Kia steht für Vernunft, Qualität und Sicherheit. Ein Image, dass sich die koreanische Marke in
den letzten Jahren beharrlich und konsequent aufgebaut hat. Sieben Jahre Garantie, gutes PreisLeistungs-Verhältnis und zahlreiche Auszeichnungen bei Pannenstatistiken und
Qualitätsumfragen. Einen Kia kauft man mit dem Kopf, aber eben nicht mit dem Herz. Nun, da
sich dieses Image gefestigt hat, ist es Zeit für den nächsten Schritt.


Emotionaler Bote

Damit Kia nicht zu normal und langweilig wird, braucht die Marke ein emotionales
Aushängeschild, ein Auto, das Begehrlichkeiten weckt. Diese Rolle kommt ab sofort dem
Stinger, englisch für Stachel, zu.
Mit der Fliessheck-Limousine zeigt die südkoreanische Marke, dass sie auch anders kann – und
dass nicht immer nur die Vernunft an erster Stelle stehen muss. Mit seiner langen Haube und der
gestreckten Silhouette will die Fliessheck-Limousine die lange Tradi-tion der klassischen GT
aufleben lassen. GT steht für «Grand Tourismo», ein komfortabler, gut motorisierter
Sportwagen, mit dem man lange Strecken stilvoll und schnell zurücklegen kann. Ein Auto, dass
man einfach nur fahren will.
Das weckt hohe Erwartungen an den Neuen, die er bei einer ersten Testfahrt auf Mallorca
erfüllen will. Auf der Baleareninsel schlängeln sich viele kleine, enge und verwinkelte
Strässchen, die Hauptstrassen sind mit zahlreichen Kreisverkehren gespickt und der
Strassenbelag ist oftmals alles andere als perfekt. Eine Herausforderung für eine 4,83 Meter
lange und fast zwei Tonnen schwere Sportlimousine.
Doch der Stinger gibt sich unbeeindruckt, und das ist zunächst einmal seine grosse Stärke. Der Wagen wirkt im komfortabelsten der fünf wählbaren Fahrmodi sehr souverän und ausgeglichen. Trotz grosser 19-Zoll-Räder sprechen die anpassbaren Fahrwerkdämpfer feinfühlig und gleichmässig an und bügeln Unebenheiten brav aus.
Noch wichtiger aber: Im Innenraum bleibt es angenehm still. Nicht nur, weil die
Geräuschisolation nach aussen gut funktioniert, sondern auch, weil im Innern keine Unruhe
aufkommt. Kein Knarzen, Scheppern oder Ächzen. Ein Indiz dafür, dass es Kia mit dem selbst
auferlegten Qualitätsanspruch weiterhin sehr ernst meint. Das Cockpit wirkt mit den runden Lüftungsdüsen, den Ziereinlagen aus gebürstetem Aluminium und grossflächig vernähtem Leder nicht nur optisch sehr hübsch, aufgeräumt und hochwertig, es fühlt sich auch so an. Es scheint also, als habe man sich hier nicht nur beim Design an den
etablierten deutschen Hochpreismarken orientiert, sondern auch, was die Verarbeitung anbelangt.
Hier passt alles, der Stinger braucht den Vergleich mit den deutschen Konkurrenten, auf die Kia mit dem Neuling zielt, keinesfalls zu scheuen. Nur die Grafik von Infotainment und
Instrumenten wirkt auf den ersten Blick etwas weniger modern, nicht nur, weil Kia weiterhin
klassische Analog-Instrumente in Verbindung mit einem grossen Display verbaut.
Ein Makel, der schliesslich keiner ist: Sowohl Instrumente als auch Navigation
und das farbige Head-up-Display sind klar und gut ablesbar, die Bedienung gibt keinerlei
Rätsel auf. Positiv konnte sich auf der ersten Testfahrt auch der Spurhalteassistent im Stinger
bemerkbar machen; eine Disziplin, die Kia sehr gut beherrscht. Auf den langen Geraden der
Hauptstrassen hält auch der Stinger konstant und gleichmässig die Spur, ohne übermässig zu
schwanken. Auch hier kann sich der Kia mit der deutschen Konkurrenz problemlos messen.

