Die Rennstrecke hat überhaupt nichts mit dem wahren Leben zu tun. Auch die Ferrari-Fahrerinnen und die Porsche-911-Besitzer bewegen ihre Geräte nur sehr selten auf einer abgesperrten Strecke. Schätzungen gehen davon aus, dass auch bei solchen Boliden weniger als ein Prozent der Kilometer auf dem Racetrack zustande kommen. Und doch: Nur auf der Rennstrecke kann man das wahre Potenzial eines Sportwagens erfahren. Deshalb stellte Mercedes-AMG den neuen GT auch in Laguna Seca vor, einer der schwierigsten Tracks überhaupt, die «corkscrew», Korkenzieher , genannte Kurvenkombination ist legendär.

Und selbstverständlich machte der neue Benz dort eine gute Figur. Wunderbare Balance, etwas, was für eine schnelle Runde unabdingbar ist. Ausgezeichnete Bremsen. Und dann dieser 4-Liter-V8, dem zwei Turbos Kraft einhauchen, 510 PS sind es beim GT mit der Zusatzbezeichnung S, er sprintet so auf dem Papier in 3,8 Sekunden auf 100 km/h und rennt maximal 310 km/h schnell. Es sind das Können und der Mut des Piloten, die diesem Fahrzeug die Grenzen setzen; der GT selber bleibt ausgesprochen souverän, wunderbar leicht zu fahren – und genau das macht ihn schnell, richtig schnell. Denn je einfacher sich ein Fahrzeug beherrschen lässt, desto flotter ist man unterwegs. Zwar wird der Mercedes-AMG GT nicht gerade Kreise um den Porsche 911 fahren auf der Rennstrecke, aber wahrscheinlich ist er in der Hand eines guten Fahrers schneller – auch deshalb, weil er einfach mehr Power hat, 510 PS anstelle der 430 PS des ganz neuen Porsche 911 GTS.

Auch wenn es Mercedes unterlässt, die deutsche Sportwagen-Legende 911 überhaupt nur zu erwähnen: Es ist ganz klar, gegen wen der neue GT zielt. Und der Stern kann tatsächlich manche Dinge. Vielleicht nicht besser, aber sicher anders. Er bietet zum Beispiel einen echten Kofferraum, unter der Heckklappe lassen sich jede Menge Golfbags transportieren. Und er ist deutlich luxuriöser. Alles edle Materialien, bestens verarbeitet, ausgezeichnete Ergonomie (beim Porsche 911 merkt man gerade in diesem Bereich, dass er in seiner Grund-Konstruktion bereits über 50 Jahre auf seinem schönen Buckel hat). Andererseits: Weil er auch komfortabel sein will, absolut alltagstauglich und sicher wie eine Burg, wiegt der GT dann deutlich über 1,5 Tonnen – da verbleibt dem Porsche ein deutlicher Gewichtsvorteil.

Und noch hat der eine Stuttgarter gegenüber dem anderen Stuttgarter einen weiteren Pluspunkt, der für Sportwagen-Käufer häufig sehr wichtig ist: der Sound. Die Porsche 911 sind (mit Ausnahme des Turbo) alles Sauger, sie tönen deshalb freier, kraftvoller, ehrlicher als die zwangsbeatmete AMG-Maschine. Auch gibt es den 911er mit Allradantrieb – und handgeschalten. Der Mercedes erfreut dafür mit einem 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe, das gegenüber seinem Vorgänger , dem kürzlich ausgelaufenen SLS, deutlich verbessert wurde, jetzt richtig gut ist, sehr schnelle Schaltzeiten, perfekte Übergänge. Und das schätzt man nicht nur auf der Rennstrecke, sondern auch dann, wenn man sich auf öffentlichen Strassen entspannt an den 650 Nm maximalen Drehmoment erfreut.

Es gibt den Mercedes-AMG GT auch noch als Basis-Modell, dann mit 462 PS und einem maximalen Drehmoment von 600 Nm. In der Schweiz kann man aber davon ausgehen, dass die Kundschaft wohl mehrheitlich die stärkere Variante wählen wird, also den S. Den gibt es ab 181’100 Franken, der normale GT ist ab 156’200 Franken zu haben. Ein vergleichbarer Porsche 911 GTS steht ab 158’000 Franken in der Preisliste. Es wird aber sicher genug Platz geben sowohl für den Mercedes wie auch den Porsche, denn eigentlich tun sie sich ja nicht weh. Der 911er ist der kompromisslosere Sportwagen und eine Legende (und steht an jeder zweiten Strassenecke), der GT kann mit besserer Alltagstauglichkeit sowie mehr Luxus auftrumpfen. Und wird auch deshalb seinen Platz finden.


Es war ja aber auch irgendwie klar, dass Mercedes, gerade Formel-1-Weltmeister geworden, ein formidables Sportgerät auf die Räder stellen würde. Mit dem GT beweist insbesondere die Sportabteilung AMG ihre Kompetenz, der 4-Liter-V8 ist ein kleines Meisterwerk, denn er ist ja nicht nur ausgesprochen potent, sondern verbleibt dabei auch sparsam: Der GTS will mit 9,4 Litern auf 100 Kilometern auskommen, das ist deutlich weniger als einst ein VW Käfer. Das gilt dann allerdings nicht für die Rennstrecke…