F150 Raptor vs Jimny

Bodybuilder gegen Bobbycar

Der kleinste Offroader trifft auf den grössten: Suzuki Jimny gegen Ford F150 Raptor.

Kleider machen Leute, oder in diesem Fall, Autos machen Leute. Fährt man mit dem Suzuki Jimny vor, findet man überall schnell Freunde. «Wie süss!» «Ach, ist der klein!» oder einfach nur ein Schmunzeln. Der kleine Geländewagen aus Japan sorgt sofort für gute Laune. Das Gegenstück aus den USA setzt dagegen eher auf Einschüchterung: Breit, bullig und riesig steht der Ford F150 Raptor da – und wirkt im Schweizer Strassenalltag wie ein Bodybuilder in der Kinderkrippe.
Alle Autos um ihn herum, auch wenn es sich um gestandene SUVs handelt, werden zu Spielzeugautos. Die massiven Stossstangen sind nicht, wie heute üblich, aus Kunststoff gefertigt, sondern aus massivem Alu-Guss; genauso die seitlichen Trittbretter. Die sind vonnöten, wenn man das Cockpit des Amerikaners erklimmen will. Hoch oben gibt es verschwenderisch viel Platz, egal ob vorn oder auf den Rücksitzen – und das, obwohl hinter der Doppelkabine noch eine grosse Ladefläche folgt. Zusammen ergibt das eine Länge von 5,89 Metern – 2,24 Meter mehr als der kleine Jimny, der mit einer Länge von 3,65 exakt zwischen die Achsen des grossen Ford passen würde.
Schon nur die Mittelarmlehne ist wohl breiter als mancher Sitzplatz in einem Billigflieger, daneben sind wuchtige Ledersessel für Fahrer und Beifahrer platziert. Alles in dem Auto wirkt riesig. Der massive Wählhebel für die 10-Gang-Automatik, das dicke Lenkrad mit grossen Alu-Schaltwippen oder die geräumigen Ablagefächer.


Über alle Hindernisse
Dagegen fühlt es sich im kleinen Suzuki an wie in einem Spielzeugauto. Ein grosser Schalthebel ragt aus der Fahrzeugmitte. Das Lenkrad ist dünn und zierlich – und das Auto wirkt kompakt und wendig wie ein Bobbycar. Trotzdem ist alles da, was man für den Alltag braucht: Navigationssystem, Sitzheizung und ein digitaler Bordcomputer. Einparksensoren gibt es nicht – doch die vermisst man beim kleinen und übersichtlichen Auto auch nicht.
Auch wenn er klein ist und auf charmante Weise verspielt wirkt: Der Suzuki Jimny ist alles andere als ein Spielzeug. Der gut 1100 kg leichte Allradler baut auf einem soliden Leiterrahmen auf, der Allradantrieb und eine Geländeuntersetzung lassen sich mechanisch zuschalten. Für Vortrieb sorgt ein 1,5-Liter-Benziner mit 102 PS.
Er ist dem Leichtgewicht gut gewachsen und wirkt nur auf der Autobahn etwas aufdringlich, da er mit nur fünf Gängen auskommen muss. Aber der Jimny will ohnehin nicht auf der Strasse zu Hause sein. Sein grosser Moment kommt, wenn die asphaltierte Strasse zu Ende geht. Dank kurzem Radstand und minimalen Überhängen erklimmt er fast jeden Hügel und schlüpft auch durch die kleinste Lücke. So bahnt er sich seinen Weg auch durch unwegsames Gelände – und lässt manch grösseren Offroader alt aussehen.