Auf Fahrspass programmiert


Komfortables Gleiten beherrscht der Stinger also ausgezeichnet. Auch auf den Rücksitzen ist das Platzangebot gut, nur die flache Dachlinie sorgt für etwas eingeschränkte Kopffreiheit. Dafür gibt sich der Kofferraum geräumig und fasst über 400 Liter. Doch um der Marke mehr
Emotionen einzuhauchen, braucht es mehr als das. Es braucht viel Fahrfreude. Per Drehschalter auf dem Getriebetunnel fordert man den GT zum Sport auf. Im sportlichen Fahrmodus straffen sich die Fahrwerksdämpfer, die Lenkung wird direkter und härter. Und natürlich verändert sich auch der Antrieb.
Zwar baut Kia den Stinger auch mit 2,2-Liter-Diesel oder 2-Liter-Vierzylinder-Benziner und
Hinterradantrieb, für die Schweiz ist derzeit aber nur das Topmodell vorgesehen. Das heisst:
Allradantrieb und ein 3,3-Liter-V6-Benziner mit zwei Turboladern und 370 PS. Im Sportmodus
ist er – dank elektronischer Verstärkung – auch im Innenraum klar hörbar. Ein zwar leicht
synthetisches, aber durchaus kerniges Fauchen, das gut zum kräftigen Vortrieb passt. Den Sprint auf 100 km/h will der Stinger in 4,9 Sekunden schaffen, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 270 km/h. Dazu passt die 8-Stufen-Automatik, die im Sportmodus die Gänge etwas flotter wechselt.
Sie kann hier zwar nicht mit den ultraschnellen Doppelkupplungsgetrieben mithalten, bietet aber insgesamt einen guten Kompromiss zwischen Sportlichkeit und Komfort für den Alltag. Auf Wunsch lässt sich das Getriebe auch über Wippen am Lenkrad manuell schalten.
Fahrspass entwickelt sich aber freilich nicht nur beim Geradeausfahren. Für flotte Kurvenfahrten wird der Allradantrieb im Sportmodus deutlich hecklastiger ausgelegt. Zusammen mit der guten Balance und dem tiefen Schwerpunkt – der Fahrer sitzt im Stinger 45 Millimeter tiefer als in einem Kia Optima – fühlt sich der Stinger so sehr handlich und präzise an. Nur beim Beschleunigen aus engen Ecken wünscht man sich ab und zu eine Differenzialsperre an der
Hinterachse.
Doch das ist schon meckern auf hohem Niveau. Grundsätzlich vermittelt der Stinger für eine
Sportlimousine viel Fahrspass und wird damit seinem Ziel, ein echter GT zu sein, absolut
gerecht. Der Normverbrauch von 10,6 l/
100 km ist gemessen am Gebotenen vertretbar.
Mehr als nur vertretbar ist schliesslich auch der Preis für das neue Aushängeschild von Kia: 57
900 Franken kostet der Stinger GT bei uns. Und zu diesem Preis kommt der Wagen schon mit
Vollausstattung; einzig die Metallic-Lackierung kostet 890 Franken Aufpreis. Ansonsten ist alles mit an Bord. Von den zahlreichen Fahrassistenten über die Lederausstattung bis hin zum Hi-Fi-Soundsystem und Schiebedach.
Hier kann der Stinger nicht nur mit der deutschen Konkurrenz mithalten, hier hebt er sich
deutlich ab. Mit kompletter Ausstattung und leistungsstarker Motorisierung werden Audi A5
Sportback, BMW 4er Gran Coupé oder auch der VW Arteon deutlich teurer. Eine gute Prise
Vernunft behält das neue Topmodell von Kia
allen Emotionen zum Trotz eben doch bei.