Die Erscheinungsform eines Vereins spiegelt immer auch die Gesellschaft wieder, die ihn hervorbringt. Als der Basler Bürgerturnverein 1819 gegründet wird, hat Basel noch Stadtmauern. Das Fahrrad wurde erst zwei Jahre zuvor erfunden, Glühbirnen gibt es noch keine. Seither hat sich inner- und ausserhalb des Turnvereins, der gemäss eigenen Aussagen zu den ältesten der Welt zählt, viel verändert.

Am 1. Juni 1819 stellt der 28-jährige Privatlehrer Heinrich Weilemann aus Basel einen Antrag ans Stadtamt: Für eine «gymnastische Anstalt» solle ihm die Stadt Basel einen Rasenplatz beim Marktgräflerhof an der heutigen Hebelstrasse zur Verfügung stellen. Nach einigem Hin und Her wird dem Gesuch entsprochen. Weilemanns Programm basiert auf den Geräteübungen des Unterwaldners P. H. Klias, der vier Jahre zuvor in Bern eine Turnanstalt eröffnet und damit das Turnen in der Schweiz eingeführt hat.

Noch im selben Jahr gründen einige Schüler Weilermanns die «Turngesellschaft Basel». Turnplatz und Geräte übernehmen sie von ihm. Der Turnverein beginnt langsam zu gedeihen – jedoch nicht ohne Gegenwind. «Die Sache war den Geistlichen zu toll, einigen Ratsherren zu gefährlich und alten Weibern zu sündhaft», urteilt später ein Luzerner Geschichtsprofessor. Irritieren lassen sich die Turner davon aber nicht.

Eugen Holzherr (links) wurde 1955 eidgenössischer Turnfestsieger im Nationalturnen.

1824 wird die Schlacht bei St. Jakob in Basel erstmals in grösserem Rahmen gefeiert. Das damit verbundene Jugendfest löst in der Bevölkerung eine Welle der Begeisterung für das Turnen aus: ein wichtiger Meilenstein für die Entwicklung des Turnsports in der Schweiz. Im gleichen Jahr erscheint «Turnvater Jahns» berühmtes Buch «Die Deutsche Turnkunst zur Einrichtung der Turnplätze» in der Schweiz. Die Basler übernehmen die Übungen Jahns, der als Gründer der deutschen Turnbewegung gilt.

Was sich in der Theorie gut anhört, stellt sich in der Praxis jedoch als problematisch heraus. Die Turner nehmen Jahns «Vorübungen» – Turnelemente, die erst einzeln geübt und anschliessend zu einer Gesamtübung am Gerät zusammengesetzt werden sollen – nicht sonderlich ernst. «Wiederholt gingen dieselben, weil nichts, auch gar nichts klappte, selbst seitens der Turnenden im allgemeinen Gelächter unter», heisst es in der Festschrift zum 100-Jahr Jubiläum des BTV Basel.

Mit militärischer Strenge

So stellt der Bürgerturnverein eben seine eigenen Vorschriften auf. Und diese sind streng. Turnen ist damals kein trivialer Freizeitspass. Es geht um körperliche Ertüchtigung, die Umstände sind geradezu militärisch. Die Regeln für Turnfahrten gleichen denen einer Rekrutenschule. «Turnfahrten sind Tagesmärsche, auf denen sich die Turner gewöhnen sollen, die Beschwerden des Marsches auszuhalten und dabei nur einfache Speisen zu geniessen.

«Turnvater Jahns» Vorübungen (1816).

Darum soll jeder sein Proviant selber mit sich nehmen und keinem ist gestattet, in einem Wirts- oder anderen Hause irgend Speise zu kaufen oder sich geben zu lassen», steht in den Vereinsverordnungen von 1826.

Es wäre nicht erstaunlich, wenn sie sogar Uniformen getragen hätten. Denn auch was man zum Turnen anziehen soll, wird damals vom Verein vorgeschrieben. «Jeder soll ohne Stock und Hut und womöglich ohne Halstuch und Stiefel turnen und in Hosen von Zwillich», steht in den ersten handschriftlichen Vereinsstatuten. Ein unregelmässiger Besuch der Turnstunden wird ebenfalls nicht goutiert. «Es sollen alle die Turner, welche an den Übungen und am ganzen Turnleben keinen oder nur sehr wenig Anteil nehmen, und auf die Warnungen des Turnrates nicht augenscheinliche und dauernde Besserung zeigen, als faule Mitglieder ausgestossen werden (als faul werden Mitglieder angesehen, die in einem Monat an Zweidrittel der Abende fehlen).»

Frauen als Chance

Rund 40 Jahre lang turnen nur «Jünglinge» und junge Männer im Verein. Dann äussern auch ältere Semester den Wunsch, das Turnangebot in Anspruch zu nehmen – weil Turnen gesund ist. So entsteht in Basel als Folge der erste selbstständige Männerturnverein.

Dass Sport auch Frauensache sein sollte, wird 1828 erstmals in schriftlicher Form festgehalten. «Es ist unnatürlich, dass dieses Geschlecht den ganzen Tag in das Zimmer eingezwängt werde, auch es darf auf Erholung Anspruch machen, die seinen Körper stärken und das Krumm (sic) werden hindern kann», heisst es in den «Baslerischen Mitteilungen zur Förderung des Volkswohls». Von da an wird es allerdings noch rund 80 Jahre bis zur Gründung einer Damenriege gehen.

Am 27. Januar 1910 – erst 91 Jahre, nachdem der Turnverein entstanden war – wird den Frauen endlich ihr Platz innerhalb des Turnsports eingeräumt. Von Gleichstellung kann damals jedoch noch nicht die Rede sein. Das weibliche Geschlecht bleibt in der Minderheit.

