Stuttgart gegen München: Beide Autostädte schicken einen Sportwagen mit rund 370 PS an den Start. So viel zu den Gemeinsamkeiten der beiden Kontrahenten. Denn unterschiedlicher als Porsche 911 Carrera T und BMW i8 Roadster können Sportwagen kaum ausfallen. Mit fast identischer Leistung verfolgen sie beide dasselbe Ziel: Reine Messwerte und Rundenzeiten auf der Rennstrecke sind in beiden Sportlern Nebensache. Vielmehr wollen sie Fahrfreude auf die Strasse bringen. Der Weg zu dem Ziel ist allerdings diametral anders. Auf der einen Seite steht der Porsche 911 als Sportwagen-Klassiker schlechthin. Er bringt perfekte Alltagstauglichkeit und über die Jahre gereifte Fahrdynamik. Als Carrera T geht er diesbezüglich noch einen Schritt weiter. Er will an die Siege bei der Rallye Monte Carlo in den 1970ern erinnern. Allerdings geht es nicht mehr um maximale Leistung, sondern um Fahrbarkeit und Fahrspass. Den Motor übernimmt der Carrera T vom Basis-911er: 3-Liter-Boxer mit Biturbo-Aufladung, 370 PS und 450 Nm Drehmoment. Der Motor sitzt hinten und treibt ausschliesslich die Hinterräder an. Hinzu kommen 20 Kilogramm Gewichtsersparnis durch den Verzicht auf die Rücksitze und etwas Dämmmaterial im Motorraum und Leichtbau-Glas an den hinteren Fenstern.
Die Diät wird allerdings fast wettgemacht durch ein paar Aufrüstungen im Vergleich zum Basis-Carrera: Der Carrera T bekommt grössere Räder (20''), elektronisch adaptierbare Stossdämpfer und ein elektronisch geregeltes Sperrdifferenzial an der Hinterachse; all das ist normalerweise dem stärkeren Carrera S vorbehalten.  Weiter wird der Carrera T mit einer Sportabgasanlage ausgestattet. Der Mehrpreis von rund 10 000 Franken zum Carrera ist gemessen an der Ausstattung also durchaus fair berechnet. Als sinnvolle Zusatzausstattung ist lediglich die Hinterachslenkung zu empfehlen, die das Coupé noch agiler macht. Auf das automatisierte Doppelkupplungsgetriebe kann man hingegen verzichten.
Das manuelle Getriebe mit sieben Gängen wurde für den Carrera T mit kürzeren Schaltwegen versehen und schaltet sich daher sehr knackig. Ausserdem wurde die Übersetzung der Gänge etwas kürzer gewählt, sodass der Motor etwas leichteres Spiel hat.


Kleine Hebel, grosse Wirkung
Es sind freilich nur Nuancen, die den 911 Carrera T von der Ausgangsbasis unterscheiden. In der Summe zeigen sie aber Wirkung. Es sind zwar nur fünf Kilo, die der Porsche abspeckt. Durch die kürzere Getriebeübersetzung und das sportlichere Fahrwerk fühlt er sich aber spürbar handlicher und flotter an.
Die abgespeckte Schallisolierung sorgt darüber hinaus für einen grösseren Erlebnisfaktor im Innenraum. Gekoppelt mit dem manuellen Schaltgetriebe, macht der Carrera T das Fahren zum Erlebnis. Und verblüfft dabei mit seiner gekonnten Feinabstimmung.
Das Fahrwerk schluckt vor allem bei flotter Fahrt Unebenheiten fast perfekt weg. Ob beim Beschleunigen oder auf der Bremse: Der Carrera T bleibt stabil und macht das, was man von ihm erwartet. Dabei hilft das präzise Feedback aus Lenkung und Pedalen. So fühlt man den hoch angesiedelten Grenzbereich schon, bevor es zu spät ist.
Gerade auf engen, kurvigen Landstrassen vermittelt der T viel Vertrauen und Sicherheit. Er gibt eine perfekte Vorstellung davon, wie sich ein klassischer Sportwagen anfühlen muss. Mechanisch, verlässlich und ungefiltert.
Eine hoch liegende Messlatte also für den BMW i8, der das exakte Gegenteil eines klassischen Sportwagens sein will. Er will einen Ausblick in die Zukunft bieten und greift daher auf deutlich mehr Hightech zurück.


Kombinierte Kraft
Der Verbrennungsmotor im BMW i8 Roadster ist exakt halb so gross wie im Porsche: 1,5 Liter Hubraum, drei Zylinder und ein Turbolader. Daraus resultieren 231 PS. Zusätzliche 143 Pferde steuert ein E-Motor an der Vorderachse bei. So kommt der i8 Roadster auf 374 PS und 570 Nm Drehmoment. Mit 1595 kg ist der i8 Roadster 170 Kilo schwerer als der Diät-Porsche – der Karbon-Anteil im Roadster kompensiert die schweren Akkus im Getriebetunnel nur teilweise. Die aufwendigere Technik und die teuren Materialien machen den Bayern mit 177 900 Franken (Coupé ab 159 000 Fr.) ein gutes Stück teurer als den 911 Carrera T, den es ab 140 600 Franken zu kaufen gibt.
Dafür bietet er auch Allradantrieb und ein 6-Stufen-Automatikgetriebe. Hinzu kommen die futuristische Optik samt Flügeltüren und das binnen 15 Sekunden und bis 50 km/h funktionierende elektrische Verdeck. Laut Werk schafft der i8 Roadster bis zu 53 Kilometer rein elektrisch. Im Test waren es bis zu 45 Kilometer. Wer oft nachlädt, kann die Werksangabe von 2,1 l/100 km erreichen. Wer den i8 Roadster sportlich bewegt, sollte mit maximal 8 l/100 km rechnen. Durch die elektrische Unterstützung spricht der Antrieb sehr direkt an und fühlt sich kräftig an. Der Klang wird zwar elektronisch verstärkt, wirkt aber glaubhaft und sportlich. Fahrwerk und Lenkung sind zahmer ausgelegt als im Porsche, was im Alltag gefällt, auf kurvigen Passstrassen im direkten Vergleich aber eine Spur an Direktheit und Verbindlichkeit vermissen lässt. Doch der tiefe Schwerpunkt und die gute Balance im i8 Roadster lassen, trotz schmalen Reifen, Fahrfreude aufkommen. Nur beim Beschleunigen aus engen Kehren funktioniert das Zusammenspiel aus E-Motor und Verbrenner nicht optimal. Wird das Gas nicht fein dosiert, bringt der E-Motor zu viel Kraft auf die Vorderachse, was den i8 ins Untersteuern treibt. Der Roadster kann sehr sportlich bewegt werden, lädt aber in erster Linie zum Geniessen ein: Der einzigartige Antrieb, kombiniert mit der spektakulären Optik und der unlimitierten Kopffreiheit, macht ihn zur ersten Wahl an einem sonnigen Tag. Zudem zeigt der i8, insbesondere nach seiner Überarbeitung, dass Sportwagen trotz kleinen Motoren und elektrischen Antriebskomponenten Spass machen können. Oder eben: genau deswegen.


Tag und Nacht
Ist der BMW i8 die perfekte Wahl für einen sonnigen Tag, so ist der 911 Carrera T die wohl beste Wahl für eine kühle Herbstnacht, in der man nicht schlafen kann. Man greift zum Schlüssel und fährt durch die Nacht. Nicht um anzukommen, sondern um des Fahrens willen. Und merkt, dass es keine einschüchternden PS-Zahlen und modernen Hightech-Ausstattungen braucht, um zu faszinieren.