Zerfall des Ölpreises, geopolitische Konflikte, Attentate wie jüngst in Paris auf die Redaktion des Satiremagazins «Charlie Hebdo»: Die Ereignisse überschlagen sich. Der Historiker, Energie- und Friedensforscher Daniele Ganser kennt die Zusammenhänge. Aufsehen erregte er mit seinen Büchern «Europa im Erdölrausch» und «Nato-Geheimarmeen in Europa».

Der Friedensforscher und Ölexperte Daniele Ganser.

Der Friedensforscher und Ölexperte Daniele Ganser.

Das bz-Interview verzögerte sich. Ganser muss mit seinem Tesla noch schnell in die Garage – auch ein Elektroauto braucht Pflege. Wenig später ist er zurück, und spricht engagiert über unsere Sucht nach Erdöl, den Kampf um dasselbe und die Profiteure kriegerischer Konflikte.

Herr Ganser, noch im August 2014 zeigten Sie sich überzeugt, der Rohölpreis werde nicht mehr sinken. Nun ist er doch im Keller. Wie konnten Sie sich so gewaltig irren?

Daniele Ganser: Der starke Einbruch des Erdölpreises hat mich und viele andere Beobachter überrascht. Aber im Keller ist der Preis nicht, das war er in den 1950er- und 1960er-Jahren, als das Fass weniger als zwei Dollar kostete. Seit 15 Jahren sehen wir beim Ölpreis extrem starke Schwankungen. Wir befinden uns auf einer Achterbahn. Derzeit sind wir bei 50 Dollar pro Fass (159 Liter). Das ist nicht der Keller, das wäre bei einem Haus der dritte Stock, nachdem wir vor wenigen Jahren mit 140 und 100 Dollar auf der Dachterrasse standen.

Ich bin weiterhin der Meinung, dass die Zeit des billigen Öls – das heisst, ein Preis von weniger als zehn Dollar pro Fass – vorbei ist. Öl, das einfach und günstig gefördert werden kann, stagniert. Deshalb lohnen sich inzwischen Fördertechniken wie das Fracking, die Verarbeitung von Ölsand oder Bohrungen in fünf Kilometer Tiefe draussen im Meer. Tiefseebohrungen sind teuer. Damit sich Fracking lohnt, müsste das Fass zwischen 40 und 100 Dollar kosten.

Woher rührt der Preiszerfall?

Zu viel Angebot, zu wenig Nachfrage. Entscheidend war die OPEC-Konferenz in Wien im November 2014. Dort haben die Saudis beschlossen, die Opec-Förderung nicht zu drosseln, was sie sonst immer gemacht haben, wenn der Preis fiel. Jetzt aber werfen die Saudis, die ihr konventionelles Erdöl bei sechs Dollar pro Fass sehr günstig fördern können, dieses auf den Markt. Produzenten von günstigem konventionellem Erdöl kämpfen derzeit gegen Produzenten mit teurem unkonventionellem Erdöl. Die Saudis wollen Marktanteile erobern und liefern sich einen Preiskrieg mit anderen Anbietern, die deutlich höhere Förderkosten haben.

In den letzten fünf Jahren konnten die USA durch teures Fracking ihre Erdölförderung stark anheben, dadurch ist eine zwischenzeitliche Überkapazität geschaffen worden. Wenn nach dem Preiskampf die Förderung aus Fracking, Tiefseeöl und Ölsand einbricht, kann der Erdölpreis wieder anziehen, was auch im Sinne der Saudis ist.

Der Erdölkonsum bleibt riesig: Wir verbrauchen heute weltweit 90 Millionen Fass Öl pro Tag, das entspricht dem Inhalt von 45 Supertankern. Wir sind stark erdölsüchtig und haben trotz Klimawandel und Erdölkriegen Mühe, unsere Abhängigkeit zu reduzieren.

Finanzstratege Roger Robinson und der ehemalige CIA-Agent Robert Baer sagen, die USA hätten in den 1980er-Jahren durch billiges Öl und dem gleichzeitig geschürten Konflikt in Afghanistan die Sowjetunion in den Ruin gestürzt. Sehen Sie Parallelen zum Ukraine-Konflikt?