Auch das damalige Selbstverständnis des Frauenturnens wirkt aus heutiger Sicht doch etwas antiquiert. «Turnerisch zielen diese Bestrebungen dahin, die Bewegungen dem Wesen der Frau anzupassen, sie natürlicher, beschwingter und – was besonders wesensbedingt ist – fliessender zu gestalten», hält 1910 ein Vereinsmitglied fest.

Heute sieht das ganz anders aus. 2001 fusionieren weibliche und männliche Turner. «Unterdessen haben wir sogar mehr Frauen als Männer im Verein», sagt der aktuelle BTV-Präsident Thomas Graf. Es ist fraglich, ob der BTV Basel ohne die Fusion mit den Turnerinnen heute noch bestehen würde.

Eine glorreiche Vergangenheit

Das 200-Jahr-Jubiläum bietet dem Bürgerturnverein auch die Chance, auf seine glorreiche Vergangenheit zurückzublicken. So hatte er einst sogar einen Olympiasieger hervorgebracht. 1927 tritt dem BTV mit Eugen Mack einer der besten schweizerischen Kunstturner aller Zeiten bei. Mack gewinnt mehrfach Olympiagold, -silber und -bronze.

Nach der Ära Mack entspringt dem BTV Basel ein weiterer Eliteathlet: Eugen Holzherr wird nach seinem Eintritt im Jahr 1952 einer der erfolgreichsten Schweizer Sportler überhaupt. Wie schon Mack nimmt er an den Olympischen Spielen teil. Auch die Hand- und Faustballmannschaften des Vereins standen einst hoch im Kurs. Die erste BTV-Handballmannschaft steigt 1975 in die Nationalliga B auf. Auch die Faustballer können sich 1981 bis in die Nati B vorkämpfen.

Vom Hand- und Faustballruhm der vergangenen Tage ist heute jedoch nicht mehr viel übrig geblieben. Eine Handballmannschaft gibt es im BTV keine mehr. Von einst acht Faustballmannschaften existiert noch eine. Mit Müh und Not. Die Professionalisierung der Sportarten und der gesellschaftliche Wunsch nach zeitlicher Ungebundenheit machen es dem Verein schwer.

Das Körperbewusstsein der Menschen ist anders geworden. «Darum ist es wichtig, dass sich der Verein den Bedürfnissen der Gesellschaft anpasst», sagt BTV-Präsident Thomas Graf. Mit einer Jubiläumschronik kämpft der Verein nun dagegen an, dass seine bewegte Vergangenheit in Vergessenheit gerät.

Nachgefragt:

Was hat sich inner- und ausserhalb des Vereins am meisten verändert, seitdem Sie dabei sind?

Thomas Graf: Früher boten wir noch mehr Ballsportarten an, heute haben wir dafür ein grösseres Fitnessangebot. Bereiche, die nicht mehr so gefragt sind, zum Beispiel Faustball, laufen langsam aus. Das ist der Lauf der Zeit – das allgemeine Angebot in der Stadt wird grösser und die Beanspruchung der Leute ist anders geworden. Sie wünschen sich mehr Individualität und wollen beispielsweise in ihrer Mittagspause zum Sport gehen. Das können wir mit unseren festen Zeiten in verschiedenen Turnhallen nicht bieten.

Braucht es neben dem vielseitigen Sportangebot von heute dann noch einen BTV?

Ja. Was den Turnverein ausmacht, ist Kameradschaft und ein hochqualitatives Training. Unsere gut ausgebildeten Leiter bieten ein polysportives Training an. Spiele sind auch ein wichtiger Bestandteil des BTV und machen alles etwas unverfänglicher. Gerade von jüngeren Frauen habe ich oft gehört, dass im Verein kein Leistungsdruck besteht. Man kann auch zusammen lachen. Das wird geschätzt.

Thomas Graf, Präsident des Bürgerturnvereins Basel.

Ist der Bürgerturnverein nur noch etwas für Kinder und Senioren?

Die Mitglieder des BTV Basel decken alle Altersklassen ab. Danach richtet sich auch das Kursangebot. Der einzige Bereich, der etwas reicher bestückt sein dürfte, ist die Gruppe der 35- bis 45-Jährigen. Für die Faustballriege dürften sich auch mehr Interessenten melden. Am besten jüngere.

Die BTV-Jugendriege sucht dringend Verstärkung. Habt ihr Nachwuchssorgen?

Wir haben keine Nachwuchssorgen bei den Kindern, sondern suchen neue Leiter. Kinder haben wir sogar extrem viele. Nur in einer unserer drei Jugendriegen sind noch Plätze frei. Bei den anderen haben wir sogar Wartelisten.

Handball war einst ein wichtiger und erfolgreicher Teil des Turnvereins. Heute wird als einzige Ballsportart noch Faustball angeboten. Was ist da passiert?

Als eine BTV-Handballmannschaft damals in der Nationalliga B gespielt hatte, wurde ein guter Trainer engagiert. Das Geld, um diesen zu bezahlen, musste man irgendwie aufbringen. Es kamen auch Leute aus anderen Vereinen dazu. Als der Erfolg ausblieb, sprangen alle ab, die damals neu dazugekommen waren. Da Handball eine relativ harte Sportart ist, hat auch nicht jeder Lust dabei zu sein, bis er 40 ist. Ausserdem hatten wir zu wenig Leiter für die jungen Mannschaften.

Warum?

Vermutlich wegen des grossen Aufwands. Man muss als Leiter doch zwei bis drei Mal pro Woche für Trainings in der Halle stehen. An den Wochenenden stehen Turniere oder Spiele auf dem Programm. Will man nebenbei noch selber auf einem gewissen Niveau aktiv Sport machen, hat das keinen Platz.