Frankreich

Zwischen Guantánamo und Sozialstätte: Hier werden junge Islamisten deradikalisiert

Kein Studentenwohnheim für Betuchte, die 25 Insassen des Entradikalisierungszentrums dürfen einen Monat lang nicht raus.

Kein Studentenwohnheim für Betuchte, die 25 Insassen des Entradikalisierungszentrums dürfen einen Monat lang nicht raus.

Im Loiretal hat ein Zentrum für die «Deradikalisierung» junger Islamisten hat den Betrieb aufgenommen.

Wenn man einmal vom nahen AKW absieht, liegt Beaumont-en-Véron in einer idyllischen Umgebung mit Weinbergen und einem Balzac-Museum. In dem Ort im Loiretal hat vor wenigen Tagen das erste Deradikalisierungszentrum seine Tore geöffnet. Beziehungsweise geschlossen: Die ersten sechs «Pensionäre», wie sie genannt werden, dürfen die Anlage einen Monat lang nicht verlassen. Das Ambiente eines betuchten Studentenwohnheims mit einem Park voller Kirschbäume täuscht; einzelne Fenster sind vergittert, Infrarot-Kameras sichern die Zugänge, und aus der Distanz wacht die Gendarmerie.

Die halboffene Anlage ist ein Experiment – kein Gefängnis, kein «Guantánamo», aber auch keine Sozialstätte oder Schule. Gedacht ist sie für gut 25 junge Islamisten im Alter von 18 bis 30 Jahren, die keiner Terrorpläne verdächtig sind und in keiner polizeilichen S-Kartei (für sûreté oder Staatssicherheit) stehen. Die drei Frauen und drei Männer wurden vielmehr von Angehörigen als «gefährdet» gemeldet. In Beaumont unterziehen sie sich freiwillig – was immer das heissen mag - einer maximal zehnmonatigen Entradikalisierungskur. Damit unterscheiden sie sich von Jihadisten, die schon einmal in Syrien waren oder sonstwie zur Tat schreiten möchten – und die damit ein Fall für die Geheimdienste sind.

Beten nur in der Pause

Tagwache im Zentrum von Beaumont ist um 6.45 Uhr, einmal in der Woche zu einem Morgenappell mit der französischen Flagge. Danach gibt es Kurse in Geschichte, Religion und Philosophie; ein wichtiges Thema sind Internetmedien und die Indoktrinierung über diese Kanäle. Die gut 25 Pensionäre werden in Beaumont von mindestens so vielen Betreuern medizinisch, sozial und psychologisch begleitet. Beten sei während der Ruhepausen erlaubt, erklärte Muriel Domenach von der federführenden Regierungsmission für die «Vorbeugung von Kriminalität und Radikalisierung» (CIPDR). Ansonsten wird der Tagesablauf bewusst offen gehalten, um mit den Jugendlichen eine wirkliche Interaktion abseits des doch sehr akademisch klingenden Programms ermöglichen zu können.

Seit einer Presseführung durch die leere Anlage erteilt Domenach keine weiteren Auskünfte mehr. In Beaumont gibt es ziemlich Widerstand gegen das Deradikalisierungszentrum, zumal eine Haltestelle des Schulbusses gleich nebenan liegt. Eine Petition für die Schliessung des Zentrums unterzeichneten 800 der 2900 Einwohner; und ein Verein plant Rechtsschritte gegen das öffentlichrechtliche Zentrum, dessen erster Besitzer 1896 testamentarisch einen sozialen Zweck mit wöchentlicher Kirchmesse vorgeschrieben hatte. Als Mindestforderung verlangt der Verein den Bau eines 2,8 Meter hohen Metallzauns um die Anlage.

Der Präfekt des Departements Indre-et-Loire, Louis Le Franc, macht klar, dass die Akzeptanz durch die Anwohnerschaft ein wichtiger Teil des ganzen Versuches sei. Die bisherigen Proteste sind geringer als in anderen französischen Gemeinden, die Flüchtlinge aus dem bald geräumten Lager in Calais aufnehmen sollen. An diesen Orten zieht öfters der rechtsextreme Front National die Protestfäden. In Beaumont ist er bisher nicht offen in Erscheinung getreten.
Eine Reihe von Einwohnern denkt dort offenbar wie Bürgermeister Bernard Château, der nicht grundsätzlich gegen das Zentrum ist: «Ich ziehe eine solche Einrichtung vor, um weitere Terroranschläge wie in Paris oder Nizza zu verhindern», meint der parteilose Politiker und betont, die Jugendlichen seien «keine Terroristen, sondern junge Radikalisierte», die «möglicherweise noch umkehrbar» seien. Ausserdem würden im Department zehn Islamisten in der S-Kartei als «Gefährder» geführt, ohne dass sie in Haft sässen – und gegen sie laufe auch keine Petition.

«Gefährder» übersehen

Ein Petitionär konterte darauf in der Lokalpresse, der Attentäter von Nizza, der im Juli 86 Menschen zu Tode gefahren hatte, sei nicht einmal in einer S-Kartei aufgeführt gewesen. Die Gegner des Zentrums fühlen sich überdies durch einen groben Schnitzer der Behörden bestätigt. Als die ersten sechs Pensionäre Ende September in Beaumont eintrafen, befand sich darunter ein 23-Jähriger, der in der ominösen S-Kartei figuriert und wegen Körperverletzung verurteilt ist. Auf den Protest durch Bürgermeister Château hin hat die Präfektur den jungen Mann am Wochenende in ein herkömmliches Aufnahmezentrum versetzen lassen; sie hat zudem bekannt gegeben, die Verurteilung wegen körperlicher Gewalt gelte ab sofort als Ausschlussgrund für weitere Islamisten.

Sehr überlegt wirkt diese Behördenreaktion nicht. Dabei ist die Frage der Aufnahmekriterien zentral. Sind sie zu streng, lassen sich wohl potenzielle Attentäter kaum erfassen; werden auch tatbereite Salafisten zugelassen, sind Proteste der Bevölkerung programmiert.
Die Regierung will auf jeden Fall in allen Landesregion Deradikalisierungszentren bereitstellen, wenn Beaumont ein Erfolg wird. Geplant sind landesweit 1600 Stellen. Das ist eine beträchtliche Zahl, die eine gewisse Flächenwirkung verspricht. Die Herausforderung ist allerdings noch grösser: Mit Verweis auf die Geheimdienststatistik veranschlagte Premierminister Manuel Valls die Zahl der radikalisierten Islamisten in Frankreich unlängst auf 9300.

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