Es ist möglich, dass billiges Erdöl auch als Kampfmittel gegen Russland eingesetzt wird, beweisen kann es aber niemand. Dass die Amerikaner in der Ukraine aber ihre Fäden ziehen, ist eindeutig. US-Diplomatin Victoria Nuland sprach von mehr als fünf Milliarden Dollar, welche die USA investiert haben, um die Ukraine in den Einflussbereich der USA und der Nato zu bringen.

Bekannt ist auch das Telefongespräch von Nuland, in dem sie mit Jeffrey Pyatt, dem US-Botschafter in der Ukraine, darüber spricht, wer nach dem Fall der alten Regierung die Ukraine führen soll. Nuland erklärte vor dem Putsch, das müsse Arsenij Jazenjuk sein, und der wurde dann auch tatsächlich Premierminister.

Der gestürzte Präsident Viktor Janukowitsch wollte nicht in die EU und Nato, der aktuelle, Petro Poroschenko, will das. Der frühere CIA-Analyst Ray Mc Govern sagt: «Es war ein vom Westen gesponserter Putsch, es gibt kaum Zweifel daran.»

Die Politikwissenschafterin und ehemalige Moskau-Korrespondentin der ARD kritisiert die westlichen Medien: Diese würden einseitig gegen Putin sowie pro Nato, Europa und EU berichten. Einverstanden?

Gabriele Krone-Schmalz trifft den Nagel auf den Kopf. Ich kann Ihnen ein Beispiel nennen. Für TV-Formate von Pro7 und N24 wurde ich im vergangenen Jahr zum Krieg in der Ukraine interviewt. Ich habe im Interview die Nato-Osterweiterung kritisiert. Denn seit Ende des Kalten Krieges hat sich die Nato immer weiter in Richtung Russland ausgedehnt, obwohl während der Wende dem damaligen Staatspräsidenten Michail Gorbatschow das Gegenteil versprochen worden war.

Am Tag nach dem Interview wurde mir mitgeteilt, mein Interview könne wegen sich überstürzender Ereignisse – die gab es zu diesem Zeitpunkt aber nicht – nicht gezeigt werden. Das ist Zensur in Europa. Wenn ich Putin kritisiert hätte, wäre das Interview bestimmt gesendet worden. Diese sehr einseitige Anti-Putin-Grundstimmung bemerken auch die Leute auf der Strasse. Darum haben viele das Gefühl, die Massenmedien seien die Pressestelle der Nato.

Daraus folgern Sie?

Es ist ein Feldzug gegen die Russen ist ein gefährliches Spiel, das die Amerikaner in der Ukraine spielen. Wir sollten den russischen Bären nicht in die Ecke drängen. Das kann gefährlich werden. Der Schlüsselmoment ereignete sich am 21. Februar 2014 auf dem Maidan-Platz. Damals wurde die russlandfreundliche Regierung gestürzt. Von den Dächern schossen Sniper auf Sicherheitskräfte und auf Demonstranten.

Unbekannte Kriminelle haben also bewusst Chaos erzeugt, dann das Verbrechen dem Präsidenten angelastet, der daraufhin zurücktreten musste. Ich glaube nicht, dass der Präsident eigene Sicherheitsleute erschiessen liess.

Stichwort «Aktionen unter falscher Flagge». Ihre Doktorarbeit befasste sich mit Geheimarmeen der Nato. Können Sie ausschliessen, dass noch heute dazu gegriffen wird?

Nein, das kann ich leider nicht, im Gegenteil. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass noch immer davon Gebrauch gemacht wird. Betrachten wir den Abschuss der MH17 in der Ukraine. Die Maschine könnte im Sinne einer False Flag Operation beispielsweise durch einen Jagdflieger der ukrainischen Armee abgeschossen worden sein. Das könnte dann für den neuen Präsidenten Poroschenko das Drehbuch gewesen sein, um seinen Gegenspieler Putin zu diffamieren. Da jedoch der Absturz viel zu ungenau untersucht wurde, kann derzeit nicht abschliessend beurteilt werden, wer dahinter steckt.

Dann müsste vieles hinterfragt werden. Auch das Attentat auf «Charlie Hebdo»?