Suzuki Jimny

Suzuki Jimny

Welche Hindernisse?
Eine komplett andere Strategie verfolgt der Ford F150 Raptor. Das Spitzenmodell des meistverkauften Autos in den USA ist zwar für hiesige Strassen etwas überdimensioniert (Breite mit Spiegel: 2,46 Meter), lässt sich aber überraschend präzis dirigieren. Hat man statt Asphalt grobe Steine unter den Rädern, so spürt man das in diesem Monstrum kaum. Denn das Fahrwerk mit armdicken und Wüstenrallye-erprobten Hightech-Stossdämpfern bügelt schlichtweg alles aus.
Zwar sind auch auf der Strasse Unebenheiten wie Querfugen oder Schlaglöcher spürbar. Doch bleibt die Wahrnehmung im Innenraum konstant gleich – ob man nun über ein kleines Schlagloch oder über einen fussballgrossen Stein fährt. Denn genau dafür wurde der F150 Raptor gebaut: Für grobe Schotterpisten, die er dank extralangen Federwegen und hochfest gebautem Chassis und Fahrwerk regelrecht überfliegt.
Dabei hilft ihm auch sein Antrieb. Anstelle des traditionellen US-V8 gibt es, als Zeichen der Vernunft, einen V6 mit 3,5 Liter Hubraum und zwei Turboladern. Er leistet 455 PS und 692 Nm Drehmoment, womit der 2,6-Tonnen-Pick-up in sehr sportlichen 5,1 Sekunden auf 100 km/h beschleunigt. Geschaltet wird über eine Automatik mit zehn Gängen, die den hohen Anforderungen stets gewachsen ist. Die vielen Fahrstufen werden flott und treffsicher sortiert, sodass der Antrieb überraschend spritzig und elastisch wirkt.


Eine Frage des Geschmacks
Dem traditionsreichen V8 braucht man also kaum nachzutrauern; auch weil sich der V6 mit seiner bassigen Stimme bemüht, die Emotionen beizubehalten. Vergleichsweise vernünftig gibt sich der grosse Pick-up beim Verbrauch. Klar, für sich gesehen sind 15,5 l/100 km Durchschnittsverbrauch absurd. Doch gemessen an Grösse, Form und Gewicht ist das durchaus wirtschaftlich. Auf ruhig gefahrenen Autobahnetappen sind auch knapp unter 13 l/100 km möglich (Werksangabe: 13,1 l/100km). Der gefühlt halb so grosse und halb so schwere Jimny verbraucht auch ziemlich genau halb so viel Sprit: Mit 6,6 l/100 km unterbietet er die Werksangabe von 6,8 l/100 km sogar leicht.
Nicht ganz so proportional lassen sich die Preise hochrechnen. Der Suzuki Jimny kostet ab 21 990 Franken. Er empfiehlt sich entweder als kompaktes und wendiges Stadtauto mit viel Charme oder aber als echtes Arbeitstier mit hervorragenden Offroad-Eigenschaften und genügend Platz – zumindest wenn er als Zweisitzer eingesetzt wird und die eher knappen Rücksitze zum vergrösserten Kofferraum werden.
Der Ford F150 Raptor ist in der Schweiz offiziell nicht erhältlich. Importeure wie die Ford-Garage in Sursee LU bringen den Riesen aber ins Land. Während der Raptor in den Staaten schon ab knapp 51 000 US-Dollar zu haben ist, kostet er beim Spezialisten in der Schweiz ab 91 500 Franken. Der hohe Aufpreis ist aber gerechtfertigt: Er beinhaltet alle Steuern und Zollabgaben sowie die für die Zulassung nötigen Umbauten. Auch das Navi ist komplett für Europa programmiert und funktioniert, als wäre der grosse Amerikaner hier zu Hause.
Auch wenn das amerikanische Ungetüm für hiesige Strassen zu ungelenk erscheint: Spass bringt der Pick-up auf jeden Fall. Und mit 3,5 Tonnen Anhängelast und seiner grossen Ladefläche, auf der zwei Euro-Paletten Platz finden, kann er auch als robustes und starkes Arbeitstier eingesetzt werden. Aus rationalen Beweggründen wird man sich den F150 Raptor aber kaum anschaffen. Viel eher wird er ein Accessoire sein, mit dem man garantiert auffällt. Genauso wie mit dem Suzuki Jimny.
In welchem Kleid man lieber gesehen werden möchte, bleibt eine Frage des Geschmacks.

Ford F150 Raptor

Ford F150 Raptor

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