass uns das Militär nicht tötet.»

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