Selbst das könnte eine Operation unter Falscher Flagge sein, wir wissen es nicht. Auch diese Piste muss untersucht werden. Denn es ist verwunderlich, dass dieser Terroranschlag innerhalb von 24 Stunden aufgeklärt wurde, weil ein Attentäter seinen Ausweis im Fluchtauto liegen lässt. Zudem sind jetzt die Verdächtigen tot, erschossen von der Polizei, man kann sie nicht mehr befragen. Ist die offiziell dargestellte Geschichte plausibel?

Es stellt sich die Frage, ob ein Attentäter seinen Ausweis tatsächlich mit zum Tatort nehmen würde. Für mich ist der Terroranschlag auf «Charlie Hebdo» ungeklärt. Sicher ist, dass der militärisch-industrielle Komplex davon profitiert. Die Gewaltspirale wird angetrieben.

Sie lehnen sich in Ihren Beurteilungen weit aus dem Fenster hinaus. Wie haben Sie Kenntnisse über Geheimdienste erwerben können?

Klar: Die CIA oder andere Geheimdienste kann man nicht anrufen und fragen, in welche verdeckten Operationen sie involviert sind, das ist alles streng geheim. Sowohl Journalisten wie auch Wissenschaftler stossen da auf hohe Mauern. Hin und wieder gelingt es, diese Mauern zu überwinden. Ich habe an der Universität Basel meine Dissertation zu den Nato-Geheimarmeen und inszeniertem Terror in Europa geschrieben und dazu vier Jahre zu den Geheimdiensten in den Nato-Ländern geforscht.

Ich habe Untersuchungsberichte vom italienischen und belgischen Parlament gelesen, von Politikern, welche die Geheimdienste überwachen mussten und Missstände entdeckten. Ich war in London, Cambridge und Washington und habe mit ehemaligen Mitarbeitern der Geheimdienste gesprochen, wie auch mit Historikern, welche die Geheimdienste untersuchen. So konnte ich das Netzwerk der Nato-Geheimarmeen erstmals historisch ausleuchten.

Für viele ist die Welt unsicherer geworden. Die Lage in Syrien und der Ukraine, die Terrormilizen des IS oder Anschläge wie in Paris machen Angst. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Die Welt hat sich nicht verschlechtert. Vielmehr waren wir Menschen in den letzten 2000 Jahren schon immer sehr brutal. Um das Jahr 1800 war die Lebenserwartung nur 40 Jahre, heute sind es in der Schweiz 83 Jahre, ein toller Fortschritt. Aber durch die heute sehr präsente Massenkommunikation hören wir innert Minuten von Gewalttaten überall auf dem Globus. Das schürt Angst und Unsicherheit, viele wähnen sich schlicht in einem Irrenhaus.

Wichtig ist, dass man nicht vergisst, dass von den 7 Milliarden Menschen auf der Erde sich nur ein Prozent an Mord, Folter, Vergewaltigung, Bombardierungen und Attentaten beteiligt. An dieser Gewaltspirale drehen die Nato-Bomber, die IS und auch die Kämpfer in der Ukraine. Diese 70 Millionen halten uns extrem auf Trab.

Welche Wirkung wird der tiefe Ölpreis auf die Energiewende haben?

Er verunsichert vor allem die Hauseigentümer. Sie fragen sich, wann der richtige Zeitpunkt da ist, um die Ölheizung durch ein erneuerbares System zu ersetzen. Der Bund ist auf dem richtigen Weg, denn er will unsere Abhängigkeit vom Öl vermindern. Schliesslich besitzt die Schweiz weder Öl noch Gas. Eine Milliarde Franken geben wir in der Schweiz pro Monat für Erdöl aus.

Ich bin mit Fatih Birol, dem Chefökonomen der Internationalen Energie Agentur (IEA) einig: Die Zeiten des knappen Erdöls sind keinesfalls vorbei. Wir sollten weg von den Ressource-Kriegen, wie sie seit Jahren geführt werden. Ich bin froh, ist die Schweiz nicht in der Nato, ich bin froh, dass die Schweiz keine Bomben auf den Irak, Afghanistan oder Syrien geworfen hat. Ich bin ein Vertreter der strikten Neutralität.